Sport und Musik als psychische Stabilisatoren für junge Menschen
Zeit:
Mittwoch, 25. Februar 2026,
17
bis 18.30 Uhr
Ort: Berlin, Paul-Löbe-Haus, Sitzungssaal 2.200
Die Kinderkommission des Deutschen Bundestages (Kiko) hat sich am Mittwoch, 25. Februar 2026, in einem öffentlichen Fachgespräch mit dem Thema „Mental Health (Teil 2): Belastungen von Kindern und Jugendlichen: Wege zur Stärkung – Die Rolle von Musik, Kunst, Sport und sozialer Teilhabe zur psychischen Stabilisierung junger Menschen“ befasst.
Sport, Kunst und Teilhabe helfen jungen Menschen dabei, mental gesund zu bleiben und sind eine Investition in die Zukunft der Gesellschaft. Angebote in diesen Bereichen zu sichern und auszubauen, dafür machten sich die geladenen Sachverständigen stark.
„Sport reduziert depressive Symptome“
„Kinder und Jugendliche, die aktiv sind, haben weniger Sorgen, eine höhere Lebenszufriedenheit und einen allgemein besseren Gesundheitszustand“, sagte Julian Lagemann, Vorstandsmitglied der Deutschen Sportjugend im Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB). „Sport baut Stress ab, stärkt Selbstwirksamkeit, reduziert depressive Symptome, verbessert Schlaf und Konzentration.“ Der Sportverein fungiere als „geschützter Raum für soziale Beziehungen und emotionale Stabilität“ und biete beste Bedingungen für die Förderung mentaler Gesundheit. Das gelte auch für den Ganztag, für informelle Gruppen oder kommerzielle Angebote.
„Sport macht Spaß, gibt Kraft und sorgt für weniger Ärger bei der Alltagsbewältigung“, zitierte Lagemann eine Kinderstimme. Allerdings: Nur 75 Prozent der Kinder und 60 Prozent der Jugendlichen seien regelmäßig sportlich aktiv – zwar eine hohe Zahl, aber zu wenige. Dabei gebe es fast überall Sportangebote. Warum fallen Kinder raus? Meist sei die ökonomische Lage der Eltern dafür verantwortlich, „wenn Elternhäuser sich die Mitgliedsbeiträge oder Ausrüstung nicht leisten können“. Armut mache im doppelten Sinne krank. Von der Politik forderte der Sportfunktionär, sich gemeinsam stark zu machen für attraktive „Orte an denen Kids rennen, schreien und schwitzen können“.
„Gemeinsames Musizieren stärkt die Empathie“
„Feuerwehr, Sportverein und Blasmusik“ bildeten „im ländlichen Raum oft den Dreiklang“, um Kinder emotional zu ertüchtigen, sagte Antje Valentin, Generalsekretärin des Deutschen Musikrates. Allgemein fördere kulturelle Bildung, insbesondere Musizieren und Singen, die Persönlichkeitsentwicklung von Kindern sowie ihre soziale Sensibilität, indem sie „sich selbst, aber auch auf andere, hören“. Gemeinsames Musizieren erhöhe das Gemeinschaftsgefühl unter Kindern und stärke deren Empathie, indem es Kooperation und Hilfsbereitschaft anrege.
Was für eine Wirkung Musik und Gesang für die frühkindliche Entwicklung ebenso wie für den gesamten Lebensweg haben, erläuterte Valentin anhand neurowissenschaftlicher Erkenntnisse. Vom unbekümmerten und absichtslosen Vor-sich hin-Singen über das Singen von Wiegenliedern in der Gruppe bis hin zur Chormusik: „Wer seine Singfähigkeiten im Kindesalter entfalten konnte, hat davon Nutzen über den gesamten Lebensbogen.“ Singen fördere in jeder Lebensphase „die Potenzialentfaltung des Gehirns“, entfalte seinen größten Nutzen jedoch für die Entwicklung von Kindergehirnen.
„Singen fördert den Spracherwerb“
Singen und das Erlernen eines Instruments trügen erwiesenermaßen dazu bei, seine kognitiven Fähigkeiten wie Aufmerksamkeit und Konzentration zu steigern und führten zu besseren Leistungen bei räumlichen und verbalen Fähigkeiten. Es gebe eine klare Korrelation mit der Sprachentwicklung, „Singen mit den Eltern fördert den Spracherwerb signifikant“, stellte die studierte Instrumentalpädagogin die positiven Effekte der Musik auf Lebensqualität und Gesundheit heraus.
