Kurz vor den Midterms: Abgeordnete zu Gesprächen in Washington, Georgia und Florida

Vor George Washington im Rayburn Room des US-Kapitols: von links Beatrix von Storch (AfD), Barton Jennings “Bart” Gordon (Mitglied des US-Repräsentantenhauses von 1985 bis 2011), Delegationsleiter Kai Whittaker (CDU/CSU), Tijen Ataoğlu (CDU/CSU), Dr. Philipp Rottwilm (SPD) und Katrin Uhlig (Bündnis 90/Die Grünen). (© DBT/Zehnpfund)
Die Stimmung in den USA vor den Kongresswahlen, der Zustand der transatlantischen Beziehungen und die Bedeutung der Hightech-Branche für Wirtschaft und Wohlstand: Das waren die Top-Themen bei den Gesprächen einer Delegation der Parlamentariergruppe USA des Deutschen Bundestages in der US-Hauptstadt Washington sowie in den Bundesstaaten Georgia und Florida vom 27. September bis 4. Oktober 2026.
Auf ihrer Reise kamen die deutschen Abgeordneten in Washington D.C., Atlanta und Miami mit amerikanischen Kolleginnen und Kollegen aus Repräsentantenhaus und Senat sowie Parlamenten der Bundesstaaten zusammen.
Ein Land im Wahlkampf-Modus
Die Abgeordneten erlebten dabei ein Land im Wahlkampf-Modus. In beiden politischen Lagern, der demokratischen und der republikanischen Partei, herrsche angespannte Stimmung, berichtet Kai Whittaker (CDU/CSU), Vorsitzender der Parlamentariergruppe. Werden die Demokraten die Mehrheitsverhältnisse zu ihren Gunsten kippen oder die Republikaner ihre knappe Mehrheit verteidigen?
Was das für die transatlantischen Beziehungen bedeutet, darüber sprach man auch mit Vertretern der US-Regierung, beispielsweise des U.S. Department of State, des National Security Council und des Pentagon. Auf dem Programm standen zudem Begegnungen mit Think Tanks, Vertretern aus Wirtschaft und Wissenschaft sowie Organisationen der Zivilgesellschaft.
„Die transatlantische Partnerschaft lebt“
Vertreter beider großer Parteien hätten sich gegenüber der deutschen Delegation bemüht, nach den diplomatischen Irritationen seit dem Amtsantritt Donald Trumps die Wogen zu glätten und Verbindendes hervorgehoben, berichtet Whittaker. „Alle Gesprächspartner haben die Bedeutung der bilateralen Beziehungen unterstrichen und die Freundschaft mit Europa betont.“ Bei vielen Amerikanern sei es in den vergangenen Monaten zu einem Umdenken gekommen.
„Europa und die Nato-Partner vor den Kopf zu stoßen wird von vielen als nicht mehr zielführend angesehen“, so der Politiker aus dem Wahlkreis Rastatt. Das werde in der Politik immer deutlicher artikuliert. Die meisten Amerikaner würden – im Gegensatz zur Regierung in Washington – Bewunderung für Europa und eine Verbundenheit mit dem Kontinent empfinden.
In Politik und Gesellschaft werde die Nato nach wie vor als unverzichtbar angesehen. „Das Bewusstsein für die Bedeutung der Militärallianz mit ihrer Aufgabenteilung und ihrer Beistandsklausel steigt wieder.“ Hinzu komme Respekt und Wertschätzung für Deutschland. „Die Amerikaner sind beeindruckt, wie schnell wir militärisch aufrüsten und bei der Unterstützung der Ukraine Verantwortung übernehmen.“ Auch der Freihandel als Bringer von Wohlstand – anstelle von Zollschranken, steigenden Preisen und Mangel – werde wieder positiver bewertet. „Es war in allen Gesprächen sehr spürbar, dass der Isolationismus der MAGA-Bewegung nicht mehrheitsfähig ist“, so Whittaker. „Man kann daher sagen: Die transatlantische Partnerschaft hat gelitten, aber sie lebt und hat zahlreiche Unterstützer.“
Soziale Themen dominieren den Wahlkampf
Die Menschen in den Vereinigten Staaten bewegten ähnliche Probleme wie in Europa: steigende Lebenshaltungskosten stünden an erster Stelle, erklärt der CDU-Politiker, der dem Ausschuss für Arbeit und Soziales und dem Europaausschuss angehört. Es sei auffällig, wie stark die Lebenshaltungskosten in den USA gestiegen seien, erzählt Whittaker. „Ein Sandwich kostet jetzt im Schnitt 10 bis 15 Dollar. Man fragt sich wie sich das Normalverdienende leisten.“ Ob im Restaurant, im Supermarkt oder an der Tankstelle: Unter Druck stünden nicht nur die Einkommensschwächeren, sondern zunehmend auch die breite Mittelschicht.
