Rede beim Tag der Begegnung – Mehrgenerationentreffen in der Gedenkstätte Hoheneck

(© Team Zupke)
Ich bin oft hier in Hoheneck. Das ist für mich als SED-Opferbeauftragte des Deutschen Bundestages sehr wichtig.
Aber ein Besuch in Hoheneck, der geht nie einfach so an mir vorüber.
Denn es ist ein Ort, an dem Unrecht, Willkür, Entwürdigung und Ohnmacht so besonders spürbar werden. Es ist ein Ort, an dem ich immer wieder auch Neues erfahre. Ein Ort, an dem ich immer wieder von Menschen höre,
die am eigenen Leib erfahren mussten, was Diktatur bedeutet.
Eva Müthel, inhaftiert von 1948 bis 1954, kam mit dem ersten Transport aus Sachsenhausen nach Hoheneck. Nach ihrer Entlassung nach West-Berlin hat sie einen Roman geschrieben. Sie erzählt ihre Erlebnisse nicht in einem Zeitzeugen-Bericht, sondern lässt ihre fiktive Romanheldin Hanna sprechen.
Ein Satz des Romans ist mir in besonderer Erinnerung: „Dieser Baum blüht nicht für Sie!“
Diesen Satz muss sich Hanna anhören, als sie in Isolationshaft ist, wo genau, sagt uns der Roman nicht. Es ist Frühling. Vor ihrem Zellenfenster steht eine Akazie. Sie klettert an der Zellenwand zum Fenster empor, um einen Blick zu erhaschen.
Die Wachtmeisterin erwischt sie und weist Hanna darauf hin, dass es – wie könnte es anders sein – natürlich verboten ist, aus dem Fenster zu schauen. Und die Wärterin sagt diesen Satz: „Dieser Baum blüht nicht für Sie!“
Was für ein absurder Gedanke. Als würde ein Baum nur für bestimmte Personen blühen.
Aber gleichzeitig: Was für ein hilfloser Versuch der Wachtmeisterin. Es war der Versuch, der inhaftierten Hanna
den letzten Kontakt zur Außenwelt zu nehmen. Der Versuch, den Gefangenen Hoffnung und Freude auszulöschen.
Hanna und die Wachtmeisterin, das sind Romanfiguren. Aber ich denke, Sie kennen die Empfindungen, die die Hoheneckerin Müthel ihre Heldin Hanna durchleben lässt.
Alle von Ihnen, die inhaftiert waren, können hoffentlich sagen: Es ist nicht gelungen, Hoffnung und Freude gänzlich zu unterbinden. Bei allem Leid, bei allem Unrecht: Die Frauen, die hier inhaftiert waren, sie suchten immer wieder nach Kraft zum Durchhalten. Und ein Baum kann helfen beim Durchhalten.
Eva Müthel hat über Hanna geschrieben – und damit über ihre eigene Zeit in der Haft. Sie hat sie nicht in der ersten Person erzählt, nicht in der Ich-Form. Vielleicht war es einfacher, über eine fiktive Figur zu erzählen, was ihr selbst widerfahren war. Vielleicht half die Distanz der dritten Person.
Ich glaube, das kennen viele von Ihnen: Wie schwer es ist, in eigenen Worten, in der eigenen Stimme über das zu sprechen, was man hinter diesen Mauern erlebt hat.
Das merke ich jedes Mal, wenn ich in Hoheneck bin, wenn ich mit Frauen spreche, die hier sein mussten.
Manche kommen erst Jahrzehnte später überhaupt an diesen Ort zurück. Und ihre Familien verstehen oft erst nach und nach, warum bestimmte Dinge für die Mutter, die Partnerin, die Großmutter eine besondere Bedeutung haben. Warum sie manchmal so reagiert, wie sie reagiert.
Deshalb bin ich so dankbar, dass es diesen Tag der Begegnung gibt. Dass hier mehrere Generationen Inhaftierter und ihre Nachfolgegenerationen zusammenkommen. Dass Kinder und Enkelkinder Zeit bekommen, ihre Eltern und Großeltern in ihren Erfahrungen zu verstehen.
Traumata und Ängste werden über die Generationen weitergegeben, still und ungewollt. Dazu brauchen wir noch mehr Forschung, mehr Unterstützungsangebote, mehr Austausch.
Mein herzlicher Dank gilt allen hier in der Gedenkstätte, die diesen Tag der Begegnung, dieses Mehrgenerationentreffen organisieren und begleiten.
Ich weiß, dass dieser Tag auf den Wunsch ehemaliger Inhaftierter und ihrer Angehörigen zurückgeht. Dass so viele von Ihnen heute hier sind, zeigt, wie wichtig das ist.
Ich freue mich auch sehr, dass parallel zum Tag der Begegnung die „Blackbox Heimerziehung“ in Hoheneck zu sehen ist.
Diese Ausstellung erinnert an eine Angst, die für viele Frauen hier allgegenwärtig war: Die Angst, dass die eigenen Kinder in ein Heim kommen, während die Eltern in Haft sind. Dass der Staat sich der eigenen Kinder bemächtigt.
