Bernhard Heiliger
„Kosmos 70“, 1963/69,
Empfangsfoyer Marie-Elisabeth-Lüders-Haus Erweiterungsbau
Die große Hängeskulptur „Kosmos 70“ wurde ursprünglich für den großen Westeingang des Reichstagsgebäudes entworfen. Eine Beauftragung des damals wohl erfolgreichsten deutschen Bildhauers Bernhard Heiliger erfolgte 1967: „Der Entwurf Baumgartens (Architekt für den Wiederaufbau des Reichstagsgebäudes in den 1950er Jahren) für die Gestaltung der Vorhalle und des Plenarsaales im Reichstag ist angewiesen auf die monumentale Plastik von Heiliger. Ohne diese Plastik ist der Entwurf Baumgarten kaum zu verwirklichen. Architektur und Plastik gehen eine Einheit ein, die zwingend ist. (…)“ (Auszug aus der Begründung der Bundesbaudirektion zur Beauftragung von Heiliger 1967). Die zweiteilige Arbeit „Kosmos 70“ wurde dann 1970 in der Vorhalle montiert. Sie setzte sich aus scheibenhaften Körpern aus Aluminium zusammen, verbunden mit einem linienhaften Stangensystem.
Mit „Kosmos 70“ verwies Heiliger auf überraschende Weise auf ein großes gesellschaftspolitisches Thema jener Zeit: Die „Eroberung des Weltalls“, von der man damals allerorten sprach, beschäftigte die Wissenschaft, die Politik und die breite Öffentlichkeit. Das Thema stand für technischen Fortschritt, Modernität, wirtschaftlichen Aufschwung, Zukunftstechnologien - und war zugleich Schauplatz für den Kampf um die Machtverhältnisse auf der Erde. Auf der einen Seite stand dabei der Ostblock, allen voran die Sowjetunion, die bereits 1961 den ersten Menschen in den Weltraum geschickt hatte und mit Sojus-Missionen weitere Flüge absolvierte, auf der anderen Seite der Westen, wo vor allem die USA die erste Mondlandung 1969 gemeistert und mit Weltraummissionen wie „Apollo 13“ Anfang der 1970er Jahre die Vorherrschaft über das Thema zu gewinnen suchte. Auch die Bundesrepublik und die DDR spielten in diesem Kampf eine Rolle - 1978 sollte der Generalmajor der NVA (Nationale Volksarmee der DDR) Sigmund Jähn als erster Deutscher in den Weltraum fliegen. Heiliger wählte das Reichstagsgebäude, damals unmittelbar an der Berliner Mauer gelegen, um den Blick von hier aus ins All zu richten.
Im Zuge der Umgestaltung des Reichstagsgebäudes durch Sir Norman Foster wurde die Skulptur 1994 abgehängt und eingelagert. Der Kunstbeirat des Deutschen Bundestages beschloss, für die Skulptur einen neuen Präsentationsort in den Parlamentsbauten zu schaffen. Der Münchner Architekt Stephan Braunfels, der bereits das Paul-Löbe- und das Marie-Elisabeth-Lüders-Haus entworfen hatte, erhielt den Auftrag, den künftigen neuen Eingangsbereich zum erweiterten Marie-Elisabeth-Lüders-Haus so zu gestalten, dass die Skulptur „Kosmos 70“ den ihr angemessenen Raum findet. Im Januar 2025 wurde sie dort oberhalb der großen Treppenanlage gehängt.
Informationen zum Künstler
Bernhard Heiliger wurde 1915 in Stettin geboren und verstarb 1995 in Berlin. Nach seiner Steinbildhauerlehre begann er 1938 das Bildhauerstudium an der Vereinigten Staatsschule für Freie und Angewandte Kunst in Berlin. Nach einem dreijährigen Lehrauftrag an der Hochschule für Angewandte Kunst Berlin-Weißensee folgte er 1949 der Berufung als Professor an die Hochschule der Künste in Berlin-Charlottenburg, der heutigen Universität der Künste. Heiliger war bekannt für seine monumentalen und trotzdem filigranen Skulpturen.
Die Bernhard-Heiliger-Stiftung ist in seinem Wohn- und Atelierhaus in Berlin Dahlem untergebracht, welches von seinem ehemaligen Professor Arno Breker errichtet worden war. Das Gebäude beherbergt heute auch ein Museum sowie ein Café. (kvo, bfe)