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Artikel

Susan Hiller, Snow Scenes/ Schneeszenen“ (aus: „The J. Street Project“), 2003, Inkjet-Druck auf Pigmentpapier

geboren 1942 in Tallahassee in Florida, gestorben am 28. Januar 2019 in London

Im Alter von 78 Jahren ist die amerikanische Multimedia-Künstlerin Susan Hiller in London gestorben. Sie gehörte zu den einflussreichsten Multimedia-Künstlerinnen der Gegenwart. Die Tate Britain würdigte im Jahre 2011 mit einer umfassenden Retrospektive ihr Werk. Eines ihrer bedeutendsten Projekte war von Oktober 2008 bis Januar 2009 im Deutschen Bundestag zu sehen, die 303 Fotografien umfassende Installation „The J. Street Project“ (2002-2005). Der Kunstbeirat des Deutschen Bundestages hatte zuvor aus dieser Serie drei Arbeiten erworben, und zwar die „Snow Scenes/Schneeszenen“ (2003).

Die Arbeit an „The J. Street Project“ nahm ihren Ausgang im Jahre 2002, als sich die Künstlerin im Rahmen eines DAAD-Stipendiums in Berlin aufhielt. Zufällig stieß sie auf eine „Jüdenstraße“, war überrascht und irritiert und begann zu recherchieren, ob es weitere ähnliche Straßennamen in Deutschland gibt. Bei ihrer Suche entdeckte sie 303 Straßennamen, in denen noch das Wort „Jude“ erscheint. Ihren künstlerischen Niederschlag fand Susan Hillers dreijährige Entdeckungsreise durch Deutschland in über 300 Fotografien, einem Verzeichnis der betreffenden Orte und Straßen mit einer Landkarte von Deutschland, einer Videoinstallation sowie einem umfangreichen Buch. Ihre Erinnerungsarbeit mit der Serie „The J. Street Project“ deckt die Spuren einer Vergangenheit auf, die vielerorts fast spurlos untergegangen ist, und verweist so auf den schmerzlichen Verlust einer einstigen, reichen jüdischen Kultur in Deutschland und deren stete Gefährdung durch Mißdeutung, Ressentiment und Ausgrenzung. So ermöglichen die Fotografien von Susan Hiller, die auch das jeweilige Umfeld von Stadt, Dorf und Landschaft in den Blick nehmen, dem Betrachter eine nur scheinbar nostalgische Reise abseits touristischer Pfade quer durch Deutschland. Es sind beunruhigende Reisebilder, denn die damaligen Bewohner der ausgeschilderten Straßen und Orte sind verschwunden, weil sie Opfer unfaßbarer Verbrechen wurden - von den Judenpogromen des Mittealters bis zum Holocaust. Schmerzlich empfindet man daher die täuschende Idylle jener unspektakulären Orte und Landschaften, die in einer leisen und verhaltenen Totenklage vereint scheinen. Manche der Fotos erinnern an die Weite der Landschaften Caspar David Friedrichs, ihre Einsamkeit und Melancholie. Wenn in den „Snow Scenes“ die Schilder durch angewehten Schnee fast unleserlich werden, lassen sich Gedanken an Tod, Vergänglichkeit und Vergessen, an die gescheiterte Hoffnung des „Traumes der Vernunft“ kaum verdrängen. Sieht man die untergehende Sonne über dem stillen, weiten Feld „Am Judenfriedhof“, die inzwischen überwachsene „Judenstraße“, die Waldeinsamkeit des „Judenbuckelweges“, die Autobahn über der „Judenchaussee“ oder die gedankenlos von Verkehrsschildern eingerahmte jüdische Grabstele „Am Judenstein“ - ein Relikt der Judenpogrome des 16. Jahrhunderts -, so spürt man: Mit jedem Foto eröffnet Susan Hiller weite Gedanken- und Assoziationsräume, zeigt die immer wieder neuen und immer wieder anderen Wege des Umgangs mit diesen Spuren jüdischer Vergangenheit in Deutschland und läßt die Schnittstelle von Vergangenheit und Gegenwart sinnlich erfahrbar werden. So lenkt sie unsere Aufmerksamkeit auf die uns umgebenden Zeichen einer Vergangenheit, die wir lebendig erhalten und der wir uns bewusster stellen sollten.

Eine vergleichbare Stimmung von Erinnerung, Abschied und Untergang durchzieht viele Arbeiten Susan Hillers, die als eine der bedeutendsten konzeptionell arbeitenden Künstlerinnen viele junge Künstlerinnen und Künstler beeinflusst hat. In ihrer Arbeit wie in ihrem Studium verband sie Anthropologie und Kunst miteinander. Im Rahmen der 5. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst stellte sie im April 2008 in der Neuen Nationalgalerie die Installation „The Last Silent Movie“ vor. Aus einem Fernseher ertönten Stimmen in bereits ausgestorbenen Sprachen, doch der Schirm blieb schwarz, so dass die Sprecher, die Letzten ihrer Sprache und Kultur, wortwörtlich im Dunkel, im Dunkel der Geschichte versunken blieben. Für die Documenta 14 (2017) griff sie diesen Ansatz erneut auf und inszenierte die bedrohten Sprachen in der Videoinstallation „Lost and Found“ mit Hilfe von Ton und Bild als vergängliche Fundstücke. So rang Susan Hiller in ihren Arbeiten mit „Geistern der Vergangenheit“ (S.H.), wandte sich dem Unerklärlichen zu („Wild Talents“ 1997, „Psi Girls“, 1999), dem Halluzinatorischen („Witness“, 2000) oder Traumhaften („Dream Screens“, 1996). Stets jedoch ging sie von Beobachtungen der Wirklichkeit aus und schuf aus deren Fragmenten ihre Kunst der Befragung der Welt.

Weitere Informationen:

www.kunst-im-bundestag.de

Text: Andreas Kaernbach, Kurator der

Kunstsammlung des Deutschen Bundestages

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