SED-Opferbeauftragte

Fachgespräch zur Pflege traumatisierter Opfer des DDR-Unrechts

Betroffene von SED-Unrecht benötigen im Alter und in der Pflege eine speziell auf ihre Bedürfnisse zugeschnittene Unterstützung. Wie eine traumasensible Versorgung gelingen kann und welche Rahmenbedingungen dafür in der Praxis notwendig sind, stand im Mittelpunkt eines Fachgesprächs mit dem Titel „Traumasensibilität in der Pflege stärken – Bedarfe von Betroffenen von SED-Unrecht und weiteren Unrechtserfahrungen“, das die SED-Opferbeauftragte beim Deutschen Bundestag, Evelyn Zupke, am Donnerstag, 24. September 2026, ausrichtete. Fachleute und Praxisvertreter diskutierten dabei, wie Pflegekräfte für das Erleben von Fremdbestimmung und Ohnmacht sensibilisiert werden können und welche Strukturen dafür im Pflegealltag notwendig sind.

Forderungen nach Zeit und Empathie 

In ihrem einleitenden Grußwort betonte die Bevollmächtigte der Bundesregierung für Pflege, Katrin Staffler, dass es die Aufgabe eines jeden Einzelnen sei, dafür zu sorgen, dass die Geschehnisse in der DDR nicht vergessen werden. Ein erster Schritt sei es, darüber zu reden und um Lösungen zu ringen, wie man Betroffenen am besten helfen könne. Denn viele betroffene Menschen seien mittlerweile auf Pflege angewiesen. Dadurch verschärfe sich die Handlungsnotwendigkeit. „Das ist kein Zukunftsthema. Das ist ein Thema, das in der Realität, in der Gegenwart stattfindet.“ 

Wichtig sei es daher, dass zwei Fragen konkret beleuchtet werden: Welche spezifischen Bedarfe haben Betroffene von SED-Unrecht in der Pflege und im Alter? Und wie kann das Thema Traumasensibilität in der Pflege gestärkt werden? Mit Blick auf die Pflegepraxis betonte Staffler, dass dafür vor allem Zeit und Empathie notwendig seien. Um dies umsetzen zu können, bedürfe es guter Arbeitsbedingungen. Davon würden nicht nur die Pflegekräfte profitieren, sondern auch die Pflegebedürftigen. „Das muss unser aller Ziel sein“, so Staffler. 

Gewalt und Missbrauch in DDR-Kinderheimen

Einen Einblick in die wissenschaftlichen Erkenntnisse gab anschließend Maya Böhm vom Forschungsverbund „Testimony“. Sie stellte die Ergebnisse einer Fragebogenstudie zu den Bedingungen und Folgen der Unterbringung in DDR-Kinderheimen vor. Viele Betroffene hätten dort emotionale und körperliche Vernachlässigung, Misshandlung sowie sexuellen Missbrauch erlebt. Häufige Folgen im Alter seien Depressionen oder posttraumatische Belastungsstörungen. Zudem kämpften viele Betroffene bis heute mit Schamgefühlen und einem tief sitzenden Misstrauen gegenüber Institutionen.

Zu ähnlichen Ergebnissen sei auch die Unabhängige Kommission des Bundes zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs gekommen. Projektleiterin Prof. Dr. Silke Gahleitner von der Alice-Salomon-Hochschule Berlin betonte, dass die Betroffenen für ihre Versorgung im Alter konkrete Wünsche und Erwartungen hätten. Diese seien zum einen eine Bedarfs- und Betroffenenorientierung sowie Trauma- und Beziehungssensibilität. Auch ein Schutzkonzept und Anlaufstellen bei Fragen und Problemen seien neben finanzieller Unterstützung gewünscht.

Schaffung von Strukturen

In der anschließenden Podiumsdiskussion wurde debattiert, wie Traumasensibilität in einem von Zeitmangel, Arbeitskräftemangel und Standardisierung geprägten Pflegealltag gelingen kann. Dr. Ulrike Hoffmann von der Unabhängigen Kommission des Bundes zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs betonte, dass es einen „blinden Fleck“ bei Pflegekräften gebe, der jedoch nicht „absichtlich“ entstehe. Vielmehr sei das Problem, dass über Trauma grundsätzlich zu wenig gesprochen werde. 

Wichtig sei zudem, dass eine Struktur in der Einrichtung geschaffen wird, die eine traumasensible Pflege möglich macht. Diese Struktur müsse vorsehen, dass nicht nur Pflegekräfte entsprechend geschult werden, sondern unter anderem auch Ärzte, Physio- und Ergotherapeuten. „Es ist schön, wenn die Pflege das macht. Aber Pflege steht nicht allein, Pflege ist Teil eines auch sehr hierarchischen Systems. 

Ausbildung anpassen und Beratung ausbauen

Verena Bikas, Vorständin Bildung und Gesundheit bei Diakoneo, sieht die Lösung nicht alleine in der generalistischen Pflegeausbildung. Vielmehr müsse man die Weiterbildungs- und Studienpläne in den Blick nehmen sowie die Praxisanleitungen. Ein kostengünstiger und zeitsparender Ansatz könnten zudem Einzelfallbesprechungen innerhalb des Pflegeteams sein. 

Die Traumafachberaterin Martina Böhmer plädierte unter anderem für eine Einzugsberatung in jeder Pflegeeinrichtung, die Biografiearbeit macht. Zudem brauche es in jeder Pflegeeinrichtung eine Traumafachberatung, und zwar “für die, die da leben und die, die da arbeiten„. Eine Alternative könne zudem der Aufbau von traumasensiblen Wohngemeinschaften sein. (mtt/24.09.2026)