Das Leid in der SED-Diktatur reichte weit über die Gefängniszellen hinaus. Was Kinder und Jugendliche in den Spezialkinderheimen und den Jugendwerkhöfen erleben mussten, das ist für mich nicht mit Worten darstellbar.
Meine Damen und Herren,
der Geist eines Staates, einer Diktatur, der zeigt sich besonders daran, wie er mit den Verletzlichsten umgeht. Mit Kindern und Jugendlichen. Mit inhaftierten Frauen.
Hanna, die Protagonistin von Eva Müthel, erlebt das ganz konkret: Sie hat heftige Blutungen, bittet um Hygieneprodukte. Die Ärztin verweigert sie ihr und herrscht sie an: „Zerreißen Sie Ihr Hemd!“
Eine Diktatur hat kein Mitleid. Sie ist unerbittlich.
Das zeigte sich auch an der Haftzwangsarbeit hier in Hoheneck. Das war Ausbeutung unter unwürdigsten Bedingungen, über die deutsch-deutsche Grenze hinweg, auch für westdeutsche Unternehmen.
Es ist gut, dass einige Firmen Verantwortung dafür übernehmen. Und ich hoffe, dass sich weitere Unternehmen
ihrer Geschichte stellen.
Ich kann Ihnen versichern: Da bleibe ich als SED-Opferbeauftragte dran. Gerade in diesen Tagen führe ich dazu Gespräche.
Denn das war keine „normale“ Arbeit in Haft. Das wissen wir auch durch den Tod von Edeltraud Eckert. Ihre Haare gerieten in eine Maschine in der Schneiderei, ihre Kopfhaut wird abgerissen. Sie wird medizinisch nicht gut versorgt. Drei Monate nach der Verletzung starb sie an Wundstarrkrampf. Mit nur 25 Jahren.
Ich finde: Es wäre gut, eine Straße nach Edeltraud Eckert zu benennen.
Es ist wichtig, dass wir auch im Alltag an das Unrecht der SED-Diktatur erinnern. Um denen etwas entgegenzusetzen, die heute an die DDR mit Simson-Fahrten und Ostalgie erinnern.
Wie grausam die SED-Diktatur war, das darf nicht hinter privater Nostalgie verschwinden.
Meine Damen, Sie alle, die hier in Hoheneck aus politischen Gründen inhaftiert waren, Sie waren unglaublich mutig.
Aber zugleich waren Sie auch verletzlich. Verletzlich in Ihrer Würde als Frau.
Gewalt gegen Frauen in Diktaturen, das ist ein Thema, das nicht mit dem Ende der DDR-Diktatur abgeschlossen ist.
Bis heute kämpfen Frauen weltweit gegen Diktaturen und für Demokratie. Und sie werden auch heute dafür auf besonders perfide Weise verfolgt. Frauen können besonders stark sein, besonders überzeugt. Aber sie sind eben auch auf besondere Art verletzlich. Es ist wichtig, dass wir den Frauen, die weltweit in Demokratiebewegungen aktiv sind, Hoffnung machen.
In meinem Büro im Deutschen Bundestag hängt ein Foto von einem Baum. Von einem besonderen Baum. Dem Baum hier in Hoheneck.
Carla Ottmann hat mir einmal erzählt, welche Bedeutung dieser Baum für sie hatte. Er half ihr, die Zeit hier durchzustehen. Beim Freigang konnte sie ihn sehen. Im Frühling in Blüte, im Sommer in voller Laubpracht, im Herbst, wenn er die Blätter verlor, und im Winter ganz kahl.
Der Baum gab ihr eine Gewissheit: Die Zeit bleibt nicht stehen, während ich in Haft bin. Sie vergeht – mit jeder Jahreszeit. Und damit vergeht auch meine Zeit in der Haft. Die Zeit, bis ich mein Kind wieder in die Arme schließen kann.
Der Baum war ein Gruß von draußen. Ein Gruß von der Freiheit, mitten im Unrecht. Ähnlich wie bei Hanna, der Romanheldin von Eva Müthel.
Der Baum von Hoheneck: Ich sehe ihn jeden Tag, wenn ich in meinem Büro im Bundestag bin.
Bis heute blüht er für Sie alle, die hier inhaftiert waren. Er blüht auch für Ihre Kinder und Enkelkinder,
die beim Tag der Begegnung dabei sind. Und ich glaube: Er blüht für alle Frauen, die heute aus politischen Gründen inhaftiert sind.
Das Foto dieses Baums erinnert mich immer wieder an Sie: An die Hoheneckerinnen. An mutige Frauen, die zu Opfern einer unmenschlichen Diktatur wurden. Menschen, für die ich mich in der Politik und in der Öffentlichkeit einsetzen darf, und ja, für die ich manchmal auch kämpfen muss.
Der Baum macht mir immer wieder Mut. Denn er steht zugleich dafür, dass aus Orten des Schreckens in der Diktatur
Orte der Aufklärung und der Begegnung in unserer heutigen Demokratie werden können.
Meine Damen, liebe Angehörige, ich wünsche Ihnen einen inspirierenden, klärenden, bewegenden Tag der Begegnung.
Vielen Dank.