Rede bei der Fachkonferenz „Traumasensibilität in der Pflege stärken“

Evelyn Zupke bei ihrer Rede im Marie-Elisabeth-Lüders-Haus des Bundestages. (© Team Zupke)
Wir sprechen heute über Menschen, deren Leben durch Gewalt, Verfolgung, Kontrolle und Fremdbestimmung geprägt worden ist. Und darüber, was solche Erfahrungen bedeuten können, wenn die Menschen im Alter auf Pflege und Unterstützung angewiesen sind.
Dazu bringen wir heute unterschiedliche Perspektiven an einen Tisch:
- Menschen aus der Pflege.
- Menschen aus der Beratung von Opfern des SED-Unrechts und Opfern, die sexualisierte Gewalt erfahren haben.
- Menschen, die politisch verfolgt wurden in der DDR.
- Menschen, die selbst Betroffene sexualisierter Gewalt sind.
- Menschen aus der Wissenschaft.
- Menschen aus der Aus-, Fort- und Weiterbildung im Pflegebereich.
Warum diese Konferenz so wichtig ist, das habe ich erst vor zwei Wochen in der Gedenkstätte Hoheneck wieder einmal ganz unmittelbar gespürt.
Hoheneck war das zentrale Frauengefängnis der DDR, wo auch die meisten politisch inhaftierten Frauen eingesperrt waren.
Hinter diesen Mauern erlebten sie häufig einen einzigen Albtraum: Gewalt, Arreste, Wasserzelle, Hunger, Haftzwangsarbeit. Ein System strenger Kontrolle und Überwachung, ohne jegliche Selbstbestimmung.
Beim Tag der Begegnung kamen in Hoheneck ehemalige inhaftierte Frauen, ihre Kinder und ihre Enkelkinder zusammen. Die Kinder und Enkelkinder haben mir erzählt, dass sie erst nach und nach verstehen, warum bestimmte Dinge für die Mutter oder die Großmutter eine besondere Bedeutung haben. Warum sie zum Beispiel panisch wird, wenn man eine Tür hinter ihr schließt. Warum sie einen Schlüssel nur einzeln trägt und beim Klappern eines Schlüsselbundes zusammenzuckt.
Diese Frauen sind traumatisiert.
Und jetzt stellen Sie sich vor: Ein solch traumatisierter Mensch ist im Alter auf Pflege angewiesen. Die Kinder oder Enkelkinder, die diese Reaktionen inzwischen kennen und verstehen, sind nicht immer dabei.
Da trifft eine Frau, die seit der Zeit ihrer Haft Angst vor Schlüsselbünden hat, auf eine Pflegerin, die einen eng getakteten Zeitplan abarbeiten und dauernd Türen aufschließen muss.
Beide stehen unter ihrem eigenen Druck. Die eine reagiert aus ihrer Angst heraus. Die andere muss unter hohem Zeitdruck ihren Pflegealltag bewältigen. Da sind schwierige Situationen fast vorprogrammiert.
Ich war selbst lange in der sozialen Arbeit tätig. Ich habe mich um Menschen mit Behinderung und um Menschen mit psychischen Erkrankungen gekümmert.
Ich weiß, dass man als pflegende Person den Menschen, der einem anvertraut ist, so gut unterstützen will wie es geht. Aber dass man an Grenzen stößt, wenn man die Ursache für unerwartete Reaktionen nicht kennt.
Wenn man die Narbe des Gegenübers nicht sieht, wenn man nichts über die Verletzung dahinter weiß, ist es schwer, richtig damit umzugehen.
Manches Verhalten, das auf den ersten Blick schwierig, abweisend und unverständlich erscheint, ist in Wahrheit eine Schutzreaktion. Eine Reaktion auf Erfahrungen von Gewalt, Kontrolle und Demütigung, die Jahrzehnte zurückliegen können.
Traumata wie bei den Frauen aus Hoheneck wirken ein Leben lang. Und das gilt nicht nur für Traumata aus der SED-Diktatur, sondern natürlich auch für Traumata durch sexualisierte Gewalt, Machtmissbrauch oder andere Formen von Gewalt.
Als SED-Opferbeauftragte treffe ich viele Menschen, die ihre Kindheit oder Jugend in der DDR in Spezialkinderheimen oder Jugendwerkhöfen verbringen musste. Sie leben bis heute mit tiefen traumatischen Belastungen. In diesen Heimen gehörten militärischer Drill, Zwangsarbeit und eine rigide Kollektiverziehung zum Alltag.
