13.08.2026 | Parlament

Rede von Bundestagspräsidentin Julia Klöckner zum 65. Jahrestag des Mauerbaus bei der Gedenkveranstaltung am 13. August 2026 in der Kapelle der Versöhnung

[Es gilt das gesprochene Wort]

Herr Regierender Bürgermeister,
Liebe Kolleginnen und Kollegen aus dem Deutschen Bundestag und dem Abgeordnetenhaus von Berlin,
Herr Staatsminister für Kultur und Medien,
Liebe Frau Zupke, Bundesbeauftragte für die Opfer der SED-Diktatur,
Sehr geehrte Damen und Herren,

Walter Ulbricht hatte zur Gartenparty eingeladen. Mitglieder des Politbüros, Minister und Staatssekretäre kamen an den Großdöllner See. Der Grund der Einladung
Unklar. 
Die Sonne schien, die Gesellschaft war ausgelassen. Es gab ein buntes Programm. Die Gäste spazierten durch den Wald, hörten im Garten Musik. Eine sowjetische Filmkomödie wurde gezeigt. Ihr Name: „Rette sich, wer kann!“ 
Am späten Abend berief Ulbricht eine Sitzung ein. Er hatte etwas Historisches vor. Niemand widersprach. Kurz danach fuhren in Berlin Truppen auf, um die Sektorengrenzen abzuriegeln. 
Bis zu dieser Sommernacht hatten fast drei Millionen Menschen der DDR den Rücken gekehrt. Vor allem junge, gut ausgebildete. Wer konnte, ging. In den Westen, in das freie Deutschland.  

Wer zögerte, stand jetzt vor der Frage: hierbleiben oder alles riskieren? 

So wie Günter, 24 Jahre alt. Er wollte Theaterschneider werden, hatte schon alles für den Umzug in den Westen vorbereitet. Der Morgen des 13. August 1961 war ein Schock. Günter entschloss sich zur Flucht. Keine zwei Wochen später war er tot. Erschossen im Humboldthafen.
Günter Litfin war das erste Opfer des Schießbefehls in Berlin. 
Am 13. August entschied der Wohnort, das Stadtviertel oder gar die Straßenseite über Freiheit und Unfreiheit. Die Mauer teilte nicht nur die Bernauer Straße, nicht nur Berlin. Sie teilte Deutschland, Europa. Und sie teilte die Welt. Der Tag zerriss Verbindungen, die zwischen den beiden Welten standen. Eltern sahen ihre Kinder nicht wieder. Liebespaare verloren einander. Menschen wollten in die Freiheit und sprangen in den Tod. Wie Ida Siekmann, nicht weit von hier entfernt. 
Und wenn man das Glück hatte, sich Jahre später wieder zu treffen, war man nicht mehr derselbe. 
Eine Mauer durch eine Stadt zu ziehen, ist ein Akt politischer Gewalt.
Die DDR war kein Friedensstaat – sie kämpfte gegen diejenigen, die eine eigene Meinung vertraten, ihre Freiheit leben und sich nicht unterordnen wollten. 

In den ersten drei Wochen nach dem Mauerbau verhafteten die Behörden tausende Menschen wegen „staatsfeindlicher Hetze“ oder „Staatsverleumdung“ So nannte man die Kritik an Maßnahmen der Regierung. 
Der staatliche Terror wurde nach dem Mauerbau immer effizienter, menschenfeindlicher. In Haftanstalten wie Hohenschönhausen wurden Menschen gequält, gefoltert, erniedrigt. Misstrauen wurde zur Staatsdoktrin – die Zersetzung politischer Gegner zum Herrschaftsinstrument. Die Stasi war die Lebensversicherung des Regimes. 
Trotz allem beschwor die DDR freiheitliche Werte. Die Worte „Demokratie“ und „demokratisch“ standen rund 90-mal in der Verfassung. Freie Wahlen wurden vorgetäuscht. Es wurden sogar Freizügigkeit und das Recht auf Auswanderung versprochen.
Es blieben Versprechen. Der Schein war Demokratie, der Schatten war die Diktatur. Der Mauerbau war der Moment, an dem die Aussichtslosigkeit der politischen Lage zementiert wurde. Ein Arrangement zwischen den Systemen schien nicht mehr möglich. 
Die Teilung führte nicht nur zu zwei Staaten einer Nation. Sie führte auch zu zwei deutschen Identitäten
Die Bürger der Bundesrepublik und der DDR sahen die Welt in den nächsten Jahren aus verschiedenen Blickwinkeln. Sie teilten mit den Deutschen auf ihrer Seite Erfahrungen, die die Deutschen auf der anderen Seite nicht teilten. 
Das waren nicht nur die Alltagserfahrungen in der Demokratie und der Diktatur. Es waren auch die großen Zäsuren: Der Prager Frühling, der RAF-Terror, die Solidarność-Bewegung, die Katastrophe von Tschernobyl – über diese Themen wurde diesseits und jenseits der Mauer anders informiert, all dies wurde anders diskutiert und beantwortet.
Trotz aller Bemühungen war die Deutsche Einheit deshalb irgendwann unwahrscheinlich geworden. Wenige Monate vor dem 9. November 1989 glaubten nur noch wenige daran. Umso größer war das Wunder. Es war die erste friedliche Revolution, die in Deutschland geglückt ist. 

