05.11.2026 Gesundheit — Anhörung — hib 899/2026

Anhörung zu Gesundheitsschutz und Suchtprävention

Berlin: (hib/MWO) Drei Anträge zum Themenkreis Gesundheitsschutz und Suchtprävention waren Gegenstand einer öffentlichen Anhörung des Ausschusses für Gesundheit am Mittwoch, 4. November 2026. Im Einzelnen waren dies ein Antrag der AfD-Fraktion mit dem Titel „Risikogruppen vor veganer Ernährung warnen“ (21/1577(Dokument, öffnet ein neues Fenster)) und zwei Anträge der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen: „Alkoholprävention in Deutschland wirksam stärken - Kinder und Jugendliche besser schützen, Gesundheit verbessern“ (21/6016(Dokument, öffnet ein neues Fenster)) sowie „Herstellerabgabe auf zuckergesüßte Getränke einführen - Gesundheit schützen, Krankenkassen entlasten, Rezepturen verbessern“ (21/6659(Dokument, öffnet ein neues Fenster)).

Die AfD fordert in ihrem Antrag die Bundesregierung auf, sich dafür einzusetzen, dass das Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG) explizit vor den Gefahren veganer Ernährung ohne zusätzliche Einnahme von Ergänzungspräparaten besonders für Risikogruppen warnt. Die Grünen-Fraktion schreibt in ihrem ersten Antrag, eine wirksame Alkoholprävention erfordere ein ausgewogenes Zusammenspiel aus Aufklärung, individueller Unterstützung und geeigneten strukturellen Rahmenbedingungen. In ihrem zweiten Antrag fordern die Grünen eine Herstellerabgabe für nichtalkoholische Erfrischungsgetränke in Endverbraucherverpackungen mit zugesetztem Zucker. Die Einnahmen sollen dem Gesundheitsfonds zugeführt und vorrangig zur Finanzierung von Präventionsprogrammen mit Schwerpunkt Ernährungsaufklärung verwendet werden.

Eckart von Hirschhausen, der für die von ihm gegründete Stiftung „Gesunde Erde - Gesunde Menschen“ sprach, wandte sich zu Beginn der einstündigen Anhörung gegen den Eindruck, dass vegane Ernährung gefährlich sei. Sie sei arm an Vitamin B12, und das wüssten vor allem die sich vegan Ernährenden. Das Problem sei minimal, antwortete er auf eine Frage aus der Fraktion der AfD. Was kleine Kinder wirklich gefährde, seien Alkohol und Nikotin. Eine bessere Aufklärung sei allerdings denkbar. Und wenn Aufklärung, dann in alle Richtungen und fair, sagte der Experte mit Blick auf die „desaströse Bilanz des Fleischessens“.

Christina Schadt von der Fachstelle für Suchtprävention Berlin bestätigte auf eine entsprechende Frage aus der Grünen-Fraktion, dass der Alkoholkonsum bei jungen Menschen zurückgeht. Gleichzeitig sei das sogenannte Rauschtrinken nach wie vor auf einem hohen Level. Dabei müsse man berücksichtigen, dass es bestimmte Risikofaktoren gebe, die bei Trends keine Rolle spielten. So seien Kinder aus suchtbelasteten Familien ganz besonders gefährdet, eine Suchterkrankung zu bekommen. In diesen Fällen sei frühzeitiges Erkennen wichtig. Deshalb müsse entsprechendes Konsumverhalten frühzeitig erkannt und verändert werden. Dafür gebe es wirksame Programme, die leider aus Ressourcenmangel nicht in die Breite gebracht werden könnten. Notwendige Maßnahmen seien ein Werbeverbot und entsprechende Preisgestaltungen.

Peter Raiser von der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) sprach sich für eine Gesamtstrategie aus, die verschiedene Maßnahmen miteinander verbindet, und zwar so, dass sich ihre Effekte gegenseitig verstärken können. In internationalen Vergleichen zeige sich, so der Experte auf eine Frage aus der Linksfraktion, dass Deutschland gerade im Bereich der strukturellen Prävention und der Verhältnisprävention zu den Schlusslichtern gehöre. Im Vergleich zu anderen Ländern tue sich nicht sehr viel. Andere Länder seien damit erfolgreich und hätten weniger Schäden und Folgen durch Alkoholkonsum in der Gesellschaft zu verzeichnen. Zu einer solchen Gesamtstrategie gehörten Raiser zufolge Verhaltenspräventionsmaßnahmen wie Aufklärung, was auch in Deutschland gemacht werde. Dagegen gebe es keine Maßnahmen der Verhältnisprävention. Beides müsse aufeinander abgestimmt werden. So sei es kontraproduktiv, wenn Aufklärung mit der ständigen Präsenz von Alkohol zum Beispiel durch Werbung einhergehe. Werbung müsse eingeschränkt werden, weitere Stellschrauben seien Preise und Verfügbarkeit.

