Begrüßungsansprache von Bundestagspräsidentin Julia Klöckner zur Eröffnung der Ausstellung „Kokoschkas Adenauer. Warhols Brandt: Außergewöhnliche Begegnungen zwischen Kunst und Politik“ im „Forum Kunst“ des Deutschen Bundestags
[Es gilt das gesprochene Wort]
Sehr geehrte Frau Merkel,
liebe Frau Dr. Bergmann-Pohl,
liebe Familie Adenauer,
liebe Kolleginnen und Kollegen,
liebe Gäste!
Im Herbst 1965 sitzt Konrad Adenauer im D-Zug nach Italien.
Kurz hinter Basel steht der Altkanzler auf und macht sich auf den Weg zur Toilette.
Das ist der Moment, auf den ein junger Bonner Kunsthändler gewartet hat.
Johannes Wasmuth folgt ihm – und passt ihn dort ab.
Sein Anliegen ist nicht ganz alltäglich:
Er möchte Konrad Adenauer von Oskar Kokoschka malen lassen.
Adenauer sagt zu.
Manchmal braucht es jemanden, der ziemlich hartnäckig eine Idee verfolgt. In der Kunst ebenso wie übrigens in der Politik.
Ein gutes halbes Jahr später steht der damals 90-jährige Adenauer in Cadenabbia vor Oskar Kokoschka Modell.
Es entstand eines der berühmtesten politischen Porträts der frühen Bundesrepublik.
Auch heute noch sorgen Porträts für große Aufmerksamkeit.
Doch warum gibt es überhaupt noch Porträts?
Gerade von Politikern, die wir von tausenden Fotografien und Filmaufnahmen kennen.
Die Antwort könnte sein: Ein Porträt bildet nicht einfach ab, sondern ist immer auch eine Deutung
Es geht um die Frage: Wie machen wir uns ein Bild von einem Menschen?
In jedem Porträt stecken mindestens drei Bilder zugleich:
- das Bild, das ein Mensch von sich selbst hat,
- das Bild, das ein Künstler in ihm erkennt
- und das Bild, das eine Gesellschaft von ihm bewahrt.
In unserer Ausstellung „Kokoschkas Adenauer. Warhols Brandt“ geht es um gleich zwei Kanzlerportraits – beide sehr unterschiedlich.
Und nebenbei geht es heute Abend sicherlich auch um ein drittes Bild, das gar nicht Teil unsere Ausstellung ist: das erste offizielle Porträt einer Bundeskanzlerin, Jérémie Queyras (sprich: Kee-RASS) Porträt von Angela Merkel.
Es ist derzeit im Bode-Museum hier in Berlin zu sehen und ein Publikumsmagnet.
Liebe Angela,
Kokoschkas Adenauer gehört zwar dem Deutschen Bundestag. Aber wenn man ehrlich ist, fühlt er sich inzwischen fast ein wenig nach Angela Merkel an.
Schon als Fraktionsvorsitzende hat Dich dieses Bild begleitet. Später zog es mit Dir ins Bundeskanzleramt – und nach dem Ende Deiner Kanzlerschaft weiter in Dein aktuelles Büro „Unter den Linden“.
Für diese Ausstellung mussten wir deshalb nicht nur ein Kunstwerk ausleihen. Wir mussten Dich davon überzeugen, Dich für einige Wochen von einem ziemlich vertrauten Begleiter zu trennen.
Ich weiß: Das ist Dir nicht ganz leichtgefallen.
Umso mehr danke ich Dir, dass wir Kokoschkas Adenauer heute hier zeigen können.
Ich freue mich, nachher über Deine Beziehung zu diesem Bild und Adenauer sprechen zu können.
Vielleicht auch über Deine Erfahrung, porträtiert zu werden.
Kunst und Politik funktionieren sehr unterschiedlich.
Politik muss eindeutig sein, entscheiden. Erfolgreiche Politik muss Mehrheiten finden.
Kunst darf offenlassen, Interpretationsspielraum geben. Kunst braucht nicht die Mehrheit hinter sich versammeln, darf anecken. Vielleicht muss Kunst das sogar.
Doch es gibt auch Gemeinsamkeiten. Auch die Politik lebt von Vielfalt, von Widerspruch, vom kritischen Blick.
Im Deutschen Bundestag begegnen sich Kunst und Politik auf einigen Ebenen. Immer wieder stoßen wir in unseren Gebäuden auf Kunst. Der Bundestag hat über Jahrzehnte eine eigene kleine Kunstsammlung angelegt.
Ein demokratisches Parlament sollte auch der Kunst Raum geben.
Das Spannende ist dabei: Wer Kunst bei sich aufnimmt, macht dies, ohne festlegen zu dürfen, was diese Kunst sagen soll. Das liegt eben häufig im Auge des Betrachters.
Der Bundestag hat es sich seit langem zum Ziel gesetzt, ganz unterschiedlichen Künstlerinnen und Künstlern Raum zu geben.
Seit anderthalb Jahren gibt es dafür hier im Marie-Elisabeth-Lüders-Haus das „Forum Kunst im Deutschen Bundestag“. Es schafft einen öffentlichen Ort, der Kunst und Politik in den Dialog bringt. Dies ist bereits die zweite Ausstellung, die wir hier zeigen.
Meine Damen und Herren,
das Adenauer- und Brandt-Porträt sind Höhepunkte unserer Sammlung. Offizielle Kanzlergemälde sind beide aber nicht.
Beim Adenauer-Porträt begann alles, wie wir gehört haben, mit Johannes Wasmuth und seiner ungewöhnlichen Begegnung im D-Zug.
Schließlich kam Kokoschka 1966 nach Cadenabbia.
Sein Honorar floss einem guten Zweck zu.
Das Gemälde gelangte als Schenkung an den Deutschen Bundestag.
Dass heute nicht nur das Kanzleramt, sondern auch das Parlament ein bedeutendes Kanzlerporträt besitzt, ist also ein Stück weit glücklicher Fügung zu verdanken.
Aber die Symbolik gefällt mir.
Denn ein selbstbewusstes Parlament macht sich sein eigenes Bild von der Geschichte.
Liebe Frau Volke,
ich danke Ihnen und Ihrem Team, das für die Kunst im Bundestag zuständig ist. Sie haben dafür gesorgt, dass zwei Meisterwerke unserer Sammlung endlich erstmals gemeinsam in der Öffentlichkeit stehen.
Meine Damen und Herren,
die Ausstellung hat noch einen zweiten Anlass:
Im Januar dieses Jahres wäre Konrad Adenauer 150 Jahre alt geworden.
Sein politisches Vermächtnis ist noch immer – und vielleicht wieder – besonders aktuell.
Als Leitmotiv für den heutigen Abend haben wir ein Adenauer-Zitat ausgewählt:
„Demokratie erschöpft sich für uns nicht in der parlamentarischen Regierungsform. Sie ist für uns eine Weltanschauung.“
Es ging Adenauer damit um das christliche Menschenbild. Darum, dass eine Demokratie nur trägt, wenn sie die Würde jedes Einzelnen wahrt.
Adenauer hat die Bundesrepublik in das westliche Bündnis integriert. Doch was mindestens genauso wichtig war: Er hat große Teile der deutschen Gesellschaft mit westlichen Werten versöhnt.
Er hat dabei Mut und strategisches Geschick bewiesen. Gerade die weltpolitischen Umbrüche unserer Gegenwart lassen uns spüren, wie kostbar Adenauers Weitsicht war – und wie wenig selbstverständlich.
Vielen Dank.