„Ein Traum ist in Erfüllung gegangen“, sagte Helmut Kohl.
„Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört“, sagte Willy Brandt. 
Heute müssen wir fragen: Ist es zusammengewachsen? 
Wir nehmen es kaum noch wahr, wenn wir von Niedersachsen nach Mecklenburg-Vorpommern fahren, von Thüringen nach Hessen, von Bayern nach Sachsen. Die frühere Grenze ist fast unsichtbar geworden. Orte wie hier an der Bernauer Straße sind zur touristischen Sehenswürdigkeit geworden. 
Und doch ist sie da. Die Mauer hat in Deutschland Spuren gezogen, die unsere Wege heute noch beeinflussen. „Ost“ und „West“ spielen in unserem Selbstverständnis weiterhin eine Rolle. 
Politische Fragen werden auf beiden Seiten manchmal sehr unterschiedlich beantwortet: Migration, Corona, der Umgang mit Russland– große Streitthemen werden zu neuen, unsichtbaren Mauern. Junge Menschen sagen, sie fühlen sich gemeinsam ostdeutsch, nur weil sie auf einer bestimmten Seite des Landes geboren wurden. 
Die Mauer stand 28 Jahre. Sie fiel vor 37 Jahren – und scheint doch häufig noch in unseren Köpfen zu stecken.
Selbst in den Generationen, die nach dem Mauerfall geboren wurde, wirkt sie nach. 
Das mag paradox erscheinen. Denn zugleich rückt die DDR für viele junge Menschen immer weiter in die Geschichte. Für viele Jugendliche sei die DDR heute so weit entfernt wie das Römische Reich. Das sagte uns im Präsidium des Deutschen Bundestages vor ein paar Wochen Mario Röllig, der als junger Mann im Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen inhaftiert war. 
Warum konnte die Mauer als Bauwerk so schnell verschwinden und dennoch teilen wir dieses Land so häufig noch in Ost und West?
Was haben wir falsch gemacht?
Schauen wir zurück. Der Neubeginn in der Demokratie war für viele Ostdeutsche enttäuschend, beängstigend, desillusionierend. 
Im Westen begann die Demokratie mit dem Wirtschaftswunder. Im Osten mit Massenarbeitslosigkeit. Mit der Treuhand verbanden viele die Zerstörung der eigenen Lebensgeschichte. Die Abstiegsangst, die Hoffnungs- und Perspektivlosigkeit vieler Familien hat sich tief ins kollektive Bewusstsein gegraben. 

Manche fragten: Ist das das Leben, für das wir auf die Straße gegangen sind?
Zugleich war im Westen die Bereitschaft gering, das Leben der Landsleute kennenzulernen. Zu verstehen, wie schwer für viele der Übergang war. Für Westdeutsche änderte sich mit der Einheit nicht viel. Doch sie haben unterschätzt, wie tiefgreifend die Umbrüche für ihre Landsleute waren. Für Ostdeutsche änderte sich mit der Einheit alles. Manche Erfahrungen des Übergangs wirken bis heute nach. Wer sie verstehen will, muss bereit sein zuzuhören. Für alle Deutsche aber gilt: wir müssen verstehen wollen. Auch dafür gedenken wir. Auch dafür blicken wir zurück.
Wir müssen aus unserer Geschichte lernen. Wir dürfen uns nicht in ihr verlieren. 
1989 war es Mut, der die Mauer zum Einsturz brachte. Auch heute ist Mut gefragt. Der Mut, aufeinander zuzugehen. Wir wollen die Hindernisse überwinden, die manchmal immer noch zwischen uns sind. Um aufeinander zuzugehen, müssen wir die eingetretenen Wege verlassen. 
Die Ideen von 1989 waren Freiheitsideen. Heute sind sie erneut in Gefahr – nicht durch Stacheldraht, sondern durch Gleichgültigkeit und Desinteresse. 

Durch hohe Erwartungen und die Versuchung, Verantwortung mehr und mehr an den Staat zu delegieren. 
Durch die Illusion, einfache Antworten lösten komplexe Fragen. 

Die SED nannte die Mauer einen „antifaschistischen Schutzwall“.
Sie war das Ergebnis eines Staates, in der eine Idee größer wurde als die Menschen. Sie wurde zur unmenschlichen Idee, in der der einzelne Mensch seinen Wert verloren hatte.
Unser Grundgesetz setzt dem etwas anderes entgegen. Es beginnt nicht mit einem Staat und nicht mit einer Ideologie. Es beginnt mit dem Menschen und seiner Würde. Sie ist unantastbar. Das ist unser Schutzschild gegen jede Form der Unmenschlichkeit.
Ein freies Land braucht einen solchen Schutzschild. Es braucht keinen Schutzwall.
Die Frage, ob die Ideen von 1989 weiter gelten, entscheidet sich aber nicht nur bei uns in Deutschland – in Berlin, in unseren Kommunen, Dörfern. Sie entscheidet sich auch in den Orten, in denen die europäische Friedensordnung gefährdet wird. Deshalb ist eine Lehre von 1989, dass wir diesen hart errungenen Frieden in einem freien Europa nicht riskieren dürfen. Wir müssen für ihn kämpfen.
Freiheit können wir nicht verwalten. Wir müssen sie mit Leben und mit Vertrauen füllen. Im Zweifel müssen wir sie verteidigen – gegen Gleichgültigkeit, Desinteresse, Relativierungen – aber auch gegen Freiheitsfeinde. Im Innern, wie nach außen. Die Entscheidung für die Freiheit muss jede Generation – gerade im Angesicht unserer Geschichte – neu treffen.
Denn für die Freiheit entscheidet man sich, für die Unfreiheit nicht. Lassen wir nicht andere über unsere Freiheit entscheiden.

Vielen Dank!