Rebecca Raue

Detail aus Ausstellung „Langsam Liebe in Lücken denken lenken“ (© Rebecca Raue)
Langsam Liebe in Lücken denken lenken
In meiner bildnerischen Arbeit als Malerin kartiere ich innere Landschaften und mache die emotionalen und intuitiven Strukturen sichtbar, die unsere Erfahrung prägen. Meine Kunstwerke laden dazu ein, das Unsichtbare zu erkunden und zu erforschen, was jenseits von Sprache und Logik liegt.
Rebecca Raue, geb. 1976, ist eine in Berlin lebende Künstlerin, die u.a. bei Rebecca Horn und Georg Baselitz studierte.
Neben ihrem künstlerischen Ausdruck durch Performances und Bühnenbilder für Theater werden Rebecca Raues Gemälde und Zeichnungen international ausgestellt. In kräftigen Acrylfarben, krakeligen Schriftzügen und collagierten Materialien schafft sie mit ihren Werken Resonanzräume, in denen über individuelle Erzählungen und „innere Landschaften“ allgemeingültige Lebensthemen besprochen werden.
Neben ihrer künstlerischen Arbeit ist Rebecca Raue Gründerin und Leiterin der 2018 entstandenen gemeinnützigen Institution Ephra, benannt nach Marion Ephraimson, der jüdischen Urgroßmutter der Künstlerin. Ephra – das hebräische Wort bedeutet so viel wie ‚beidseitig fruchtbar‘ – kooperiert mit Schulen und zahlreichen Institutionen, Museen und Ausstellungshäusern, um Orte und Räume für kindergerechte Kunstvermittlung zu schaffen und Kunst und Kinder miteinander zu verbinden. Unter dem Leitbild „Kunst ist kein Privileg, sondern eine wichtige Säule einer demokratischen Gesellschaft“ bietet die Institution u.a. seit Beginn der Ausstellung „WIR“ im Deutschen Bundestag Workshops an, in denen Kinder und Jugendliche sich über die Kunst den Werten des Grundgesetzes wie Freiheit und Würde annähern und ihre Zugehörigkeit und Wirkungskraft als Teil eben jener demokratischen Gesellschaft reflektieren.
Für ihre Fokusshow begleitend zu der Ausstellung „WIR“ schuf die Künstlerin ein eigens für den Ort konzipiertes Werk:
„Langsam Liebe in Lücken denken lenken“ – eine große Plakatwand, die direkt auf die Ausstellungswand tapeziert ist. Mit ihren eindrücklichen Ausmaßen von 3 × 11 m wirkt die Arbeit in den Stadtraum hinein und nimmt gleichzeitig auf ihn Bezug. Plakatieren kann als eine Form des Widerstands gelesen werden und steht gleichzeitig aufgrund der Materialität für etwas Flüchtiges und Vergängliches. Die digital bearbeiteten Gemälde der Künstlerin sind nicht auf traditioneller Leinwand, sondern auf schlichter Pappe gemalt. Der skizzenhafte Charakter der Arbeit, der als Gesprächsangebot in den Raum wirkt, wird durch das Plakatieren nochmal erhöht.
Auf den Plakaten entfaltet sich eine bildhafte Erzählung, in deren Zentrum eine animalische Kreatur und ein leeres Holzboot stehen. Mit der zeichnerisch ergänzenden Bildunterschrift „The soul is the big boat“ („Die Seele ist das große Boot“) verweist Rebecca Raue auf nichts weniger als die existenziellen Themen des Menschen und die Reise durchs Leben. Die Künstlerin verortet sich selbst, ihren Großvater und ihre bereits erwähnte Urgroßmutter in der Bilderzählung. Marion Ephraimson: Berlinerin, Schauspielerin und Überlebende des Konzentrationslagers Theresienstadt. In einem Briefauszug von ihr liest sich auf dem Werk: „[…] es lastet seit Wochen eine solche Traurigkeit auf mir, die ich gar nicht bezwingen kann.“ Die Künstlerin lernte sie nicht persönlich kennen und begegnet ihr hier symbolisch, sich selbst darstellend mit einem Turban und dem Wort „reconnect“ („wieder verbinden“).
Neben dem rätselhaften maskierten Tierwesen wiederholt sich der Begriff der „Power“, der Macht, und bietet so einen Assoziationsraum zu dem besonderen Ausstellungsort mitten im Zentrum der politischen Wirkungsmacht. Auf dem Rücken des Wesens lastet das Spannungsfeld von Stärke und Schwäche. Ganz rechts im Bild ist „Let go of the masks“ zu lesen, was mit „Lasst die Masken fallen“ übersetzt werden kann. Wer maskiert sich? Warum? Wissen wir selbst um die Masken, die wir tragen? Wovor schützen sie uns? Und welche Begegnungen werden durch sie verhindert?
Das Bild findet eine eigene Sprache für das, was Rebecca Raues Kernanliegen mit ihrem Engagement „Ephra“ ist. Florence Gaub, deutsch-französische Politikwissenschaftlerin und Zukunftsforscherin, formuliert es wunderbar treffend: „Sich an etwas Vergangenes zu erinnern oder sich etwas Kommendes vorzustellen, sind zwei identische Prozesse, nur in unterschiedliche Richtungen.“
Durch die Kunst Rebecca Raues öffnet sich ein Raum, der uns an die großen Erzählungen erinnert und zum Austausch einlädt.