Parlament

Kolumne des Wehrbeauftragten - September 2026

Porträtfoto des Wehrbeauftragten Henning Otte.

Henning Otte wurde am 5. Juni 2025 als Wehrbeauftragter des Deutschen Bundestages vereidigt. (© Deutscher Bundestag/Inga Haar)

Liebe Soldatin, lieber Soldat,

manchmal sind es wenige Worte, die eine große Verantwortung tragen.

Wer gelobt oder schwört, der Bundesrepublik Deutschland treu zu dienen und das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu verteidigen, gibt ein Versprechen. Ein öffentliches und freiwilliges Versprechen. Ein Versprechen, das über den persönlichen Dienst und den einzelnen Dienstalltag hinausgeht. Ein Versprechen, das uns als Gesellschaft verbindet.

Das Feierliche Gelöbnis ist ein besonderer Moment. Für die Soldatinnen und Soldaten, die am Beginn ihres soldatischen Weges stehen. Für die Familien und Freunde, die sie auf diesem Weg begleiten. Und für unser Land, das auf Menschen angewiesen ist, die bereit sind, Verantwortung für seine Sicherheit und Freiheit zu übernehmen.

Ein Gelöbnis ist kein bloßes Ritual. Es ist kein Programmpunkt im Ausbildungskalender. Es ist Ausdruck einer besonderen Verpflichtung gegenüber unserem Staat und unserer freiheitlichen demokratischen Grundordnung.

Jedes einzelne Wort dieses Gelöbnisses hat Bedeutung.

„Treu dienen“ bedeutet nicht blinden Gehorsam. Es bedeutet, loyal zu unserer Verfassung und zu unserem demokratischen Gemeinwesen zu stehen. Es bedeutet, Verantwortung zu übernehmen - für den Auftrag, für die Kameradinnen und Kameraden und für die Menschen, deren Freiheit und Sicherheit Sie schützen.

Und „tapfer verteidigen“ bedeutet weit mehr als körperlichen Mut. Tapferkeit zeigt sich auch in schwierigen Entscheidungen, im Aushalten von Belastungen, im verantwortungsvollen Handeln unter Druck und im Einstehen für die Kameradin oder den Kameraden. Sie zeigt sich auch darin, Haltung zu bewahren, wenn es unbequem wird.

Das Leitbild des Staatsbürgers in Uniform bringt dieses besondere Verhältnis zum Ausdruck. Unsere Soldatinnen und Soldaten stehen nicht außerhalb unserer Gesellschaft. Sie sind Teil dieser Gesellschaft. Sie tragen Uniform und übernehmen besondere Pflichten - und bleiben doch Bürgerinnen und Bürger dieses Landes.

Ihre besondere Verantwortung erwächst gerade aus unserer Demokratie.

Die Bundeswehr ist eine Parlamentsarmee. Ihre Soldatinnen und Soldaten handeln auf Grundlage von Recht und Gesetz. Ihre Loyalität gilt nicht einer Person und nicht einer politischen Partei. Sie gilt unserem Land, seiner Verfassung und der freiheitlichen demokratischen Grundordnung.

Das ist eine große Stärke unserer Bundeswehr. Und es ist zugleich ein Anspruch an uns alle.

Denn wenn wir von unseren Soldatinnen und Soldaten erwarten, dass sie schwören Verantwortung zu übernehmen, dann müssen auch Staat und Gesellschaft ihrer Verantwortung gerecht werden.

Das Gelöbnis ist deshalb keine Einbahnstraße. 

Wer bereit ist, unserem Land zu dienen und im äußersten Fall das eigene Leben einzusetzen, darf erwarten, dass dieses Land hinter ihm steht. Das bedeutet Anerkennung und Respekt für den soldatischen Dienst. Es bedeutet aber auch, die notwendigen Voraussetzungen zu schaffen: eine gute und verlässliche Ausbildung, einsatzbereite und moderne Ausrüstung, angemessene Unterkünfte und Infrastruktur sowie verlässliche Rahmenbedingungen für die Menschen, die ihren Dienst in der Bundeswehr leisten.

Vor allem aber bedeutet es, den Soldatinnen und Soldaten zuzuhören und ihre Erfahrungen ernst zu nehmen.

Mit ihrem Gelöbnis und ihrem Dienst in der Bundeswehr bekennen sich unsere Soldatinnen und Soldaten dazu, Verantwortung für unser Land zu übernehmen. Sie bekennen sich dazu, die freiheitliche Ordnung zu schützen, in der wir leben. Und sie bekennen sich dazu, im Rahmen von Recht und Gesetz für die Sicherheit unserer Gesellschaft einzustehen.

Das verdient unseren Respekt.

Aber es erinnert auch uns als Gesellschaft an unsere eigene Verantwortung.

Freiheit lässt sich nicht delegieren. Eine Demokratie kann ihre Freiheit nicht allein durch ihre Streitkräfte schützen. Sie lebt davon, dass ihre Bürgerinnen und Bürger bereit sind, für ihre Werte und ihre Verfassung einzustehen. In den Parlamenten ebenso wie in den Kommunen, im beruflichen und gesellschaftlichen Alltag und überall dort, wo Menschen Verantwortung für das Gemeinwesen übernehmen.

Gerade in einer Zeit, in der Frieden und Sicherheit in Europa nicht mehr selbstverständlich sind, kommt diesem Bekenntnis besondere Bedeutung zu. Freiheit und Sicherheit müssen geschützt werden. Jeden Tag aufs Neue.

Und wenn unsere Soldatinnen und Soldaten bereit sind, für unser Land das Äußerste zu geben, dann muss auch der Staat bereit sein, das Seine zu tun.

Das ist keine Gefälligkeit.

Das Gelöbnis unserer Soldatinnen und Soldaten ist ein Versprechen an unser Land. Unsere Antwort darauf muss ein Versprechen an Sie sein:

Wir sehen Ihren Dienst. Wir achten ihn. Und wir werden unserer Verantwortung gerecht werden.

Denn eine starke Demokratie braucht Menschen, die bereit sind, sie zu verteidigen.

Und sie braucht einen Staat, der zu denen steht, die diese Verantwortung übernehmen.

Gemeinsam stark!

Ihr Henning Otte,

Wehrbeauftragter des Deutschen Bundestages