Fokusausstellung

Thomas Locher

gerahmte künstlerisch gestaltete Textausschnitte aus Artikeln der UN-Kinderrechtskonventionen

(© Thomas Locher)

Die Würde des Kindes

Round Table [children’s version], 2024
Holz, Metall und Plastik
34 Kinderstühle in verschiedenen Größen

sowie

Convention on the Rights of the Child [UN-Kinderrechtskonvention], 2024
Walnussholzrahmen, Acrylglas [bedruckt und beschrieben],
je 92,5 × 76,5 × 5,1 cm

Artikel 1
Im Sinne dieses Übereinkommens ist ein Kind jeder Mensch, der das achtzehnte Lebensjahr noch nicht vollendet hat, soweit die Volljährigkeit nach dem auf das Kind anzuwendenden Recht nicht früher eintritt.

Artikel 4
Die Vertragsstaaten treffen alle geeigneten Gesetzgebungs-, Verwaltungs- und sonstigen Maßnahmen zur Verwirklichung der in diesem Übereinkommen anerkannten Rechte. Hinsichtlich der wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechte treffen die Vertragsstaaten derartige Maßnahmen unter Ausschöpfung ihrer verfügbaren Mittel und erforderlichenfalls im Rahmen der internationalen Zusammenarbeit.

Artikel 6
(1) Die Vertragsstaaten erkennen an, dass jedes Kind ein angeborenes Recht auf Leben hat.
(2) Die Vertragsstaaten gewährleisten in größtmöglichem Umfang das Überleben und die Entwicklung des Kindes.

Artikel 8
(1) Die Vertragsstaaten verpflichten sich, das Recht des Kindes zu achten, seine Identität, einschließlich seiner Staatsangehörigkeit, seines Namens und seiner gesetzlich anerkannten Familienbeziehungen, ohne rechtswidrige Eingriffe zu behalten.
(2) Werden einem Kind widerrechtlich einige oder alle Bestandteile seiner Identität genommen, so gewähren die Vertragsstaaten ihm angemessenen Beistand und Schutz mit dem Ziel, seine Identität so schnell wie möglich wiederherzustellen.

Artikel 11
(1) Die Vertragsstaaten treffen Maß-nahmen, um das rechtswidrige Verbringen von Kindern ins Ausland und ihre rechtswidrige Nichtrückgabe zu bekämpfen.
(2) Zu diesem Zweck fördern die Vertragsstaaten den Abschluß zwei- oder mehr-seitiger Übereinkünfte oder den Beitritt zu bestehenden Übereinkünften.

Thomas Locher, geb. 1956 in Munderkingen, studierte an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart, 1979 bis 1985 an der Universität Stuttgart. Von 2008 bis 2016 war er Professor an der Königlich Dänischen Kunstakademie in Kopenhagen, 2017 bis 2022 Rektor der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig. Thomas Locher ist ein post-konzeptueller Künstler, dessen Haupt-gestaltungsmittel die Sprache ist. Den Sprachwissenschaften, allen voran den französischen Strukturalisten nachfolgend, problematisiert er dabei nicht nur Sprache als System von Zeichen, die je nach Kontext unterschiedlich verstanden und gedeutet werden können, sondern thematisiert das Verhältnis von Sprache und Macht. Seine Arbeiten wurden in zahlreichen internationalen Ausstellungen gezeigt, darunter auf der Biennale Venedig, in den Nationalen Museen in Tokyo und Kyoto, in der Kunsthalle Zürich, auf der Carnegie International, in der Secession Wien, im ZKM Karlsruhe, in der Pinakothek der Moderne in München und in der Bundeskunsthalle Bonn. Der Künstler lebt und arbeitet in Berlin.

Die Würde des Menschen steht am Anfang des Grundgesetzes und ist ebenso zentraler Begriff der Präambel der im Dezember 1948 verabschiedeten Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen. Thomas Locher beschäftigt sich seit den 1990er Jahren mit Themen wie Recht und Gerechtigkeit und widmet sich in dieser Ausstellung speziell der Würde des Kindes, indem er zwei Werkensembles in Relation zueinander setzt. „Conventions on the Rights of the Child“ beschäftigt sich mit Artikel 1, 4, 6, 8 und 11 der UN-Kinderrechtskonvention, die 1989 verabschiedet wurde und völkerrechtlich verbindlich ausformuliert die Rechte von Kindern zu achten, zu schützen und zu fördern. In diesem Zusammenhang ist eine Installation von Kinderstühlen zu sehen, der „Round Table“ [Runder Tisch], in der sogenannten Kinderversion. In ihrer augenfälligen Unterschiedlichkeit verweisen die Stühle einerseits auf verschiedene Bedürfnisse, Fragen und Handlungsfelder, andererseits auf unterschiedliche Herkünfte. Einer weltweiten und vielfältigen Gemeinschaft von Kindern wird so Ausdruck verliehen.

Die Werke „Conventions on the Rights of the Child“ lassen sich wie Mindmaps betrachten, in denen der Künstler mit Hilfe von auf Glas geschriebenen Kommentaren und Fragen hinsichtlich der Definition, Bedeutung und Wirksamkeit der jeweiligen Artikel den Raum zum Diskurs öffnet („Kann Sprache den Unterschied zwischen einem Ziel und dessen Verwirk-lichung zum Ausdruck bringen?“).

In der ursprünglich 1995 geschaffenen Installation „Round Table“ – heute Teil der Sammlung der Pinakothek der Moderne München – konfrontiert Thomas Locher die Betrachtenden mit einer Diskussionsrunde ohne Teilnehmende und einem Ort des möglichen Austauschs. Bei der Verhandlung und Diskussion um Kinderrechte stellt sich die Frage der Partizipation und politischen Mit-bestimmung der Betroffenen – nämlich den Kindern selbst. Thomas Locher lädt explizit die teilnehmenden Kinder des laufenden Workshop-Programms zur Ausstellung „WIR“ ein, Platz zu nehmen.