Die USA haben sich unter Trump verändert, aber es gebe auch viele, „typisch amerikanische“, Konstanten, findet Whittaker. Dazu gehöre, dass die USA weiterhin ein Land seien, das durch seine Widersprüche ebenso fasziniere wie irritiere: Armut und soziale Probleme auf der einen Seite und ein wirtschaftlicher Boom, getrieben durch Hightech, KI und Aufbruchstimmung auf der anderen.
Wirtschaftler Boom getrieben durch High Tech und KI
„Die USA greifen bei Forschung, Hightech und industrieller Anwendung weiterhin nach den Sternen“, so Whittaker. So sei neben der Unzufriedenheit über steigende Preise eine wirtschaftliche Dynamik in vielen Branchen zu beobachten. Augenfällig werde das, wenn man die vielen Rechenzentren betrachte, die im ganzen Land aus dem Boden schießen. Im Stadtbild habe man große Bauaktivitäten gesehen, viele Leute leisteten sich augenscheinlich etwas und schließlich gebe es eine große Lust, Neues auszuprobieren. „Bei der Einführung neuer Technologie ist diese Mentalität Gold wert“, so der CDU-Politiker.
Mit dabei beim US-Boom seien auch zahlreiche deutsche Unternehmen. Startups kämen wegen des technologie- und gründerfreundlichen Klimas. Aber auch Schwergewichte wie BMW. Der Autobauer ist mit seiner Produktion in den USA zum größten amerikanischen Autoexporteur aufgestiegen. Die Offenheit für ausländische Direktinvestitionen sei die andere Seite der von handelspolitischer Abschottung geprägten Wirtschaftspolitik der Trump-Regierung.
Mit Deutschland bestehe eine tiefe wirtschaftliche Verflechtung. Jedoch bestehe noch Luft nach oben: Von der offenen Standortkultur könne Deutschland etwas lernen. „Wir müssen in den USA stärker für Deutschland als Wirtschaftsstandort werben, zeigen, was Deutschland für Potenziale hat.“
Geopolitik, Sicherheit und Verteidigung
„Europa und die USA sind natürliche Verbündete“, findet Whittaker. Es gebe genug gemeinsame Aufgaben und Herausforderungen: Egal ob es darum gehe, Russland von Übergriffen abzuhalten, Seewege freizuhalten oder Chinas unfaire Handelspolitik in die Schranken zu weisen.
„Außerdem müssen wir den Amerikanern klarmachen, dass es ihnen zum Nachteil gereicht, wenn sie gegenüber Europa eine weitere Front aufmachen“, sagt Whittaker. Im Gegenteil müssten die Amerikaner sich in Europa aus eigenem Interesse weiter engagieren, denn „der Krieg um die Ukraine ist nicht nur ein lokales europäisches Problem, wie das Teile der amerikanischen Politik sehen. Der russische Angriffskrieg wird maßgeblich von China, Iran und Nordkorea unterstützt. Wenn die Ukraine fällt, dann ist es eine Frage der Zeit, bis es auch Taiwan trifft.“
Frische Eindrücke für die parlamentarische Arbeit
Als Parlamentarier habe man sich durch die Delegationsreise ein aktuelles Bild der USA machen können und ein Gespür dafür bekommen, wie das Land momentan, so kurz vor den wichtigen Midterms, bei denen die Macht neu verteilt wird, fühlt und funktioniert. Die frischen Eindrücke werde man nun in die parlamentarische Arbeit einbringen.
Dabei werde man Bewährtes weiterführen, Beschädigtes wiederherstellen und neue Türen aufstoßen, und so die transatlantische Partnerschaft ausbauen, um gemeinsam globale Herausforderungen anzugehen. Weitere Delegationsmitglieder waren die Abgeordneten Tijen Ataoğlu (CDU/CSU), Beatrix von Storch (AfD), Dr. Philipp Rottwilm (SPD), Katrin Uhlig (Bündnis 90/Die Grünen) und Caren Lay (Die Linke). (ll/26.10.2026)