Klöckner würdigt Rita Süssmuth als eine der bedeutendsten Politikerinnen

Rita Süssmuth (© pa/IPON|Stefan Boness)
Bundestagspräsidentin Julia Klöckner hat am Sonntag, 1. Februar 2026, zum Tod von Prof. Dr. Rita Süssmuth kondoliert und sie als „eine der bedeutendsten Politikerinnen der Bundesrepublik“ gewürdigt. Die Nachricht vom Tod der langjährigen Bundestagspräsidentin habe sie tief bewegt. „Im Namen des Deutschen Bundestages verneige ich mich vor einer politischen Ausnahmeerscheinung.“
Die Bundestagspräsidentin hat entschieden, dass ein Kondolenzbuch für die Öffentlichkeit in der Parlamentshistorischen Ausstellung des Deutschen Bundestages im Deutschen Dom am Berliner Gendarmenmarkt ausliegen wird. Bürgerinnen und Bürger können sich dort ab Dienstag, 3. Februar, während der Öffnungszeiten (dienstags bis sonntags 10 bis 18 Uhr) eintragen. Außerdem findet ein Staatsakt zu Ehren von Rita Süssmuth am Dienstag, 24. Februar, im Deutschen Bundestag statt. Neben der Bundestagspräsidentin werden bei dem Staatsakt auch Bundeskanzler Friedrich Merz und der Autor und Journalist Prof. Dr. Heribert Prantl sprechen.
„Vordenkerin in der Frauen- und Familienpolitik“
Rita Süssmuth sei eine der bedeutendsten Politikerinnen der Bundesrepublik gewesen. „Ihr Elan und ihre Beharrlichkeit haben zahllose Menschen in Deutschland beeindruckt – und auch inspiriert! Unser Gespräch kurz nach meiner Wahl zur Präsidentin des Deutsches Bundestages gehört zu den besonderen und intensiven Begegnungen, die mir immer in Erinnerung bleiben.“ Dabei sei ihr der Weg in die Politik nicht vorgezeichnet gewesen. Als Professorin habe sie mit Leidenschaft gelehrt und geforscht. Mit Expertise und Argumentationskraft habe sie auf sich aufmerksam gemacht.
„Als Parlamentarierin und Bundesministerin war Rita Süssmuth eine leidenschaftliche Vordenkerin in der Frauen- und Familienpolitik und trieb die Gleichberechtigung von Frauen voran. Bis zuletzt setzte sie sich mit scheinbar unbegrenzter Energie für mehr Repräsentanz von Frauen in Parlamenten ein“, sagte Klöckner. Ihre Politik gegen die Immunschwächekrankheit AIDS sei bahnbrechend gewesen. Süssmuth habe sich entschieden gegen jede Form der Ausgrenzung gewandt und die Grundlage für die erfolgreiche HIV-Prävention in Deutschland gelegt.
Amt durch historisch bedeutsamen Zeiten geführt
Ihre Haltung sei durchweg geprägt von Empathie, Respekt vor dem Individuum und von Nächstenliebe gewesen. „Diese Haltung wurzelte in ihrem katholischen Glauben. Rita Süssmuth zog zeitlebens Kraft aus ihrem besonderen Verhältnis zu Gott“, sagte Julia Klöckner. Das Amt der Bundestagspräsidentin habe Süssmuth in historisch bedeutsamen Zeiten übernommen. „Die deutsche Wiedervereinigung erklärte sie gemeinsam mit Sabine Bergmann-Pohl zur ‚Stunde der Parlamente‘. An der Spitze des Parlaments gestaltete sie den deutschen Einigungsprozess mit.“
Rita Süssmuths markante Stimme werde unserem Land fehlen. „Was sie erreicht hat, wird bleiben. Bei allem, was unvollendet blieb, ist es an uns, beharrlich zu bleiben, weiterzudenken, fortzuschreiten – offen und ehrlich, wie Rita Süssmuth es getan hätte“, sagte die Bundestagspräsidentin. „Der Deutsche Bundestag wird Rita Süssmuth ein bleibendes Andenken bewahren.“
Politische Seiteneinsteigerin
Zehn Jahre stand die Christdemokratin an der Spitze des Parlaments. Dabei war Süssmuth eine politische Seiteneinsteigerin. Erst 1985 – noch ziemlich unbekannt – übernahm die Professorin für Erziehungswissenschaft überraschend das Ministerium für Jugend, Familie und Gesundheit.
