Marino Marini

(© DBT/bfe)
„Miracolo - L'idea di un'immagine“, 1969 / 70
Freitreppe (Außenraum) des Marie-Elisabeth-Lüders-Hauses
Bronze, 450 x 270 x 180 cm
Marino Marini wurde 1901 in der Toskana geboren. Seine künstlerische Arbeit wurde laut seiner eigenen Aussage durch die Kunst seines unmittelbaren Lebensumfelds geprägt und er bezog einer am klassischen Ideal orientierten künstlerischen Haltung: „Hier in Italien ist die Kunst der Vergangenheit ein wesentlicher Bestandteil unseres Lebens. Wir leben inmitten der Kunstwerke vergangener Zeiten. Ich zum Beispiel bin in der Toskana geboren, wo in den letzten fünfzig Jahren die Wiederentdeckung der etruskischen Kunst eins der größten Ereignisse war. Deshalb wählte ich zu einer gewissen Zeit so oft Vorbilder aus der Vergangenheit, wie das Reiterstandbild, das an die nützlichen Beziehungen zwischen Mensch und Pferd erinnert, und nicht moderne Themen, wie das Verhältnis zwischen Mensch und Maschine.“ (Marini)
Im Jahre 1929 wird er an die Scuola d'Arte di Villa Reale in Monza auf den Lehrstuhl für Bildhauerei berufen. Sein Atelier befand sich neben einem Pferdehof, wodurch er zu ersten Pferdestudien angeregt wird. Pferd und Reiter ziehen sich von nun an neben Akrobaten und Tänzerinnen wie ein Leitmotiv durch sein künstlerisches Werk.
Nach den Schrecken des Zweiten Weltkrieges erfährt dieses Motiv bei Marini einen radikalen Wandel: Pferd und Reiter bilden von nun an nicht mehr eine harmonische und vitale, fast mythische Einheit von Mensch und Natur. Stattdessen beginnen die Pferde sich aufzubäumen, drohen den hilflos wirkenden Reiter abzuwerfen. „Meine Reiterstatuen drücken die Beängstigung aus, die mir die Ereignisse meines Zeitalters verursachen. Die Unruhe meiner Pferde wächst mit jedem neuen Werk; die immer kraftloser werdenden Reiter haben die Herrschaft über die Tiere verloren, und die Katastrophen, denen sie erliegen, gleichen jenen, die Sodom und Pompeji vernichtet haben.“
Dies bekommt auch seinen Ausdruck in der zunehmenden Auflösung der Formen und seine Arbeiten werden mehr zu abstrakten und expressiven Skulpturen. Ihre Oberfläche ist schrundig, zerkratzt, gewaltsam verletzt. Die Skulpturen werden zu einem letzten Aufbäumen gegen die Kräfte, die nicht mehr beherrschbar sind. Auch ein Ausdruck der Angst vor einem möglichen Atomkrieg.
Zwei weitere Gußexemplare sind in Tokio und Jerusalem aufgestellt. Die Skulptur auf der Freitreppe des Marie-Elisabeth-Lüders-Hauses am Ufer der Spree - wo sich Ost und West einst feindlich gegenüberstanden - ist eine Schenkung von Irene und Rolf Becker an den Deutschen Bundestag. Ihre Stiftung setzt ein Mahnzeichen gegen Gewalt und Inhumanität.
Informationen zum Künstler
Marini Marino gilt neben Alberto Giacometti und Henry Moore als einer der bedeutendsten Bildhauer des 20. Jahrhunderts. Marini studierte ab 1917 Malerei und Bildhauerei an der Akademie der Künste in Florenz. Er unterrichtete über zehn Jahre an der Villa Reale in Monza bei Mailand. Ein erheblicher Teil seiner Werke setzt sich mit dem Thema „Pferd und Mensch“ auseinander.
Er verstarb 1980 in Viareggio (Toskana), nahe seines Geburtsorts Pistoia, wo er 1901 geboren wurde. (kvo, bfe)