03.11.2026 Enquete-Kommission Corona — Anhörung — hib 876/2026

Experten zur Rolle der Medien in der Corona-Pandemie

Berlin: (hib/JR) Welche Worte findet man in Zeiten einer überraschenden und unvorhergesehenen Gesundheitskrise? In einer Öffentlichen Anhörung setzte sich die Enquete-Kommission Corona am Montagnachmittag mit den Rollen von Wissenschaft und Medien in der Kommunikation auseinander.

Tilman Betsch, Professor Sozial-, Organisations- und Wirtschaftspsychologie an der Universität Erfurt, machte auf ein Dilemma aufmerksam. „Es ist sehr schwer, Unsicherheiten zu kommunizieren, weil die Leute sowas nicht hören wollen“, sagte er. „Was nicht so gut lief: Es kam zu einem normativen Einfluss der Wissenschaft.“ Aufgabe der Politik sei es, abzuwägen und zu gewichten. Für zukünftige Krisen schlug Betsch die Einführung eines „Chief Scientific“-Beraters vor.

Medienforscher Michael Meyen ging mit der journalistischen Berichterstattung in der Corona-Pandemie ins Gericht. „Ich erlebte Medien, die der Politik folgen.“ Repressive Maßnahmen seien befürwortet worden, um Sendezeiten zu bekommen, behauptete er. Man müsse den Redaktionen den Vorwurf machen, dass sie keine Fragen gestellt hätten. „Wir erlebten eine Schock-Strategie. Die Menschen sind paralysiert worden mit einer Masse an Daten.“

Über ihre Rolle als Journalistin berichtete Korinna Hennig, Teamleiterin Wissen beim NDR, und ihre Äußerungen unterschieden sich von ihrem Vorredner stark. Sie habe nie einen „Draht“, eine direkte Einmischung der Politik in den Sender hinein erlebt. Sie betonte die Grenzen der Expertise, die sich in der Pandemie gezeigt hätten. „Die Einschätzungen änderten sich von Tag zu Tag.“ Hennig verwies auf Unterschiede zwischen Politik- und Wissenschaftsjournalismus. Ersterer suche Vielfalt, während für den letzteren der wissenschaftliche Konsens entscheidend sei. „Wir müssen mehr erklären, welche Experten eingeladen werden.“

Peter Weingart, emeritierter Professor für Soziologie an der Universität Bielefeld, gab zu bedenken, dass es während der Pandemie neben der Beratung durch das Robert Koch-Institut auch eine informelle Beratung gegeben habe, in der Sozialwissenschaftler und Mediziner zusammen gewirkt hätten. Nur habe diese Beratung darunter gelitten, dass sie nicht von vornherein ausreichend strukturiert gewesen sei. „Die Einbettung anderer Disziplinen lief nicht so gut“, sagte Weingart. „Wissenschaftliche Erkenntnisse können politische Entscheidungen legitimieren. Und wissenschaftliche Berater können von der Politik instrumentalisiert werden.“

Raimund Geene, Professor an der Berlin School for Public Health, kritisierte, dass manche Institutionen während der Pandemie in der Kommunikation weniger zum Zuge gekommen seien. „Es ist noch unterbelichtet, dass die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung ausgefallen ist“, sagte er. Auch die Nationale Präventionskonferenz sei nicht zum Zuge gekommen. Dies habe zur Folge gehabt, dass Probleme in den Lebenswelten der Menschen nicht kommuniziert werden konnten.

Nüchtern bewertete Marcus Maurer, Professor für Kommunikationswissenschaft an der Universität Mainz, die Arbeit der Medien während der Corona-Zeit. Diese seien zwar mehrheitlich im „Team Vorsicht“ gewesen. Wenn es aber darum gegangen sei, Corona-Maßnahmen zu beenden, habe es in den Medien eher einen großen Dissens gegeben. „Es stimmt nicht, dass die Berichterstattung regierungsfreundlich war.“ Medien sollten aber besser die Ungewissheiten wissenschaftlicher Erkenntnisse abbilden.

Um künftig besser auf Gesundheitskrisen vorbereitet zu sein, arbeitet die Enquete-Kommission interdisziplinär an der Frage, wie Risikobewertung, Früherkennung und Krisenbewältigung in künftigen Pandemien effektiver gestaltet werden können. Der Kommission gehören 14 Abgeordnete sowie 14 externe Sachverständige an.