Besuch

Sophie Calle

Drei der zwölf Farbfotografien und Bücher im Marie-Elisabeth-Lüders-Haus

(© DBT)

„Die Entfernung – The Detachment“, 1998

Übergangsbrücke Marie-Elisabeth-Lüders-Haus  zum Paul-Löbe-Haus

Mit der zwölfteiligen Arbeit „Die Entfernung - The Detachement“ reagierte die französische Künstlerin Sophie Calle auf eine Mitteilung des Berliner Abgeordnetenhauses vom Juni 1992, der zufolge Denkmäler ihre Existenzberechtigung verlieren sollten, wenn sie der Legitimation eines inzwischen gestürzten Herrschaftssystems gedient haben (Mitteilung des Abgeordnetenhauses von Berlin, Juni 1992). Calle reagierte damit unmittelbar auf den besonderen Standort ihres Kunstwerks, das für einen Platz am Ende der Verbindungsbrücke zwischen Paul-Löbe- und Marie-Elisabeth-Lüders-Haus vorgesehen wurde. 

Die Brücke stellt eine Verbindung zwischen Ost und West her, denn die zwischen beiden Liegenschaften fließende Spree stellte zwischen 1961 und 1989 einen Teil des Todesstreifens an der Berliner Mauer dar und trennte Ost- von Westberlin. Sophie Calle nutzte diesem Umstand, um eine Installation zu entwickeln, die auf diesen speziellen Aspekt deutsch-deutscher Vergangenheit und deren Nachwirken in der Gegenwart reagierte. 

Besonders interessierte sie dabei der Abbau von Denkmälern, Plaketten und Gedenktafeln in der einstigen Hauptstadt der DDR: „Um diesen Vorgang zu dokumentieren, suchte ich Orte auf, von denen Symbole der DDR-Geschichte entfernt worden sind. Ich bat Passanten und Anwohner, die Gegenstände zu beschreiben, die einst diese leeren Stellen füllten. Ich fotografierte die Abwesenheit und ersetzte die fehlenden Monumente durch die Erinnerungen an sie.“ (Sophie Calle)

Calle dokumentierte die einstigen Standorte, an denen einst Demonstrationen, Kundgebungen und Ehrenwachen abgehalten wurden, als verlassene, leere Orte, an denen nur die verbliebenden Umrisse an Wänden und im Boden von der Existenz der einstigen Gedenk… erinnerten.  Vorstellbar werden sie durch Erinnerungen, die Calle durch Gespräche mit Anwohnern und Passanten führte - und den Fotos zur Seite stellte. 

Dabei sind deren Äußerungen manchmal so widersprüchlich, dass der Leser unsicher wird, ob die Passanten-Beschreibungen ein- und dasselbe Monument meinen. Calle thematisiert damit sowohl die objektive als auch die subjektive Entfernung zwischen Geschichte und Gegenwart. Auch in der Erinnerung „entfernt“ sich also das Monument. 

Informationen zur Künstlerin

Sophie Calle wurde 1953 in Paris geboren. Sie war anfänglich als Barfrau und Tänzerin tätig und unternahm in den 1970er Jahren verschiedene Reisen in den Libanon, Mexiko und USA. In Kalifornien begann sie zu fotografieren. Nach ihrer Rückkehr nach Paris „untersuchte“ sie anhand von Fotos und geschriebenen Berichten fremde Menschen, um sich wieder an die Stadt zu gewöhnen. So erforschte sie immer wieder Begebenheiten – im Kleinen von persönlichen Geschichten bis hin zu Geschichtsereignissen – und arbeitete dazu auch als Zimmermädchen, um persönliche Gegenstände der Hotelgäste zu erforschen.

Sophie Calle wurde mit verschiedenen Preisen für ausgezeichnet, unter anderem dem international renommierten SCECTRUM-Preis für Fotografie. 

Sie lebt und arbeitet in Malakoff bei Paris und in New York. (kvo, bfe)