Buchpräsentation

100 Porträts von prägenden Personen der deutschen Demokratie­geschichte

Simon Schwartz und Jan Ruhkopf stehen sich gegenüber, sprechen miteinander und halten jeweils ein Buch in der Hand.

Graphic Novelist Simon Schwartz (links) und Autor Jan Ruhkopf (rechts) haben gemeinsam das Buch „100 Köpfe der Demokratie - Starke Stimmen für ein Leben in Freiheit“ veröffentlicht. (© DBT/Xander Heinl)

Autor Jan Ruhkopf und der Graphic Novelist Simon Schwartz haben am Freitag, 20. März 2026, das Buch „100 Köpfe der Demokratie Starke Stimmen für ein Leben in Freiheit“ in der Parlamentshistorischen Ausstellung im Deutschen Dom am Berliner Gendarmenmarkt vorgestellt. Hinter dem Titel stecken 100 Porträts von Personen, die sich für die Demokratie in Deutschland eingesetzt haben.

Demokratie nicht mit Parlamentarismus gleichgesetzt

Jan Ruhkopf verbindet mit der Demokratie Freiheit und Gleichheit, Demokratie könne zugleich sowohl als Herrschafts- als auch als Lebensform verstanden werden. Auswahlkriterium für die 100 Porträts war, dass im Handeln dieser Menschen erkennbar ist, dass sie sich für diese Wesensmerkmale der Demokratie eingesetzt haben. 

Bei der Auswahl hätten Ruhkopf und Schwartz darauf geachtet, Demokratie nicht mit Parlamentarismus gleichzusetzen: „Bei einem Fokus auf Parlamentarismus würde ganz viel verloren gehen, was auch Demokratie sein kann“, sagt Ruhkopf. Daher werden sowohl Konrad Adenauer und Kurt Schumacher, prägende Köpfe des deutschen Parlamentarismus, als auch Kunstschaffende und Richterinnen und Richter vorgestellt.

Außerdem sollten es nicht nur Heldinnen und Helden sein, sondern „Menschen mit Fehlern, auch mit Ideen von Demokratie, bei denen man heute sagen würde: auf keinen Fall“, wie Ruhkopf erklärt. Die Auswahl zeigt Menschen aus 200 Jahren Demokratiegeschichte zwischen Französischer Revolution und dem wiedervereinigten Deutschland. 

Das Buch ist chronologisch rückwärts aufgebaut: Der 100. Kopf ist der älteste, es ist Georg Forster, ein „trauriger Held der ersten deutschen Demokratie“, wie es in der Überschrift über dem Porträt des Protagonisten der Mainzer Republik aus dem Jahr 1793 heißt. Die erste deutsche Demokratie auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands, die nur von kurzer Dauer war, ist Teil des „Tags der Demokratiegeschichte“, der am 18. März in diesem Jahr erstmals bundesweit als Aktionstag gefeiert wurde. Der Deutsche Bundestag beteiligte sich mit mehreren Veranstaltungen rund um den 18. März, darunter die Buchpräsentation der „100 Köpfe“.

Grafiken erzeugen emotionale Erzählebenen

Jedes Porträt im Buch besteht aus einer Seite Text, in der das Leben und Wirken beschrieben wird. Dazu gibt es eine Seite Graphic Novel – mal ein Porträt, mal mehrere kleine Zeichnungen, oft mit Symbolen oder nachgezeichneten Dokumenten, die auf das Wirken der Person hindeuten. „Es ist immer etwas gewagt, eine Biografie auf nur einer Seite darzustellen, man muss da verknappen. Man kann aber durch die Zeichnung eine weitere emotionale Erzählebene schaffen, die über die nüchternen Fakten hinausgeht“, sagt Illustrator Simon Schwartz. 

Eine Grafik könne allerdings eine emotionale Erzählebene schaffen mit weiteren Informationen über die Person. Als Beispiel nennt der Künstler, der sich in mehreren Werken mit dem Einfluss von Politik auf Biografien befasst hat, das Porträt von May Ayim, das erste im Buch. In der Zeichnung ist der Kopf der afrodeutschen Aktivistin eingerahmt in ein fiktives Land, oben ist der Umriss Deutschlands, unten der von Ghana. „So kann man sehen, dass es um eine Person geht, die ihre Identität verhandelt“, sagt der Künstler.

Die Ideen für die Porträtzeichnungen würden ihm recht schnell kommen, sagt Schwartz. Für jedes Porträt habe er jedoch eine andere Herangehensweise gehabt. Gleiche Voraussetzung sei eigentlich nur, dass da eine Fläche ist, die dann auf 100 verschiedene Arten gefüllt wird. Bei dem Arzt und Sexualwissenschaftler Magnus Hirschfeld wollten Ruhkopf und Schwartz den Bruch in der Biografie darstellen: Einerseits den progressiven Vordenker sexueller und geschlechtlicher Vielfalt, andererseits den Mann, der sich im Kontext zeitgenössischer Vorstellungen für Eugenik, also die Unterscheidung von vermeintlich minder- und höherwertigem Leben, aussprach und etwa als Verfechter der Idee eines „kriminellen Gens“ dafür eintrat, dass man Straftäter kastrieren solle.

Prägende Personen der deutschen Demokratiegeschichte

Unter den 100 Köpfen sind auch Namen, die man aus dem Parlamentsviertel von den nach ihnen benannten Gebäuden kennt: Marie-Elisabeth Lüders, Jakob Kaiser und Paul Löbe. Neben solchen bekannten prägenden Personen der deutschen Parlaments- und Demokratiegeschichte gibt es aber auch unbekanntere Gesichter. Etwa Gusti Steiner, der auf sehr ungewöhnliche, auch radikale und provozierende Weise für die Rechte von Behinderten gekämpft hat. Mit öffentlichkeitswirksamen Aktionen wie Straßenbahnblockaden oder ironischen Auszeichnungen für „Beeinträchtigungsungerechtigkeit“ erkämpfte der im Rollstuhl sitzende Sozialarbeiter und Aktivist eine Ergänzung des Grundgesetzes um den Zusatz „Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden“.

Die Köpfe der Demokratie verbindet, dass diese Menschen in ihrer Zeit versucht haben, Probleme anzugehen. Das sei die Botschaft, so das Autoren-Duo. Demokratie sei nichts Selbstverständliches, das Projekt diene auch als Spiegel: „Es kann auch wieder anders werden, dafür wollen wir sensibilisieren“, sagt Ruhkopf. Schwartz ergänzt: „Demokratie ist immer ein Vor und Zurück, und man muss immer etwas dafür tun.“ (jd/24.03.2026)