Hitzige Debatte über Kosten und Nutzen der Zuwanderung
Die Abgeordneten des Bundestages haben am Donnerstag, 15. Oktober 2026, erstmals einen Antrag der AfD mit dem Titel „Migrationsbilanz für Deutschland – Kosten und Nutzen der Zuwanderung erfassen“ (21/8549(Dokument, öffnet ein neues Fenster)) beraten. Die Vorlage wurde nach der Aussprache den Ausschüssen zur weiteren Beratung überwiesen. Der Ausschuss für Arbeit und Soziales übernimmt die Federführung.
AfD fordert eine Bilanz der Migrationskosten
Hans-Jürgen Goßner (AfD) verwies zu Beginn der Debatte auf einen Artikel in der Tageszeitung „Die Welt“, wonach die Kosten für die Migration in den Jahren von 2016 bis 2025 bei mindestens 400 Milliarden Euro lägen. Eine amtliche Gesamtrechnung, so Goßner, fehle allerdings. „Wer solche Summen bewegt, schuldet den Bürgern eine Abrechnung“, befand er. „Stimmen Sie unserem Antrag zu und lassen Sie in den Ministerien rechnen“, forderte Goßner. So könne man sehen, welche Zuwanderung die Sozialsystem trägt und welche sie belastet und was „langfristig unter dem Strich übrigbleibt“. Dänemark und die Niederlande rechneten längst, sagte er.
Eine niederländische Studie komme bei der Arbeitsmigration auf ein durchschnittliches Plus von 125.000 Euro. „Bei Asylmigration aber auf minus 475.000 Euro Netto-Beitrag“, sagte der AfD-Abgeordnete. Solche Zahlen brauche es auch für Deutschland. „Legen Sie die Bilanz auf den Tisch“, forderte Goßner.
Union: Gelungene Zuwanderung benennen
In dem Antrag finde sich kein einziges Wort über positive Aspekte der Migration und Zuwanderung, hielt ihm Detlef Seif (CDU/CSU) entgegen. „Ist es wirklich so schwer, zu benennen, dass zumindest Teilaspekte der Migration positiv sind“, fragte er und verwies auf das medizinische Personal in Krankenhäusern, Bedienstete in öffentlichen Verwaltungen und Migranten als Unternehmer. Wer vollmundig einen Antrag mit „Kosten und Nutzen der Zuwanderung“ überschreibt, dürfe nicht nur Ängste schüren und negative Aspekte ansprechen, sondern müsse ehrlich sein und auch die positiven Aspekte in die Debatte einbringen.
Die Union, so Seibt, differenziere. „Wir wollen die Chancen gelungener Zuwanderung erkennen und nutzen, aber auch schädliche Zuwanderung verhindern“, sagte er. Nicht jede Zuwanderung sei positiv und vorteilhaft. Auch das müsse adressiert werden, befand der Unionsabgeordnete.
Grüne: Migration ist etwa Tolles
Timon Dzienus (Bündnis 90/Die Grünen) warf der AfD vor, Menschen in nützlich und unnützlich einzuteilen. „Das ist dermaßen widerlich und erinnert mich ehrlicherweise an ganz dunkle Zeiten deutscher Geschichte“, sagte er. „Migration ist etwa Tolles“, befand Dzienus. Sie bereichere das Land im Gegensatz zur AfD, die es kaputt machen wolle. „Das werden wir aber nicht zulassen“, so der Grünenabgeordnete, der alles dafür tun wolle, dass die AfD „niemals an die Macht kommt“.
