PISA-Studie: Plädoyer für möglichst frühe Bildungsprozesse
Berlin: (hib/HAU) Im Ausschuss für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend waren am Donnerstag die Ergebnisse der PISA-Studie 2025 Thema eines öffentlichen Fachgespräches. In allen drei bei der Studie erfassten Bereichen Naturwissenschaften, Mathematik und beim Lesen seien seit etwa zehn Jahren sinkende Kompetenten zu erkennen, sagte der Leiter der deutschen PISA-Studie Samuel Greiff und konstatierte: „Wir liegen auf einem historischen Tiefstand.“ Als enttäuschend und nicht hinnehmbar bewerteten sowohl Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU) als auch die Vorsitzende der Bildungsministerkonferenz (BMK), die Bayrische Staatsministerin für Unterricht und Kultus, Anna Stolz (Freie Wähler), die Ergebnisse der PISA-Studie. Die Staatssekretärin für Bildung und Kultur des Saarlandes, Jessica Heide, die in Vertretung der saarländischen Bildungsministerin Christine Streichert-Clivot (SPD) an dem Fachgespräch teilnahm, nannte Befunde der Studie, die mutmachend seien. So läge etwa das Zugehörigkeitsgefühl der Schülerinnen und Schüler in Deutschland zu ihrer Schule höher als im OECD-Durchschnitt.
Der Leistungsrückgang beträfe alle Kompetenzbereiche und alle Gruppen, sagte Studienleiter Greiff. „Vor allem der Anstieg der kompetenzschwachen Jugendlichen sollte uns besonders Sorge machen“, betonte er. Nach wie vor seien die Bildungschancen in Deutschland sehr ungleich verteilt, so Greiff. „Der Unterschied zwischen sozial-privilegierten und sozial-benachteiligten Jugendlichen ist in Deutschland im internationalen Vergleich ausgesprochen hoch.“ Er sei zudem in den letzten zehn Jahren angestiegen, während er in der OSZE und der EU weitgehend stabil geblieben sei. Deutschland habe im OSZE-Vergleich eine hohe Ungleichheit bei mittlerer Kompetenz. Kanada und Estland zeigten, dass es auch eine hohe Leistungsfähigkeit bei gerecht verteilten Chancen geben könne, sagte er.
Was also kann getan werden? Greiff, der Professor für Educational Monitoring and Effectiveness an der Technischen Universität München und Vorsitzender des Zentrums für internationale Bildungsvergleichsstudien ist, plädierte für frühe Bildungsprozesse. Schon in der Kita müsse geschaut werden, welche Kinder Unterstützung bräuchten. „Und dann muss man diese Unterstützung natürlich auch verbindlich vorhalten.“ Während in Deutschland die Zeit vor der Grundschule kaum genutzt werde, seien andere Staaten da schon weiter. „Es geht weder darum, PISA-Aufgaben im Kindergarten zu machen oder um eine Verschulung der frühkindlichen Bildung, sondern es geht darum, dort schon zu unterstützen und letztendlich so den Kindern neue Möglichkeiten zu eröffnen“, sagte er
Bildungsministerin Prien äußertet ihre feste Überzeugung, „dass wir ziemlich genau wissen, was wir jetzt zu tun haben“. Eine Trendwende sei möglich. Dafür müsse man auf die Wissenschaft hören. Umgesetzt werden müsse dies dann im engen Schulterschluss zwischen Bund, Ländern und Kommunen. Wichtig sei eine strategische Ausrichtung statt - wie in der Vergangenheit - „mal dieses Programm und dann mal jenes Programm“. Prien sprach sich wie auch Studienleiter Greiff für eine chancengerechte Bildung aus, „die sehr früh ansetzt“. Bildungsorte seien die Familie, die Kita und die Kindertagespflege. Dort gelte es anzusetzen - vor allem qualitativ, weil der quantitative Ausbau sehr gut vorangekommen sei. Ein Beitrag dazu sei das Startchancenentwicklungsgesetz, mit dem sowohl die Frage verbindlicher Diagnostik und Förderung von Kindern im Alter von spätestens vier Jahren als auch die Förderung von Kitas in besonders herausfordernden Lagen angegangen werde.
Ein weiterer Punkt, so die Ministerin, sei die Lehrerausbildung. Hier müsse aber nicht nur bei der Hochschulbildung angesetzt werden, sondern auch bei der zweiten und dritten Phase mit einem integrierten Programm zur Qualitätssteigerung der Lehrkräfte.
„Wir fangen nicht bei null an“, sagte auch die BMK-Vorsitzende Stolz. Zahlreiche Maßnahmen hätten Bund und Länder schon auf den Weg gebracht, „die sich jetzt auch aus den Handlungsempfehlungen der PISA-Studie ergeben“. Als Beispiel nannte die Bayrische Kultusministerin StarS, ein datengestütztes Programm für die Grundschulen. Dabei gehe es darum, „mehr individuelle, zielgerichtete und datengestützte Förderung zu machen“. Es werde also früh die Lernaufgabe festgestellt, die Kinder erhielten dann eine darauf ausgerichtete individuelle Förderung. Später werde der Lernstand wieder überprüft „und damit geschaut, ob die Förderung auch die Wirkung erzielt hat, die wir brauchen“.
Außerdem sei der IQB-Roadmap-Prozess von Bund und Ländern aufgesetzt worden, sagte Stolz. Darin seien sieben Handlungsfelder identifiziert worden, an denen auch gearbeitet werde. Drei Handlungsfelder seien prioritär herausgegriffen worden: die datengestützte Unterricht- und Schulentwicklung, die Verbesserung der Lernvoraussetzungen und die Bildungsforschung.
Auf Nachfrage machte sie deutlich, dass die verpflichtende Sprachstanderhebung in Bayern, „mit verpflichtender Förderung“, ein Erfolgsmodell sei. Schon nach einem Jahr seien deutliche Kompetenzsteigerungen zu erkennen. Eine bundesweite Einführung der verpflichtenden Sprachstanderhebung halte sie für sinnvoll, sagte Stolz.