Barbara Wrede

Making of Tunnelbücher, 2023 (© Barbara Wrede)
Die wirkliche Lage
Barbara Wrede ist eine Meisterin des entschiedenen Strichs. Die Berliner Künstlerin (geboren in einem kleinen Ort in Niedersachsen, lebt seit 1995 in Berlin) hat früh begonnen, ihren eigenen und den Alltag der sie umgebenden Menschen zu beobachten und daraus gezeichnete Erzählungen über unser Leben zu entwickeln. Für jedes noch so nebensächlich scheinende Detail findet Barbara Wrede eine Komposition, die manchmal konzeptionell streng und manchmal heiter mit lockerem Strich auf Papier gesetzt, immer aber eine Erzählung von uns ist, die wir in dieser Welt zuhause sind. Oft arbeitet sie in Langzeitserien, in denen sie Menschen und Orte über Tage, Monate, Jahre beobachtet und kleinste Veränderungen wie in einem Tagebuch zeichnerisch protokolliert. Sie begeistert sich für Materialien und zeichnet manchmal nicht mit den üblichen Stiften oder (eher unüblichen) Kugelschreibern, sondern mit Zwirnen und Fäden, die sie auf handgewebtes Leinen stickt, das sie von ihrer Großmutter erbte. Der Variantenreichtum ihrer Werke ist enorm und oft herausfordernd, denn der Wechsel zwischen erzählerischen und abstrakten, farbigen und schwarzen Motiven und Methoden kommt mitunter abrupt, als solle sich die Betrachterin nicht zu sicher sein, die Künstlerin zu kennen.
Wenn Barbara Wrede aber „erzählt“, dann ist es, als würde man in ihren kleinen Arbeiten durch die Stadt spazieren und mit deren Bewohnern sprechen oder auf einer „Landpartie“ an Seen und Dorfkirchen vorbeischlendern. Viele ihrer Berlin-Vignetten wurden in Tageszeitungen veröffentlicht, so dass die kleinen Wrede-Notizen plötzlich in einen Zusammenhang mit den großen Weltnachrichten gerieten und genau das herstellten, was die Leser und Leserinnen einer Zeitung täglich vollziehen: Die Verbindung zwischen dem Großen und dem Kleinen herzustellen, beides auf anderen Ebenen des Lebens bedeutungsvoll.
Barbara Wrede steht damit für eine besondere Spielart des Dialogs zwischen Kunst und Politik, der in der Kunstsammlung des Deutschen Bundestags gepflegt wird. In der Ausstellung „WIR“ ist sie mit ihrem Projekt zu sehen, für das sie vom Kunstbeirat des Deutschen Bundestages beauftragt wurde: Aus Anlass des 75. Jubiläums des Grundgesetzes wurden neunzehn Künstlerinnen und Künstler gebeten, sich mit den Grundrechten auseinanderzusetzen. Barbara Wrede erhielt als zwanzigste Position einen Auftrag - in diesem Fall, um Kinder, Jugendliche und Erwachsene zu einer Auseinandersetzung mit den zentralen Begriffen Freiheit und Würde anzuregen. Denn auch damit hat Barbara Wrede langjährige Erfahrung: nicht professionell ausgebildeten Menschen den Mut und die Lust am einen Formerfinden zu vermitteln und sie bei diesen kreativen Prozessen künstlerisch zu begleiten. Damit in der Grundgesetzausstellung nicht nur Beiträge von Künstlerinnen und Künstlern, sondern auch von der Bevölkerung ausgestellt werden können, zeichnete, faltete und stickte sie mit den Teilnehmenden an kleinen Objekten.
Im Rahmen der Fokusshow „Die wirkliche Lage“ präsentiert Barbara Wrede sowohl Zeichnungen als auch Tunnelbücher aus ihrer umfangreichen gleichnamigen Serie. Zu Letzterem äußert sie sich wie folgt:
„Seit meiner Studienzeit beschäftige ich mich immer wieder und in unregelmäßigen Abständen mit der Fertigung von Künstlerbüchern und das in verschiedenen Ausführungen, Formaten und zu verschiedenen Themen; sie begleiten meine Serien. Diese Begleitung und die Form, die ja gleichzeitig auch Inhalt sein kann, entsteht ganz automatisch. Die Tunnelbücher haben etwas sehr Objekthaftes. Bevor ich mit dem Bau begann, hatte ich einige dreidimensionale Figuren aus Pappe und Papier geschaffen und mit schwarzem Spray gefärbt. Die Tunnelbücher entstanden im Prozess, vorher stand nicht fest, wohin die Reise geht, alles hat sich durch das Tun entwickelt.
Zuerst hatte ich die Idee, dass ich großformatige Popup-Bücher fertigen wollte, Initialzündung dazu war eine Erinnerung an meine Kindheit und die Faszination, die diese Bücher bei mir auslösten. Und dann erinnerte ich mich an die Tunnelbücher, die ich vor einigen Jahren mal in einem Workshop mit Kindern gebaut habe. So kam eines zum anderen. Durch die gelochten Buchcover bleibt der Inhalt geheimnisvoll, durch die Nutzung von weißem Papier innen wird dieser Eindruck gestärkt. Fällt Licht von schräg oben in die Bücher, werden die Lochungen der Cover wie Schattenpunkte über das Innere gegossen. Der Gedanke, dass das Geschehen wie eine Ziehharmonika zusammengefaltet, wieder auseinandergezogen und aufgestellt werden kann, spielt auch eine Rolle.“
Eine Auswahl der 2020 entwickelten Serie „Drifter“ (Papierschnitte aus Karton und Pappe, bearbeitet mit Acrylfarbe und einer Lackmischung) ergänzt den Einblick in das vielfältige künstlerische Schaffen Wredes.
Die Arbeiten werden erstmals der Öffentlichkeit präsentiert.