Für manche der Betroffenen kann deshalb heute schon das Wort „Heim“ allein verstörend sein – auch wenn ein heutiges Pflegeheim natürlich nichts mit den Zwangsinstitutionen der DDR zu tun hat.
Es sind Ängste, wieder fremdbestimmt zu sein. Wieder ausgeliefert zu sein. Wieder nicht selbst entscheiden zu können, wann man was tut.
Manche Betroffene der DDR-Heimerziehung haben mir berichtet, dass sie sogar auf eigentlich notwendige Pflege verzichten, weil ihre Ängste zu groß sind.
Genau hier liegt unsere Aufgabe: dafür zu sorgen, dass solche Ängste und Reaktionen erkannt und verstanden werden.
Deshalb habe ich diese Fachkonferenz organisiert, gemeinsam mit der Unabhängigen Kommission des Bundes zur Aufarbeitung sexuellen Kindermissbrauchs, die die Studie von Frau Prof. Gahleitner finanziert hat, sowie der Fachstelle „Aktiv gegen sexualisierte Gewalt“ der Diakonie Deutschland.
Wir wollen den Blick dafür schärfen, was Menschen mit solchen Erfahrungen bei Krankheit und im Alter in der Pflege brauchen. Und auch dafür, was Pflegekräfte und Einrichtungen brauchen, um den Bedürfnissen dieser Menschen ebenso wie den eigenen in einem stressigen Arbeitsalltag besser gerecht werden zu können.
Wir wollen den Menschen, die Unrecht erfahren haben und heute oder künftig pflegebedürftig sind, die bestmögliche Pflege bieten. Und wir wollen den Menschen in der Betreuung und Pflege konkrete Hilfen an die Hand geben, damit sie traumatische Reaktionen besser erkennen, verstehen und berücksichtigen können.
Denn:
- Traumasensible Pflege braucht Zeit, Traumata wahrzunehmen und einzuordnen.
- Traumasensible Pflege braucht Kommunikation mit den Menschen, um Sicherheit zu geben: Hier wird nicht über mich bestimmt, sondern ich werde gehört, ich kann mitbestimmen, ich bin nicht ausgeliefert.
- Und traumasensible Pflege braucht Wissen, wie man traumatisierten Menschen gerecht wird.
Daher sollten wir Traumasensibilität auch in der Ausbildung, in der Fort- und Weiterbildung und in den Pflegeeinrichtungen insgesamt verankern.
Ich bin dankbar, dass heute auch Frau Verena Bikas hier ist. Sie ist Mitglied der Fachkommission nach dem Pflegeberufegesetz. Die Fachkommission überarbeitet derzeit die Rahmenlehrpläne für die Pflegeberufe. Ich durfte bereits erfahren, dass auch das Thema Traumasensibilisierung aufgenommen werden soll.
Jetzt freue ich mich auf einen intensiven Austausch und auf viele neue Erkenntnisse.
Vor allem hoffe ich, dass wir heute Anregungen geben und mitnehmen können – für die Pflegepraxis, für Pflegeeinrichtungen und ihre Träger, für die Aus-, Fort- und Weiterbildung.
Dabei wirkt dieser Austausch auch über den heutigen Tag hinaus: Dank der Aufzeichnung durch das Parlamentsfernsehen können Pflegende und andere Interessierte unsere Fachkonferenz später auch weiterhin online abrufen.
Liebe Gäste, bevor wir zu unseren zwei Panels kommen, dürfen wir uns auf weitere Grußworte freuen.
Nach dem nächsten Grußwort wird Frau Dr. Angelika Censebrunn-Benz die Moderation der Veranstaltung übernehmen. Sie ist Historikerin und Sozialwissenschaftlerin und leitet aktuell eine Kinderheim-Aufarbeitungsstudie an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München. Zuvor hat sie intensiv zu DDR-Heimkindern geforscht und sich mit traumatisierten Menschen in der Pflege befasst. Es gäbe keine bessere Moderatorin für diese Veranstaltung!
Aber zunächst darf ich Ihnen, liebe Frau Staffler, als Pflegebevollmächtigter der Bundesregierung das Wort erteilen. Herzlichen Dank, dass Sie heute hier sind. Mit Ihrem Grußwort geben Sie dem Thema traumasensibler Pflege Aufmerksamkeit und Sichtbarkeit. Sie zeigen, dass die besonderen Bedürfnisse von Menschen mit Unrechtserfahrungen auf politischer Ebene wahrgenommen werden.
Vielen Dank.