„Fast die Hälfte aller Kinder und Jugendlichen singt und spielt Instrumente. Uns fehlt aber die andere Hälfte!“ Jedes Kind sollte die Gelegenheit dazu bekommen, so Valentin. Außerdem fehle es an Musikpädagogen. Die musikalische Bildung an Kitas und Schulen, in Kooperation mit der Amateurmusik, müsse dringend gestärkt werden. Sie plädierte zudem für eine generelle steuerliche Absetzbarkeit des privaten Musikunterrichts für Eltern sowie für einen Ausbau der Teilhabeleistungen für Familien in prekären Situationen.
„Prävention kommt herausragende Bedeutung zu“
„Mentale Gesundheit ist kein Randthema“, sagte Annekathrin Schmidt, die bei der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung GmbH die Themen schulisches Wohlbefinden und Persönlichkeitsbildung verantwortet. Es handele sich um „eine Zukunftsfrage für unsere Gesellschaft“. Dem Thema Prävention komme eine herausragende Bedeutung zu. Die Lehrkräfte an der Schule, die täglich auf die Sorgen der Kinder eingingen, signalisierten diesen: Da ist jemand, dem ich vertrauen kann und der mich ernst nimmt. So ließen sich Probleme früh erkennen, man könne bereits vor einer Krise eingreifen und etwa die Schulsozialarbeit einbeziehen.
Viele Kinder seien durch Probleme, sei es durch Streit in der Familie oder schlechte Nachrichten, gelähmt. Sie fragten sich: Warum soll ich mich noch anstrengen? Mit der Folge, dass ihre schulischen Leistungen sinken. Eine aktuelle Studie zeige: Immer mehr junge Menschen verspürten Druck, Angst, Erschöpfung und Einsamkeit. Man dürfe aber nicht fragen, was mit den jungen Leuten nicht stimme, sondern müsse vielmehr die Bedingungen, unter denen sie aufwachsen, in den Blick nehmen. Und man dürfe nicht erst reagieren, wenn junge Menschen innerlich erschöpft sind.
„Arbeitsbedingungen für Pädagogen verbessern“
Schmidt forderte: „Junge Menschen brauchen verlässliche Räume: Räume der Beziehung, Möglichkeitsräume und Erfahrungsräume. Die wirken präventiv.“ Sie dürften aber kein Zusatz, sondern müssten täglich erreichbar sein. Der kommende Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung sei eine Riesenchance. Es komme darauf an, ihn mit qualitativ hochwertigen Angeboten zu füllen, alle beteiligten Anbieter zu verknüpfen, sodass man für die Kinder verlässliche Strukturen vorhalte. Die Arbeitsbedingungen für Pädagogen müssten verbessert werden. Wenn man Sport, Kultur und Musik als Schutzfaktoren ernst nehme, gehörten sie zudem in die Regelfinanzierung. Es sei ein Riesenproblem, wenn eine Vertrauensperson wegen vertraglicher Befristung plötzlich nicht mehr da sei.
Sport und Kultur komme eine so wichtige Funktion für die Prävention im Bereich der mentalen Gesundheit zu, weil sie durch Beteiligung einem um sich greifenden Ohnmachtsgefühl entgegenwirkten, erklärte Schmidt. „Beteiligung ist ein Schutzfaktor.“ Schließlich müsse man das Thema Armut angehen und Teilhabemöglichkeiten vergrößern. Armut, materielle Einschränkungen, gefolgt von sozialer Ausgrenzung, verstärkten das Risiko für psychische Belastungen erheblich. Schmidt bedauerte, dass die Mittel aus dem „Bildungs- und Teihabepaket“ nicht völlig ausgeschöpft würden.
„Genauso wichtig wie Investitionen in Reparaturen, Therapieplätze und Krisenintervention sind Investitionen in Strukturen zur Prävention“, sagte die Sachverständige weiter. „Die mentale Gesundheit ist ein Gradmesser für die Qualität unserer Strukturen. Wenn wir wollen, dass die junge Generation zuversichtlich, handlungsfähig und demokratisch engagiert aufwächst, müssen wir jetzt die Räume stärken, in denen das entstehen kann. Nicht punktuell befristet, sondern verlässlich.“ (ll/26.02.2026)