24.06.2026 | Parlament

Rede von Bundestagspräsidentin Julia Klöckner zur Einweihung des Mahnmals für die im Nationalsozialismus verfolgten und ermordeten Zeugen Jehovas

[Es gilt das gesprochene Wort]

Sehr geehrte Frau Dörner, 
sehr geehrter Herr Seide,
liebe Kolleginnen und Kollegen,
Herr Staatsminister, 
Herr Neumärker,
Herr Leeck, 
sehr geehrte Damen und Herren! 

Bevor wir heute dieses Mahnmal einweihen, möchte ich an etwas erinnern:

Der Deutsche Bundestag hat seine Errichtung vor drei Jahren einstimmig beschlossen.

Das ist bemerkenswert. Denn über viele Fragen wird in unserem Parlament leidenschaftlich gestritten.

Hier aber bestand Einigkeit.

Einigkeit darüber, dass die als Bibelforscher bekannten Zeugen Jehovas für ihre Verfolgung in der NS-Zeit einen sichtbaren Ort des Gedenkens verdienen.

Auch andere gläubige Christen leisteten Widerstand und wurden von den Nationalsozialisten verfolgt. Die meisten aber passten sich an – manche unterstützten aktiv die Diktatur. 

Die verfolgten Bibelforscher verweigerten sich damals dem Nationalsozialismus in einer besonderen Geschlossenheit.

Sie zeigten nicht den Hitlergruß. Sie traten nicht in die Partei ein. 

Und sie beteiligten sich nicht an der Hetze gegen Juden, gegen Sinti und Roma, auch nicht gegen Homosexuelle.

Im Gegenteil, es gibt viele Berichte über Unterstützung für andere Verfolgte. 

Hier in Berlin half das Ehepaar Emma und Franz Gumz verfolgten Juden. In ihren Erinnerungen beschreibt Inge Deutschkron, wie ihre Mutter von Emma Gumz beinahe angefleht wurde: „Sie nehmen den Judenstern ab und kommen zu uns. Wir verstecken Sie!“

Emma Gumz wird in Yad Vashem als „Gerechte unter den Völkern“ geehrt. 

Auf den Tag genau heute vor 93 Jahren wurde die – ich zitiere aus der Verordnung von 1933 – „Internationalen Bibelforscher-Vereinigung“ in weiten Teilen Deutschlands verboten. Es folgten Razzien, Enteignungen, Haftstrafen, Todesurteile, Deportationen. Die ganze Maschinerie des Terrors. 

Mehr als 13.000 Zeugen Jehovas aus Deutschland und den besetzten Ländern Europas gerieten in das Visier der Nationalsozialisten. Mindestens 1.700 von ihnen überlebten die Verfolgung nicht. 

Sie wurden als Kriegsdienstverweigerer hingerichtet oder kamen unter den unmenschlichen Bedingungen von Haft und Lager um. 

Insassen der Konzentrationslager erinnern sich oft sehr eindrücklich an ihre Mithäftlinge mit dem lila Winkel. Denn auch in den Lagern blieben sie sich treu – und unbeugsam. 

Es gab heimliche Bibellesungen. Einzelne weigerten sich sogar, an Appellen teilzunehmen oder Verbandsmaterial für Soldaten an der Front zu rollen.

Die SS versuchte, sie zu brechen, mit brutaler Gewalt und Misshandlung. Einige lockte die SS mit Freilassung, falls man dem Glauben abschwören würde.

Die allerwenigsten ließen sich darauf ein. 

Am organisierten Lagerwiderstand beteiligten sie sich dagegen bewusst nicht. Die Zeugen Jehovas strebten keinen Umsturz an. Sie wollten einzig ihren Glauben leben. 

Aber in der Not der Lager waren es oft sie, die ihr karges Brot mit anderen teilten. 

Dieses Denkmal gilt den Menschen, die als damalige Bibelforscherinnen und Bibelforscher, als Zeugen Jehovas, vom nationalsozialistischen Staat verfolgt wurden. 

Es gilt den Menschen, die bitteres Unrecht erlitten und dennoch immer wieder Menschlichkeit zeigten.

Gewidmet ist es ihrem Leiden, ihrem Mut und ihrer Gewissensfestigkeit.

Es ist kein Denkmal für eine Institution.

Es ist auch keine Verbeugung vor einer Religionsgemeinschaft. Es ist eine Verbeugung vor den Opfern des Nationalsozialismus. 

Es ist ein Denkmal für verfolgte Menschen.

Die Entscheidung für diesen Erinnerungsort hat lange gedauert. Denn auch nach dem Ende des Nationalsozialismus blieben Vorbehalte gegen die Glaubensgemeinschaft. Ihr Glaube blieb vielen Menschen fremd und suspekt. Ihre Verfolgung und ihr Leid wurden zu wenig gesehen.

Die DDR setzte sogar die staatliche Verfolgung fort. 

Das von Deutschen und in deutschem Namen begangene Unrecht ist in der Welt ohne Beispiel. Unsere deutsche Erinnerungskultur deshalb auch. 

Immer wieder wird darüber diskutiert, wie wir erinnern. Wen wir sichtbar machen. Welche Geschichten lange übersehen wurden.

Das ist manchmal mühsam. Aber gerade darin zeigt sich die Freiheit einer demokratischen Gesellschaft.

Entscheidend ist, dass wir uns diesen Fragen stellen. Und dass die Opfer nicht in Vergessenheit geraten.

Mit diesem Denkmal setzen wir auch ein Zeichen für unsere Erinnerungskultur: Wir schulden allen, die im Nationalsozialismus verfolgt wurden, ein würdiges Gedenken. 

Die Lebenswege der Verfolgten und ihrer Angehörigen waren unterschiedlich. Manche blieben ihrer Glaubensgemeinschaft verbunden. Andere gingen neue Wege. Unser Gedenken umfasst sie alle.

In einigen Staaten – von Russland bis Eritrea – werden die Zeugen Jehovas noch heute unterdrückt. 

In Deutschland schützt das Grundgesetz die Freiheit des Glaubens, der Weltanschauung und des Gewissens. 

Es schützt religiöse Minderheiten. Gerade auch Minderheiten, deren Überzeugungen vielen fremd sind.

Und es schützt ebenso die Freiheit, einer Religionsgemeinschaft nicht anzugehören, sie zu verlassen oder sie zu kritisieren.

Das unterscheidet die Demokratie von der Diktatur.

Die Demokratie achtet die Würde des einzelnen Menschen. Sie schützt die Freiheit der Überzeugung. Und sie schützt die Freiheit, anders zu sein. 

Das nie zu vergessen, auch dafür steht dieses Denkmal. 

Vielen Dank.