Als Dr. Philipp Jenninger wegen einer umstrittenen Rede zur Reichspogromnacht als Bundestagspräsident zurücktreten musste, wurde Süssmuth seine Nachfolgerin. Das Amt an der Spitze des Parlaments führte sie als Instanz, die über die Tagespolitik hinauszuschauen hat. Die gebürtige Wuppertalerin verstand den Bundestag als „Werkstatt der Demokratie“, die stetiger Kreativität und Förderung bedarf.
Studium und Promotion
Rita Süssmuth (geborene Kickuth) wurde am 17. Februar 1937 in Wuppertal geboren. Ihr Vater war Lehrer. Auch Süssmuth schlug zunächst diese Laufbahn ein: Nach dem Abitur, das sie 1956 im westfälischen Rheine gemacht hatte, begann sie 1961 ein Romanistik- und Geschichtsstudium in Münster. Später wechselte sie nach Tübingen und Paris, bevor sie ihr Staatsexamen für das Lehramt am Gymnasium 1961 in Münster ablegte.
Danach entschied sich Süssmuth für ein Postgraduiertenstudium der Erziehungswissenschaft, Soziologie und Psychologie. 1964 wurde sie mit der Arbeit „Studien zur Anthropologie des Kindes in der französischen Literatur der Gegenwart unter besonderer Berücksichtigung François Mauriacs“ promoviert.
Wissenschaftliche Karriere
Nach einer dreijährigen Assistenzzeit an den Hochschulen Stuttgart und Osnabrück übernahm sie 1966 ihre erste Dozentenstelle an der Pädagogischen Hochschule Ruhr. 1969 wechselte sie als Wissenschaftliche Rätin und Professorin an die Ruhr-Universität Bochum.
1971 kehrte sie als ordentliche Professorin an die Pädagogische Hochschule zurück, lehrte jedoch bis 1982 weiterhin an der Universität Bochum. 1973 erhielt sie einen Lehrstuhl an der Universität Dortmund. Von 1982 bis 1985 war sie Direktorin des Forschungsinstituts „Frau und Gesellschaft“ in Hannover.
Quereinstieg in die Bonner Politik
Daneben begann sich Süssmuth auch politisch zu engagieren: So arbeitete sie von 1971 bis 1985 im Wissenschaftlichen Beirat für Familienfragen des Bundesfamilienministeriums mit. 1977 wurde sie zudem Mitglied in der dritten Familienberichtskommission, 1982 dann des Bundesjugendkuratoriums.
Ein Jahr zuvor, 1981, war sie bereits der CDU beigetreten. Hier erregte sie insbesondere durch ihre Arbeit im Fachausschuss Familienpolitik die Aufmerksamkeit Heiner Geißlers (CDU), der seit dem 4. Oktober 1982 als Bundesminister für Jugend, Familien und Gesundheit amtierte.
Geißler begann Süssmuth zu fördern, und zur Überraschung vieler Beobachter war sie es schließlich, die Bundeskanzler Dr. Helmut Kohl (CDU) am 26. September 1985 als Geißlers Nachfolgerin berief (1986 wurde das Ressort zudem um den Bereich „Frauen“ erweitert).
Streitbare Ministerin, „Lovely Rita“
Die Übernahme des Ministeriums erwies sich schnell als Herausforderung: Nur ein halbes Jahr nach ihrem Amtsantritt erschütterte die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl die Bevölkerung. Außerdem verbreitete sich zusehends die tödliche Infektionskrankheit Aids. Süssmuth setzte auf Aufklärung. Ihre Devise lautete: „Wir müssen die Krankheit bekämpfen, nicht die Kranken.“
Dabei schreckte sie auch vor unkonventionellen Methoden nicht zurück: Für ein Titelbild des Magazins „Der Spiegel“ ließ sich die Ministerin sogar in einem Ganzkörperkondom abbilden. Während solche Aktionen die eigene Partei provozierten, gewann Süssmuth schnell die Gunst der Öffentlichkeit.