Jakob Manthey vom Zentrum für Interdisziplinäre Suchtforschung (ZIS) der Universität Hamburg verwies darauf, dass Deutschland bei der Alkoholprävention europaweit „hinterherhängt“. Es gebe nur noch ein Land, Luxemburg, in dem Alkohol bei niedrigeren Altersgrenzen verfügbar sei. Jegliche Verzögerung in ein späteres Lebensalter wäre zu begrüßen. Aus epidemiologischer Sicht sei es nicht nachvollziehbar, warum bestimmte Getränke wie Bier und Wein für Jugendliche erhältlich sein sollten und andere hingegen nicht. Schädlich am Alkohol sei nicht die Getränkeart, sondern das krebserregende Ethanol. Notwendig neben der Anhebung des Alters von 16 auf 18 Jahre sei eine entsprechende Kontrolle. Er empfehle, dass sich Deutschland an die europäischen Standards anpasse und nicht nur das begleitete Trinken abschaffe, was natürlich komplett überfällig sei.

Berthold Koletzko von der Ludwig-Maximilians-Universität München sagte auf eine Frage aus der SPD-Fraktion zu einer Zuckergetränkesteuer, besonders Jugendliche seien von der Problematik betroffen. Regelmäßiger Verzehr gezuckerter Getränke erhöhe das Gewicht und damit das Adipositas- und Typ-2-Diabetes-Risiko. Es sei höchste Zeit, dass Deutschland im Sinne der Prävention handle und dem Beispiel von über hundert Ländern folge. Man müsse es nur richtig machen. Nötig sei eine Zuckerabgabe, die mindestens 20 Prozent des Einzelhandelspreises ausmache, um eine nachhaltige Wirkung auf den Konsum zu erreichen. In Großbritannien sei dies geschafft worden. Das sei ein sehr wichtiges und gutes Element, um die Gesundheit der Bevölkerung und insbesondere auch von Kindern und Jugendlichen zu fördern. Auf eine weitere Frage bemängelte Koletzko die Qualität von Beikostprodukten wie Baby- und Kleinkindnahrung. Die Zuckerangaben auf diesen Produkten bezeichnete er als eine „Verbraucherirreführung“. Hier bestehe Handlungsbedarf.

Auf eine Frage aus der Grünen-Fraktion, ob die geplante Zuckersteuer ausreiche, Kindern und Jugendlichen ein gesundes Aufwachsen zu sichern, sagte Matthias Riedl vom medicum Hamburg MVZ, neben der Zuckersteuer sei es wichtig, dass die Problematik den Eltern bewusst sei. Der Zuckerkonsum sei in Deutschland „außer Rand und Band geraten“. Gebraucht werde mehr Aufklärung und mehr Deklaration. Er sei über die Zuckersteuer aber schon sehr froh. Sie müsse allerdings ausgeweitet werden. Ungesundes müsse besteuert werden, und man müsse „entsteuern, was gesund ist“, um es auch den sozial schwächeren Schichten einfacher zu machen, sich gesund zu ernähren. Darüber hinaus brauche es mehr Aufklärung, denn hier habe eine große Schar von Influencern längst die Deutungshoheit übernommen.

Auch Barbara Bitzer von der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) sprach sich für eine Zuckersteuer aus. Die Wissenschaft sei sich einig, und es bestehe große Evidenz, dass eine Zuckersteuer wirke. Wie schnell sie wirke, sei allerdings schwer vorauszusagen, sagte sie auf eine Frage aus der Unionsfraktion. In Großbritannien sei der Zuckergehalt in Getränken nach ein bis zwei Jahren deutlich zurückgegangen. Mittelfristige Effekte seien bezogen auf das Körpergewicht bei den Risikogruppen zu erkennen. Die langfristigen Effekte auf Adipositas und Diabetes Typ 2 bräuchten natürlich länger, in Großbritannien seien es sieben Jahre gewesen. Eine Zuckersteuer sei ein ganz wichtiger Bestandteil, ein wichtiger erster Baustein einer politischen Präventionsstrategie, aber nicht die Trendwende in der Adipositas-Entstehung.

Monika Bischoff, stellvertretende Vorstandsvorsitzende des Berufsverbands Oecotrophologie (VDOE), ging auf eine Frage aus der CDU/CSU-Fraktion nach einer möglichen Unterschätzung von Risiken einer gewählten Ernährungsform ein. Falsche Informationen in den sozialen Medien machten die Arbeit in der Ernährungsberatung nicht leichter. Die Leute seien eigentlich sehr gut informiert. Das Problem sei, dass sie es nicht in den Alltag übertragen könnten. Es sei „wahnsinnig schwer“, alle Theorie, alles Wissen unterzubringen, so Bischoff. Gebraucht würden qualifizierte Ernährungsfachkräfte, die die Menschen an die Hand nähmen und Einkaufstraining machten, damit der Alltag gut klappen könne.