Paweł: „Europa darf den Anschluss an die Welt nicht verlieren.“

Paweł aus Polen (IPS-Teilnehmer 2026) (© Aspen Institute Germany)
Paweł aus Konin (Polen) hat „Accounting with a European Language – German“ studiert. Vor dem IPS engagierte er sich bei einer humanitären Mission in Kolumbien. Nach dem Stipendium geht es für ihn weiter nach Shanghai. Seine Erfahrungen auf drei Kontinenten prägen seinen Blick auf die großen globalen Verschiebungen unserer Zeit – von Chinas Aufstieg bis zur Zukunft Europas und seiner Demokratien.
Welche Themen beschäftigen Dich aktuell und wofür setzet du dich ein?
Mich interessiert vor allem die große geopolitische Verschiebung unserer Zeit: Chinas zunehmend selbstbewusstes und offensiveres Auftreten in der Weltpolitik, die Zukunft der Demokratie unter wachsendem Druck und die Rolle neuer Technologien wie KI in Wirtschaft und Politik. Ich bin überzeugt, dass Europa technologisch zunehmend ins Hintertreffen gerät. Wir müssen aktiv von anderen Weltregionen lernen, um wieder international wettbewerbsfähig zu werden. Genauso beschäftigt mich die Frage, wie gut europäische Demokratien auf den Wandel durch KI vorbereitet sind. Gerade auf dem Arbeitsmarkt wird das eine der größten Belastungsproben für unsere demokratischen Systeme sein. Für mich hängt das mit einer größeren Überzeugung zusammen: Europa muss in einer multipolaren Welt aktiv Partnerschaften mit unterschiedlichen Weltregionen aufbauen. Geprägt wurde diese Überzeugung auch durch meine humanitäre Mission in Kolumbien, die mein Interesse an Lateinamerika vertieft hat.
Was war der bedeutendste Moment oder die wichtigste Erkenntnis während Deines Aufenthalts in Berlin?
Der prägendste Moment war die Organisation des Berlin-Besuchs eines polnischen Staatssekretärs im Rahmen einer Ausschusssitzung. Ich unterstützte zunächst nur die Vorbereitung, übernahm dann aber kurzfristig die Federführung, da ein Teammitglied kurzfristig verhindert war. Die wichtigste Erkenntnis daraus: Politische Arbeit lebt von Vertrauen und Verlässlichkeit unter Zeitdruck, nicht von Perfektion im Ablauf. Zum Abschluss seines Besuchs lud mich der Staatssekretär ein, ihn nach dem Stipendium in seinem Ministerium in Warschau zu besuchen. Dieser Moment hat mir gezeigt, dass persönliche Beziehungen und gegenseitiges Vertrauen oft mehr bewirken als formale Kanäle. Das ist eine Erkenntnis, die ich für meinen weiteren politischen Weg mitnehme.
Auf welche Herausforderungen bist Du während Deines Aufenthalts in Berlin gestoßen und wie bist Du damit umgegangen?
Rund zwei Stunden vor dem Besuch des polnischen Staatssekretärs im Ausschuss wurde kurzfristig der Wunsch geäußert, statt Englisch Polnisch zu sprechen.
Unter erheblichem Zeitdruck musste ich daraufhin eine polnischsprachige Dolmetscherin oder einen Dolmetscher organisieren – ohne Vorlauf, mit begrenzten Kontakten und mit der Verantwortung dafür, dass der Termin trotzdem wie geplant stattfinden konnte. Hinzu kamen mehrfache kurzfristige Verschiebungen des Botschaftsbesuchs, die zusätzlichen organisatorischen Stress verursachten. Ich habe gelernt, in solchen Situationen schnell Prioritäten zu setzen, unter Druck ruhig zu bleiben und pragmatische Lösungen zu finden, statt auf den perfekten Plan zu warten. Rückblickend zählte gerade dieser Besuch, trotz oder vielleicht wegen dieser Herausforderungen, zu den absoluten Höhepunkten meines Stipendiums.
Inwiefern unterscheiden sich die parlamentarische Arbeit und Politik in Deinem Heimatland von der in Deutschland?
Ein Unterschied, der mir besonders aufgefallen ist, betrifft Hierarchie und politische Dynamik. In Polen ist der Kontakt zwischen Abgeordneten und Mitarbeitenden oft unmittelbarer. Das politische System lässt zudem mehr Bewegung zu. Neue Parteien und Bewegungen entstehen regelmäßig, Menschen wechseln Lager, und auch Persönlichkeiten ohne lange Parteikarriere können sich durchsetzen. In Deutschland habe ich ein stärker gefestigtes System erlebt. Viele Karrieren verlaufen über Jahrzehnte innerhalb derselben Partei und es bleibt weniger Raum für neue und unabhängige Akteure. Überrascht hat mich zudem das Konzept der „Brandmauer“. In Polen gibt es keine vergleichbare, parteiübergreifende Ausgrenzung demokratisch gewählter Parteien. Insgesamt wirkt das polnische System dynamischer und partizipativer, das deutsche stabiler, aber auch weniger offen für neue politische Kräfte.
Welche beruflichen Ziele möchtest Du innerhalb der nächsten fünf Jahre erreichen?
Direkt im Anschluss an das IPS verbringe ich im Rahmen eines Stipendiums ein Jahr in Shanghai, um Chinas Entwicklung, seinen Aufstieg und seine Rolle in der Welt besser zu verstehen und mögliche Impulse für Europa mitzunehmen. Langfristig möchte ich an der Schnittstelle von Politik, Wirtschaft und internationalen Beziehungen arbeiten, idealerweise in der Europäischen Kommission. Besonders interessiert mich die Frage, wie Europa in einer zunehmend multipolaren Welt handlungsfähig bleiben kann. Ich verstehe mich als Generalist und möchte unterschiedliche Perspektiven und Erfahrungen miteinander verbinden. Langfristig kann ich mir auch vorstellen, diesen Weg in der polnischen Politik weiterzugehen.