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Während ihres Studiums an der Städelschule in Frankfurt (Main) begann Pia Linz mit ortsspezifischen Zeichnungen und Malereien. Sie nannte sie „Ortsbilder“ und entwickelte schon damals jenen Ansatz, der bis heute Grundlage für einen großen Teil ihrer Arbeiten ist: die geduldige und systematische Erkundung von Gebäuden, Parks und Architekturensembles, deren Konturen in zarten aber korrekt bemessenen Strichen auf ein Blatt oder auf Plexiglas übertragen werden. Sie nähert sich den Orten dabei ganz sachlich und vermisst das Gelände mehrmals in alle Richtungen. Bei kartographischen Zeichnungen wie der Arbeit zum Parlamentsviertel geschieht dies mit Schritten. Auf diese Weise entsteht ein dichtes Gitternetz, worauf nun die eigentliche Zeichnung gesetzt wird. Das Zeichnen ist dabei ein langsamer, oft Monate dauernder Prozess, an dessen Ende wie beim Porträt einer Person verschiedenste Eindrücke und Einflüsse Eingang gefunden haben. Das Ergebnis ist ein durch zahllose architektonische Details verdichteter Raum, der die unmittelbaren optischen Eindrücke des Originalschauplatzes bei Weitem übersteigt.

Obwohl Pia Linz bei ihren Arbeiten akribisch detailgenau zeichnet, enthalten ihre Werke zahlreiche visuelle Irritationen, die durch zwei miteinander verwobene perspektivische Konzepte entstehen: Die  zentralperspektivische Sicht eines Fußgängers und die kartographische Auffaltung des Raumes. Die aus der Fußgängerperspektive gesehenen Dinge werden dabei in die richtige, der Wirklichkeit entsprechenden Stelle in den Plan gesetzt. Ob sie dann aber zum Maßstab des Planes in Bezug gesetzt oder zu einem im  Hintergrund stehenden Gebäude – was häufig eine Streckung erfordert –, ist Teil jener Choreografie, die am Ende das faszinierende Wechselspiel zwischen analytischer und subjektiver Betrachtung ausmacht. Im Ergebnis stellt Pia Linz die Objekte nicht in einer einheitlichen, sondern in einer aus der konkreten, im Moment des Zeichnens erlebten Perspektive dar. Bäume etwa, die sie aus weiterer Entfernung zeichnet, erscheinen auf dem Blatt kleiner als andere direkt daneben, die sie von einem näheren Standort aus viel größer wahrgenommen hat. Ähnlich verhält es sich mit Wegen und Gebäuden, mit Straßenlaternen und Mauern, die sich in den Zeichnungen zu komplexen Ansichten verweben und vom Betrachter mit den Augen geduldig und aufmerksam erwandert sein wollen.

Und eine weitere Bedeutungsebene ist Teil der Zeichnung: Obwohl Pia Linz keine Personen zeichnet, sind sie anwesend. Neben Mauern, Wänden, Dachvorsprüngen, Pilastern, Bogengängen, Wegen, Straßen, Rinnsteinen, Fenstern, Hauseingängen, Treppen, Skulpturen und Bäumen erscheinen auf den Zeichnungen Gesprächsfetzen, Telefonnummern, Beschreibungen kleiner Szenen, die sich während des Zeichnens ereigneten. Auf diese Weise verbinden sich in den Zeichnungen von Pia Linz das Beständige – die bauliche Manifestation eines Ortes – mit dem Ephemeren – den Handlungen jener Menschen, die sich an diesen Orten aufhielten, während die Zeichnung entstand. Schon über ihre frühen Ortsbilder schrieb Sie: „Mein Erleben und Erinnern mehrerer Standpunkte innerhalb eines Ortes und das Wissen, dass der Ort unabhängig von meiner subjektiven Wahrnehmung, unentwegt gleichzeitig vor sich hin existiert, sind entscheidend für das Finden der Bildordnung, ebenso wie die Positionierung des Betrachters zu meiner bildnerischen Behauptung des Ortes. Letztlich sind die Ortsbilder einer kartographischen Sichtweise nahe. Ich sammle an einem Ort (…) Informationen, die oft durchdrungen sind vom subjektiven Erleben und poetischen Einfall. Diese vergleichzeitige ich in einer Art Flächenplan, wobei ich die Notizen nacherlebe  und für das spezifische Medium des Bildes neu interpretiere. Dabei entdecke ich die Fläche als  omnipotenten Behauptungsraum, der mir ermöglicht, zwischen fokussiertem Ort und Bild-Ende den  undefinierten Rest der Welt anzusiedeln.“ (Pia Linz)

Die Verbindung zwischen Architektur und Mensch hat eine lange kunsthistorische Tradition. Der römische Architekt Vitruv (eigentlich Marcus Vitruvius Pollio, 1.Jhd vor Chr.) suchte nach den idealen Maßen von  Gebäuden und fand deren Schönheit in den Grundformen von Kreis und Quadrat und der Relation von Bauwerken zur menschlichen Proportion. Seine mehrbändigen Ausführungen sollten für Generationen nachfolgender Architekten maßgebend sein, die berühmtesten unter ihnen Leonardo da Vinci und Le Corbusier. Ihnen allen ging es dabei nicht nur um Schönheit, sondern vor allem um Menschlichkeit: Auch für die Architektur, die als steingewordener Ausdruck der Zeit und ihrer Wertvorstellungen gilt, sollte der Mensch als Maß der Dinge gelten.

Oftmals war architektonischer Gestaltungswille jedoch nicht vom Blick auf den (einfachen) Menschen, sondern vom Selbstdarstellungswillen der Herrschenden geprägt gewesen, so dass Städte und Gebäude nicht als Behausung eines Gemeinwesens, sondern als Manifestation autokratischer Machtansprüche entstanden waren.

Pia Linz bezieht sich bei ihrer Zeichnung auch auf die Proportionen des menschlichen Körpers, indem sie das Maß des Schrittes, die elementarste Einheit menschlicher Fortbewegung, als Grundlage ihrer Annäherung an das Parlamentsviertels wählt. Es ist gleichsam ihre Art individualisierter Weltaneignung, die sich nicht am großen Ganzen oder am Endgültigen bemisst, sondern als Prozess von statten geht und auf das Detail, das im Moment Erfassbare, konzentriert ist. Auf diese Weise entstand auch das Porträt des Parlamentsviertels, das sich weder von mächtigen Architekturen, noch von ihnen inne wohnender Geschichtslast beeindrucken lässt. Das Parlamentsviertel wird so zu einem Ideenraum, in dem Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gleichermaßen Platz finden.

Text: Kristina Volke, Stellvertretende Leiterin und Kuratorin der Kunstsammlung des Deutschen Bundestags.

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