23.09.2026 Tourismus — Anhörung — hib 738/2026

Reisebranche beklagt Bürokratie

Berlin: (hib/NKI) Der Tourismusausschuss hat sich am Mittwochnachmittag in einer öffentlichen Anhörung mit der Lage der Reisebüros und der Reiseveranstalter beschäftigt. Unternehmen klagen über Zuwachs von Bürokratie und den damit verbundenen Kosten- und Zeitaufwand.

Nico Stengel, Professor für Reiseveranstaltermanagement und Reisevertrieb an der Hochschule Kempten, machte deutlich, dass von den rund 11.000 Reisebüros in Deutschland rund 5.000 unabhängige, inhabergeführte Reisebüros seien. Der gesamte gebuchte Reiseumsatz der Reisebüros habe im Jahr 2025 rund 21 Milliarden Euro betragen. Außerdem agierten in Deutschland rund 1.700 Reiseveranstalter sowie etwa 1.000 Busreiseveranstalter. Der Markt der Reiseveranstalter in Deutschland sei mit einem Umsatzvolumen von 43,4 Milliarden Euro der größte Reiseveranstalterquellmarkt in Europa und wachse seit Jahrzehnten kontinuierlich.

„Die Reiseveranstalter und Reisebüros sind aktuell mit ähnlichen Herausforderungen konfrontiert, davon jedoch in unterschiedlichem Maße betroffen“, sagte Stengel. Die Unternehmen seien durch sich stetig verändernde gesetzgeberische Rahmenbedingungen gefordert. So werde vor allem die novellierte EU-Pauschalreiserichtlinie (2026/1024) als „zu streng und zu stark auf den Kunden fokussiert angesehen“, sagte er. Weiterhin seien gleichzeitig neue Anforderungen wie die Reform der EU-Fluggastrechteverordnung (2027/97), die Einführung der E-Rechnung und Neuerungen im Verbraucher- und Versicherungsrecht umzusetzen, „was kleine Unternehmen an den Rand der Belastbarkeit bringen kann“, warnte Stengel.

Albin Loidl, Präsident des Deutschen Reiseverbands (DRV), berichtete, dass sich kleine und eigenständige Reisebüros nicht nur mit einem verändertem Kundenverhalten, sondern vor allem mit neuen technologischen Möglichkeiten konfrontiert sähen. Vor allem der Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) sei bei den meisten Reiseveranstaltern die Regel. „Bei Reisebüros werden KI-Anwendungen insbesondere bei größeren Reisebüroketten und im Geschäftsreisebereich bereits bei Planungs- und Buchungsprozessen eingesetzt“, erläuterte er. Der DRV begrüße den zielgerichteten Einsatz von KI durch Reisevertrieb und Reiseveranstalter, um Prozesse zu beschleunigen und eine Entlastung bei repetitiven Tätigkeiten zu erzielen. „Als ernste Bedrohung sieht die Reisewirtschaft jedoch den Abfluss wertvoller Daten und Informationen sowie die mögliche Verschiebung digitaler Besucher- und Umsatzströme zulasten lokaler Anbieter“, sagte Loidl. Ohne rechtliche Begrenzung der globalen Technologiekonzerne drohe eine bedenkliche Marktkonzentration, bedingt nicht zuletzt durch den potentiellen Zugriff auf Kundendaten. Den Gesetzgeber forderte er auf, „für einen wirksamen Schutz des geistigen Eigentums und faire Wettbewerbsbedingungen zu sorgen“.

In der Anhörung beklagte Jens Freudenberg, Gründer und Geschäftsführer des Touren- und Reiseanbieters Scandtrack Touristik, die Wettbewerbsbedingungen der kleinen und mittleren Anbieter und rechnete vor, dass sein Unternehmen mit fünf Angestellten „von Pauschalreiserecht bis KI-Kennzeichnung“ die gleichen Vorgaben zu erfüllen habe „wie ein Konzern“. 35 bis 40 Prozent seiner Arbeitszeit gingen in Verwaltung und Nachweise, rund zehn Prozent des Umsatzes. Auch bei der Insolvenzabsicherung seien große Unternehmen im Vorteil. „Veranstalter unter zehn Millionen Euro Umsatz zahlen bei der Versicherung das Zwei- bis Dreifache des Fondsbeitrags - oder liefern im Reisesicherungsfonds Nachweise wie ein Konzern“, sagte Freudenberg. Sein Unternehmen bestehe seit 1995, er beschäftige neben seinen fünf festangestellten Mitarbeitern in der Saison bis zu 20 externe Arbeitskräfte. Freudenberg forderte abgestufte Nachweis-, Melde- und Prüfpflichten für Betriebe unter 20 Beschäftigten. Darüber hinaus sollte die Pauschalreiserichtlinie „KMU-tauglich umgesetzt werden“. Die Regel „Anzahlung 20/30(Dokument, öffnet ein neues Fenster) Prozent“ sollte erhalten bleiben, und es sollte keine nationalen Fristverkürzungen geben.