Gerade ihr Quereinsteiger-Status und ihr Ansehen als Wissenschaftlerin machten sie populär. Aus Meinungsumfragen ging sie zeitweise sogar als beliebteste Politikerin des Landes hervor. Die Medien gaben ihr bald den Namen „Lovely Rita“.
Als Bundestagspräsidentin kein „Neutrum“
In der Union stieß die fortschrittlich denkende Sozialpolitikerin jedoch auf Widerstand. Zum Bruch mit Teilen der Partei kam es, als sie im Frühjahr 1988 massive Kritik am Entwurf des Beratungsgesetzes zum Abtreibungsparagrafen 218 des Strafgesetzbuches übte. Nach dem Rücktritt Dr. Philipp Jenningers als Bundestagspräsident nominierte die Fraktion der CDU/CSU auf Vorschlag von Bundeskanzler Kohl Süssmuth als Nachfolgerin.
Am 25. November 1988 wurde sie mit 380 von 473 gültigen Stimmen an die Spitze des Parlaments gewählt. Auch in diesem Amt machte sie von sich reden: Sie leitete die nach Vollendung der deutschen Einheit notwendig gewordene Reform des Parlaments ein und bereitete dessen Umzug nach Berlin vor.
Zudem ließ es sich Süssmuth nicht nehmen, weiterhin offen Stellung zu beziehen – so etwa zu frauenpolitischen Fragen. „Der Bundestagspräsident muss kein Neutrum sein“, verteidigte Süssmuth später einmal in einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ ihre Haltung.
„Wunderbare Erfahrung Mauerfall“
Danach gefragt, welche Stunden ihr am wichtigsten waren, antwortete die Politikerin im „Deutschlandradio Kultur“: „Der 9. November, abends im Wasserwerk, als die Nachricht kam: Die Mauer ist offen. Wie spontan Bundestagsabgeordnete dann unsere Nationalhymne angestimmt haben (...), das war schon eine wunderbare Erfahrung.“
1990 wurde Süssmuth im Amt bestätigt, ebenso 1994. Sie führte es mit „stiller Ernsthaftigkeit“ und bisweilen „ätzend konsequent“, wie der verstorbene SPD-Politiker Prof. Dr. Peter Glotz einmal sagte. Doch ihre hohe Popularität nahm 1991 durch eine „Dienstwagen-Affäre“ Schaden. Rechtlich war ihr Handeln nicht zu beanstanden.
1996 wurde Süssmuth zudem angekreidet, die Flugbereitschaft der Bundeswehr zu privaten Zwecken genutzt zu haben. Ein Vorwurf, von dem sie einstimmig durch den Ältestenrat des Bundestages freigesprochen wurde.
Engagement für Zuwanderung und Integration
Nach der Bundestagswahl 1998, bei der die SPD stärkste Fraktion wurde und erstmals eine rot-grüne Regierung an die Macht kam, wurde Süssmuth von Wolfgang Thierse (SPD) als Bundestagspräsident abgelöst. Auch aus dem Präsidium der CDU, dem sie seit 1987 angehört hatte, schied sie aus. Noch bis 2002 blieb die Politikerin aber Mitglied des Bundestages.
In dieser Zeit übernahm sie auch den Vorsitz einer von Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) initiierten Zuwanderungskommission. Eine Aufgabe, die ihr erneut Kritik in der Union einbrachte, zumal sich CDU und CSU nicht an dem Gremium beteiligten. Ungeachtet dieser Kritik übernahm Süssmuth im September 2002 auch den Vorsitz im Sachverständigenrat für Zuwanderung und Integration, den sie bis Dezember 2004 innehatte.
Süssmuth war seit 2005 Präsidentin der SRH-Hochschule (Stiftung Rehabilitation Heidelberg) in Berlin und des deutschen Polen-Instituts in Darmstadt. Sie erhielt zahlreiche Auszeichnungen und veröffentlichte mehrere Bücher. Rita Süssmuth war seit 1964 verheiratet und hinterlässt eine Tochter. (sas/01.02.2026)