Manch einer meine in diesen Tagen, „man müsste die Rechtsextremen einfach mal machen lassen“, sagte Dzienus. Mit Blick auf Sachsen-Anhalt und an die CDU gerichtet sagte er: „Um Gottes Willen nicht. Rechtsextreme lässt man nicht gewähren. Rechtsextremen stellt man sich mit aller Geschlossenheit entgegen.“
SPD: Menschen nicht nach ihrer Herkunft sortieren
Sie sei es leid, „immer wieder dieselbe schreckliche Debatte führen zu müssen“, sagte Rasha Nasr (SPD). Immer wieder gehe es um Menschen, die angeblich zu viel kosten. Um Menschen, die angeblich nicht hierhergehören und um Menschen, „deren Herkunft plötzlich wichtiger sein soll als alles andere, was sie ausmacht“. Während man im Bundestag darüber diskutiere, säßen draußen Menschen, die Angst hätten und sich fragten, ob sie und ihre Kinder hier noch eine Zukunft haben, sagte die SPD-Abgeordnete. „Ich habe es satt, dass wir hier immer wieder über Anträge sprechen müssen, in denen Menschen nach ihrer Herkunft sortiert und gegeneinander ausgespielt werden.“
Nasr machte zudem auf Feststellungen der Bundesagentur für Arbeit aufmerksam, wonach seit 2024 das Beschäftigungswachstum in Deutschland „ausschließlich von ausländischen Beschäftigten getragen wird“. Was also koste es die Wirtschaft, wenn Betriebe keine Fachkräfte finden und Menschen fehlen, die in die Sozialversicherungssystem einzahlen, fragte sie. Aber selbst wenn es anders wäre und die Rechnung der AfD irgendwie aufgehen würde, „würde das nichts an der grundlegenden Wahrheit ändern, dass der Wert eines Menschen sich nicht danach bemisst, wieviel er diesem Staat einbringt“.
Linke: Niemand muss seine Nützlichkeit beweisen
Statt über wichtige Dinge wie zu hohe Mieten, kaputte Schulen oder eine mangelhafte Gesundheitsversorgung zu sprechen und Lösungen zu entwickeln, „die das Leben der Menschen wirklich verbessern“, wolle die AfD lieber „Sündenböcke präsentieren und gegen Geflüchtete hetzen“, sagte Clara Bünger (Die Linke). „Das dürfen wir nicht zulassen“, forderte sie. Die AfD wolle eine Migrationsbilanz. Menschen mit Migrationsgeschichte sollten nach ihrem angeblichen Nutzen sortiert werden, sagte Bünger. „Wer mehr einzahlt als er kostet, gilt als Gewinn.“ Wer weniger einzahle gelte als Verlust.
Die Linken-Abgeordnete verwies darauf, dass es häufig heiße, Menschen mit Migrationsgeschichte pflegten unsere Angehörigen, lieferten unser Essen und ernteten unsere Lebensmittel. „Doch wer sie mit ihrem Nutzen verteidigt, übernimmt den Maßstab der AfD“, sagte Bünger. Niemand müsse aber seine Nützlichkeit beweisen, um gleiche Rechte zu haben in diesem Land, machte sie deutlich.
Antrag der AfD
In ihrem Antrag verweisen die Abgeordneten auf die angespannte Finanzlage der Sozialversicherungssysteme (Kranken-, Pflege-, Renten-und Arbeitslosenversicherung). Zur Sicherung der Stabilität dieser Systeme setze die Bundesregierung auf eine verstärkte Zuwanderung. Die empirische Realität zeige jedoch etwas anderes, nämlich eine überdurchschnittlich hohe Zahl von Menschen in der Grundsicherung, die keine deutsche Staatsangehörigkeit besitzen, kritisiert die Fraktion. „Obgleich die fiskalische Stabilisierung sozialer Sicherungssysteme durch die Beitragsleistungen von Zuwanderern theoretisch möglich ist, hängt dieser Effekt in der Praxis maßgeblich davon ab, dass signifikante positive Nettoerträge erwirtschaftet werden und die Migranten nicht primär Sozialleistungen beziehen“, heißt es in dem Antrag.
Die Fraktion fordert deshalb von der Bundesregierung einen Gesetzentwurf, der die regelmäßig fortlaufende wissenschaftsbasierte Evaluation der Auswirkungen von Zuwanderung auf die sozialen Sicherungssysteme Deutschlands kurz-, mittel- und langfristig vorsieht. Außerdem soll die Regierung verpflichtet werden, den Bundestag jährlich über den aktuellen Stand der Evaluationsergebnisse zu unterrichten und eine Studie am Beispiel Dänemarks durchzuführen. (hau/15.10.2026)