Fokus

Adi Hoesle

Kunstwerk von Adi Hoesle

(© Adi Hoesle)

Sichtbar. Unsichtbar

Am Anfang eines künstlerischen Schaffensprozesses steht oftmals ein inneres Bild. Doch lässt sich dieses Bild zurückverfolgen? Was passiert im Gehirn, wenn wir Kunst betrachten oder schaffen? Diese Fragen sind eine wesentliche Ausgangsbasis für das Schaffen Adi Hoesles. Mit seinen Videos, Skulpturen, Fotografien, Gemälden, Installationen und multimedialen Werken bewegt sich der Babenhausener Künstler an der Schnittstelle zwischen Kunst und Neurowissenschaften. Durch die Visualisierung von Hirnströmen, die Untersuchung von Neurotransmittern und Mikroaufnahmen von Hirnzellen oder dreidimensional gedruckten Hirngefäßen gelingt es Hoesle, wissenschaftliche Messungen und Methoden zu visualisieren. Seine künstlerische Adaption der Prozesse ist dabei kein wissenschaftliches, sondern ein künstlerisches Bildgebungsverfahren. Gemein ist seinen Werken die sinnliche Untersuchung der Verbindung von Sehen, Denken und Handeln. Das wird vor allem dann deutlich, wenn er Beeinträchtigungen in einem dieser Felder ins Spiel bringt. Die Überlegungen und Suche zum Platz und zum Ursprung der Kunst führen den Künstler immer wieder an den Rand des Sichtbaren. Denn wenn ein Werk auch im Kopf stattfinden kann, braucht es dann überhaupt noch eine physische Fixierung?

Braille-Installation nach einem Gedicht von Else Lasker-Schüler: Styx

Brailleschrift bietet blinden und sehbeeinträchtigten Menschen die Möglichkeit, Texte zu lesen. In der Regel haben sehende Personen diese Form der buchstabenfreien, durch feine Erhebungen im Papier vermittelte Schrift nie erlernt. Daher ergibt sich aus der für die Fokusshow entwickelten Wandinstallation, deren Braille-Punkte aus kleinen Gehirnen bestehen, ein innerer Widerspruch: Sehende können die weiße Brailleschrift lediglich als ästhetische Wandinstallation im Ganzen erleben. Der Text – ein Gedicht von Else-Lasker-Schüler aus dem Jahr 1901, das den Fluss des Lebens beschreibt, – bleibt dabei verschlossen. Blinde sehen die Installation nicht. Sie besitzen hingegen die Möglichkeit, den Text durch das Abtasten der Installation zu verstehen. Sehen und Nicht-Sehen werden dadurch nicht positiv oder negativ konnotiert, sondern lediglich als zwei Arten der Befähigung verstanden.

Der Text der Installation ist in dieser Ausstellung als Audiospur abrufbar.

I´m a model

Adi Hoesle arbeitete über viele Jahre mit Angela Jansen (1955 – 2025) zusammen, einer an der schweren, fortschreitenden Erkrankung des Nervensystems ALS erkrankten Berlinerin. Jansen konnte viele Jahre nur mit der Hilfe eines Computers kommunizieren, den sie über ihre Augen steuerte. Da ALS auch die Atemfunktionen des Körpers beeinträchtigt, wurde sie künstlich beatmet. Angela Jansen verstand ihre Situation trotzdem nicht als trostlos. Vielmehr sah sie sich als Botschafterin einer in der Öffentlichkeit nur wenig bekannten Krankheit, trat auf Kongressen auf, um die Technik des „Eyegaze“ vorzuführen – und arbeitete an Kunstprojekten mit. Etwa an Christoph Schlingensiefs Inszenierung „Kunst und Gemüse. A. Hipler“ (2004) – oder mit Adi Hoesle, der ihr die Fotoserie „I´m a model“ widmete. Für diese wurde Jansen professionell gestylt. Ihre Kleidung wählte das Model selbst. Hoesle erläuterte: „Beim Betrachten der Fotografien vergisst man schnell Details wie den Beatmungsschlauch und konzentriert sich ganz auf das ausdrucksstarke Gesicht.“