Peggy Hähnel, Geschäftsführerin von Peggy's Reisewelt, einem mobilen Reisebüro in Cottbus, sieht zwar gute Chancen für kleine Reisebüros. „Die persönliche Beratung ist ein Alleinstellungsmerkmal“, sagte Hähnel. Ihre Kunden schätzten einen festen Ansprechpartner, insbesondere bei Fernreisen, Kreuzfahrten, Rundreisen und bei hochwertigen Individualreisen. Jedes kleine Reisebüro könne sich auf bestimmte Zielgruppen und Themen konzentrieren und spezialisieren, lautet ihr Rat. Bei Individualreisen werde die Vergleichbarkeit über große Onlineportale schwieriger, das sei ein Vorteil für Anbieter wie sie. Zudem seien kleine, mitarbeitergeführte Reisebüros persönlicher Ansprechpartner, „auch am Wochenende und abends erreichbar und können bei Umbuchungen oder Problemen vor Ort sofort reagieren“. Hähnel beklagte jedoch hohe bürokratische Hürden, die für kleine Unternehmen zunehmend Zeit und Kosten in Anspruch nehmen.

Roland Streicher, Gründer und Inhaber von ReNatour, einem Reiseveranstalter für nachhaltigen Tourismus mit Sitz in Nürnberg, schloss sich seiner Vorrednerin an. Auch er sieht trotz aller Herausforderungen für kleine und mittelständische Reiseveranstalter grundsätzlich gute Zukunftschancen. „Reisende fragen zunehmend nach authentischen Erlebnissen, persönlicher Beratung, Spezialisierung und glaubwürdigen Nachhaltigkeitskonzepten“, sagte Streicher. Allerdings mahnte auch er „verlässliche rechtliche Rahmenbedingungen und praktikable Regulierungen“ an. Am Beispiel der EmpCo-Richtlinie („Empowering Consumers for the Green Transition“) der Europäischen Union zeigte er auf, wie der Wettbewerb verzerrt werde. Das Hauptziel der EmpCo-Richtlinie sei, Verbraucher besser vor irreführenden Umweltversprechen zu schützen und sie zu nachhaltigeren Kaufentscheidungen zu befähigen. „Doch die Umsetzung der Richtlinie sorgt gleichzeitig für eine große Verunsicherung bei den Unternehmen“, sagte Streicher. Welche Formulierungen künftig mit welchen Nachweisen zulässig seien, werde unter Fachleuten kontrovers diskutiert. Auch anerkannte Initiativen oder Zertifizierungen seien zurückhaltend bei der Herausgabe von EmpCo-konformen Formulierungen. „Es braucht einen Positiv-Leitfaden für nicht angreifbare Formulierungen. Bislang ist nur bekannt, was nicht geht“, sagte er. Ziel eines bisher im Bereich Nachhaltigkeit engagierten Unternehmens könne es nicht sein, sämtliche Begriffe wie „nachhaltig“, „regional“, „umweltfreundlich“ aus der Kommunikation zu löschen.

Marija Linnhoff, Erste Vorsitzende beim Verband unabhängiger selbständiger Reiseunternehmen - Bundesverband (VUSR), machte auf eine „grundlegende rechtliche Frage“ aufmerksam und verlangte eine Antwort darauf, ob „das traditionelle Handelsvertretermodell noch zur wirtschaftlichen Realität des heutigen unabhängigen Reisebüros passt“. Ein modernes, unabhängiges Reisebüro entscheide heute über sein Sortiment, vermittele Produkte zahlreicher Anbieter, beschäftige eigenes Personal, investiere in eigene Technik und in eigenes Marketing, trage seine Betriebskosten und sein unternehmerisches Risiko und baue eine eigene Kundenbeziehung auf.

Diese Entwicklung finde inzwischen auch in der Rechtsprechung ihren Niederschlag. „Eine besondere Bedeutung hat das Urteil des OLG Düsseldorf vom 13. Mai 2026 im Rechtsstreit zwischen AIDA Cruises und S-Markt & Mehrwert“, erklärte sie. Das Gericht habe die Stellung des Vermittlers im konkreten Fall kartellrechtlich nicht als die eines sogenannten „echten“ Handelsvertreters behandelt. Damit sei deutlich geworden, dass die traditionelle rechtliche Einordnung des Reisevertriebs nicht mehr ohne Weiteres mit seiner heutigen wirtschaftlichen Realität gleichgesetzt werden könne.

„Wenn Reisebüros einerseits wie selbstständige Unternehmer investieren, wirtschaftliche Risiken tragen und eigenständig am Markt auftreten, andererseits aber weiterhin in wesentlichen Bereichen den Bindungen eines klassischen Handelsvertretermodells unterliegen sollen, entsteht ein Spannungsverhältnis“, sagte Linnhoff. Deshalb müsse offen diskutiert werden, welche rechtlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen künftig für den unabhängigen Reisevertrieb gelten sollten. „Es geht nicht darum, das Handelsvertretermodell kurzfristig abzuschaffen, sondern darum, Rechtssicherheit zu schaffen und die tatsächliche unternehmerische Rolle moderner Reisebüros anzuerkennen“, sagte sie.