10.11.2025 | Parlament

Grußwort bei der Berlin Freedom Conference im Gasometer auf dem EUREF-Campus, Berlin

Das Foto zeigt eine Frau, die in einem Saal auf einer Bühne an einem Mikrofon steht und hinein spricht.
Das Foto zeigt eine Frau, die in einem Saal auf einer Bühne an einem Mikrofon steht und hinein spricht. Das Foto zeigt mehr von der Bühne. Rechts neben der frau stehen 4 leere Sessel. Hinter ihr sind zwei große Bildschirme. Ein Bildschirm zeigt die sprechende Frau (vergrößert für das Publikum). Der andere Bildschirm gibt das Logo Berlin Freedom Conference wieder.

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Die SED-Opferbeauftragte während ihrer Rede. (© Team Zupke)

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Die Veranstaltung wurde online Live übertragen. (© Team Zupke)

Sehr geehrter Herr Regierender Bürgermeister,
lieber Kai Wegner,
sehr geehrte Gäste,

mein Name ist Evelyn Zupke. Ich bin in der DDR, in der Diktatur, aufgewachsen. Ich bin Beauftragte des Deutschen Bundestages für die Menschen, die in der DDR politisch verfolgt und zu Opfern der Diktatur wurden. Die Beauftragte für die Menschen, die für ihren Kampf für Freiheit und Selbstbestimmung in der DDR, vom Regime hart bestraft wurden. Politische Haft, Benachteiligung bei der Ausbildung und im Beruf, Eigentumsentziehungen und Zwangsumsiedlungen, erzwungene Adoptionen und sogenannte Maßnahmen zur psychischen Destabilisierung und Einschüchterung der Betroffenen. All das gehörte zu den Instrumenten, um konformes Verhalten zu erzwingen oder staatliche Interessen durchzusetzen. An den Folgen der erlebten Repression leiden die Menschen bis heute. 

Was bedeutet uns die Freiheit? Diese Frage stelle ich mir in meiner Arbeit tagtäglich. 

Was bedeutet uns die Freiheit?

Wenige Kilometer von dem Ort, an dem wir heute tagen, verlief die Berliner Mauer. Demokratie auf der einen und Diktatur auf der anderen Seite. Die Berliner Mauer und die innerdeutsche Grenze. Sie war mehr als nur ein Riss durch unsere Hauptstadt und das ganze Land. Sie war das zu Stein, Beton und Stacheldraht gewordene Signal eines repressiven Staates an seine Bürger: Eure Freiheit liegt in unseren Händen!

Was bedeutet uns die Freiheit?

Jutta Gallus war Mutter von zwei kleinen Töchtern. Sie wünschte sich Freiheit für sich und ihre Kinder. Im Sommer 1982 wandte sie sich daher an eine Fluchthilfeorganisation, die sie, ihre Töchter und ihren Lebensgefährten, über Rumänien und das damalige Jugoslawien in die Bundesrepublik bringen sollte. Ihre Flucht aber scheiterte. In Bukarest wurden sie von der Geheimpolizei verhaftet. Ihr Weg führte nicht in die Freiheit, sondern für sie in die Gefängniszellen der SED-Diktatur und ihre Töchter in ein Heim für schwererziehbare Kinder. Als Jutta Gallus schließlich durch den Häftlingsfreikauf in den Westen kam, war ihre neu gewonnene Freiheit nur eine halbe Freiheit. Jahrelang musste sie um ihre Kinder kämpfen. Mit Mahnwachen, Hungerstreiks und Petitionen machte sie auf ihre Lage aufmerksam. Immer wieder stand sie bei Schnee, Eis und Wind mit einem selbstgemalten Schild am Checkpoint Charlie, dem bekanntesten Grenzübergang zwischen Ost- und Westberlin, um auf das Schicksal ihrer Familie aufmerksam zu machen. Als „Frau vom Checkpoint Charlie“ gingen die Bilder von ihr um die Welt. Erst 1988, nach sechs quälenden Jahren und erst durch internationalen Druck, durften ihre Kinder die DDR verlassen und sie konnte ihre Töchter endlich wieder in ihre Arme schließen. 

Was bedeutet uns die Freiheit? Heute ist es in unserem Land – in ganz Deutschland – völlig selbstverständlich in Freiheit zu leben. Ich möchte sagen, für viele Menschen zu selbstverständlich. Es beunruhigt mich daher zutiefst, wenn Umfragen zeigen, dass bei uns in Deutschland immer mehr Menschen den Eindruck haben, dass sie keinen politischen Einfluss besitzen. Dass wir aus ihrer Sicht nur scheinbar in einer Demokratie leben, tatsächlich aber die Bürgerinnen und Bürger nichts zu sagen hätten. Ob Demokratie oder Diktatur, eigentlich ist es doch egal!? Während Menschen weltweit für Demokratie, für Freiheit kämpfen und dafür ihr Leben riskieren, wirken Demokratie und Freiheit für andere wie eine fast schon verzichtbare Selbstverständlichkeit.

Den besonderen Wert der Freiheit. Es liegt an uns, ihn in unsere Gesellschaft zu vermitteln. Mit Blick auf unsere Geschichte und ebenso auch mit Blick auf eine Welt, in der das Autoritäre zunehmend wieder an Gewicht gewinnt. 

Ich bin daher dankbar für die Freedom Week hier in Berlin. Dankbar dafür, dass wir uns in den kommenden Tagen ganz intensiv mit den Werten der Freiheit und des Friedens auseinandersetzen. Dass wir sensibel sind, dafür, dass Freiheit und Demokratie keine Selbstverständlichkeit sind! Dass wir die Menschen unterstützen, die heute für Frieden, Freiheit und Demokratie kämpfen. Und dass wir in unserer Gesellschaft das Bewusstsein für den besonderen Wert der freiheitlichen Demokratie und der Menschenrechte stärken.

Vielen Dank!