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Kolumne des Wehrbeauftragten - Februar 2026

Porträtfoto des Wehrbeauftragten Henning Otte.

Henning Otte wurde am 5. Juni 2025 als Wehrbeauftragter des Deutschen Bundestages vereidigt. (© Deutscher Bundestag/Inga Haar)

Liebe Soldatin, lieber Soldat,

Sie leisten einen Dienst von besonderer Prägung. Sie sind bereit, Verantwortung zu übernehmen und sich für unser Land und unsere Freiheit einzusetzen. Ihr Dienst fordert körperlich und seelisch. Gerade deshalb kommt der Militärseelsorge eine herausragende Bedeutung zu.

Mit Beistand, Orientierung und Vertrauen leisten die Militärseelsorger einen unverzichtbaren Beitrag zur seelsorglichen Begleitung. Für viele Soldatinnen und Soldaten – ebenso für deren Angehörige – ist sie ein wichtiger Ansprechpartner, oft jenseits formaler Dienstwege.

Die Seelsorger der Bundeswehr hören zu, begleiten, spenden Trost und geben Orientierung in belastenden Situationen. Ob im Grundbetrieb, in persönlichen Krisen oder im Einsatz: Seelsorge ist ein Angebot, das Vertrauen schafft und Halt gibt. Sie steht für Verlässlichkeit, Verschwiegenheit und Menschlichkeit – Werte, von unschätzbarem Wert.

Gemäß Soldatengesetz hat jeder Soldat und jede Soldatin einen Anspruch auf Seelsorge und ungestörte Religionsausübung. Die katholische, die evangelische und die jüdische Militärseelsorge stellen hierfür ein breites und bewährtes Angebot bereit. Dabei geht es aber nicht allein um religiöse Praxis. Militärseelsorge wirkt auch als stabilisierender Faktor für die innere Verfasstheit der Truppe, ist Ansprechpartner für alle. Sie hilft, Belastungen zu verarbeiten, ethische Fragen zu reflektieren und mit Grenzerfahrungen umzugehen. In einer Zeit, in der sich die Bundeswehr wieder stärker auf Landes- und Bündnisverteidigung ausrichtet und zugleich vielfältige internationale Einsätze bewältigt, ist diese Unterstützung wichtiger denn je.

Die Bundeswehr ist heute so vielfältig wie unsere Gesellschaft. Soldatinnen und Soldaten unterschiedlicher Biografien und Religion dienen gemeinsam. Diese Vielfalt muss sich auch in der Seelsorge widerspiegeln. Die katholische, evangelische und jüdische Militärseelsorge sind fest etabliert und leisten hervorragende Arbeit. Zugleich ist es folgerichtig und notwendig, das seelsorgerische Angebot weiterzuentwickeln.

Vor diesem Hintergrund ist die Ankündigung eines muslimischen Angebots, ein wichtiger und richtiger Schritt. Muslimische Soldatinnen und Soldaten sind Teil der Bundeswehr und verdienen – wie alle anderen – einen seelsorgerischen Ansprechpartner. Muslimische Militärseelsorge ist kein Sonderrecht, sondern Ausdruck von Gleichbehandlung, Respekt und Anerkennung.

Gleichzeitig stärkt ein solches Angebot den inneren Zusammenhalt. Wer sich in seiner Identität gesehen und ernst genommen fühlt, kann Vertrauen entwickeln – in die Institution, in die Kameradschaft und in den Staat, dem er dient. Militärseelsorge leistet damit auch einen Beitrag zur Inneren Führung und zur Wertebasis der Bundeswehr.

Als Wehrbeauftragter sehe ich die Seelsorge als festen Bestandteil einer modernen Parlamentsarmee. Sie ist Ausdruck unseres Verständnisses von Führung, Verantwortung und Fürsorge. Es ist Aufgabe der Politik, die notwendigen Rahmenbedingungen zu schaffen, damit Militärseelsorge unabhängig, niedrigschwellig und verlässlich wirken kann – für alle Soldatinnen und Soldaten, unabhängig von ihrem Glauben.

Eine starke Bundeswehr braucht nicht nur moderne Ausrüstung und klare Aufträge, sondern auch Menschen, die sich gesehen, begleitet und ernst genommen fühlen. Militärseelsorge leistet hierzu einen unverzichtbaren Beitrag. Sie verdient unsere Unterstützung und unsere Wertschätzung.

Gerade in Zeiten zunehmender sicherheitspolitischer Herausforderungen, hoher Einsatzbelastung und wachsender gesellschaftlicher Erwartungen darf die seelische Dimension des Dienstes nicht in den Hintergrund treten. Militärseelsorge schafft Räume für persönliche Gespräche, für Zweifel und für Sinnfragen, ohne Bewertung und ohne dienstliche Konsequenzen. Sie trägt damit wesentlich zur Resilienz der Soldatinnen und Soldaten bei und stärkt zugleich das Vertrauen in die Bundeswehr als fürsorglichen und verantwortungsbewussten Arbeitgeber.

Ich danke allen unseren Seelsorgern und ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern für ihre Arbeit und für die Unterstützung unserer Soldatinnen und Soldaten.

Ihr Henning Otte,
Wehrbeauftragter des Deutschen Bundestages