Parlament

Die Flaggenkrise im Mai 1926: Der Kampf um Schwarz-Rot-Gold in der Weimarer Republik

Porträtfoto von Hans Luther, Reichskanzler vom 20. Januar 1925 bis zum 18. Mai 1926. BArch Bild 146-2002-007-34
Handgezeichneter Flaggenentwurf auf Papier mit einem Flaggenvorschlag von Studienrat Dr. Dirks aus Delmenhorst. Der Einsender beschreibt seinen Ansatz als „einfache Rechenaufgabe: Im oberen Abschnitt (I) werden die Flaggen des Kaiserreichs (schwarz-weiß-rot), der Weimarer Republik (schwarz-rot-gold) und Österreichs (schwarz-gold-rot) als kleine gezeichnete Beispiele gezeigt, die durch Pluszeichen verbunden sind und in einer „Einheitsflagge münden. Einem horizontalem Streifenmuster in schwarz, gold und rot. Im unteren Abschnitt (II) vergleicht er zum Einwand ähnlicher Farben die Flaggen Frankreichs, Hollands, Deutschlands und Belgiens nebeneinander. BArch R 32/304.
Handgezeichneter Flaggenentwurf auf Papier. Überschrift: „Neue deutsche Reichsflagge. 'Einigkeit macht stark.', zur Erledigung des Flaggenstreits. Die Flagge kombiniert die Farben beider im Flaggenstreit konkurrierenden Vorstellungen. Ein durchgehendes schwarzes Oberfeld, darunter ein in vier Felder geteilter Bereich: links weiß über rot, rechts rot über gold. Die Farbbezeichnungen sind handschriftlich unterhalb der Flagge notiert. Datiert auf Mannheim, 29. Juni 1926, mit Adresse und Unterschrift des Einsenders Nikolaus Hutz. BArch R 32/305.
Handgezeichnete Entwürfe mit vier Flaggenvorschlägen von Peter von Auberlen aus Gera, datiert 4. September 1927. Alle vier Varianten teilen dasselbe Grundmuster: weißes Tuch mit einem schwarzen Balkenkreuz mit roten Streifen und einem weißen Kreis mit schwarzem Reichsadler in der Mitte. In der oberen linken Ecke jeder Flagge ist ein kleines eingesetztes Rechteck in schwarz-rot-gold. Die vier Entwürfe unterscheiden sich durch Zusatzelemente in der eingesetzten Nationalflagge: Nationalflagge: schlichtes Farbdreifeld im Eckfeld; Wehrmachtsflagge: schlichtes Farbdreifeld mit Eisernem Kreuz im Eckfeld, blauer Ring um den Adlerkreis; Behördenflöagge: Flagge mit Posthorn im Eckfeld, blauer Ring; Reichspräsidentenflagge: mit Eisernem Kreuz im Eckfeld, sechs blaue Sterne um den Adler in der Bildmitte. BArch R 32/305.
Handgezeichnete Entwürfe auf einer Seite mit sechs Flaggenvorschlägen von Prof. Dr. Thon aus Bitterfeld, datiert 27. September 1927. Alle sechs Entwürfe haben oben in Flagge ein durchgehendes schwarzes Feld. Die untere Hälfte variiert in zwei Grundprinzipien: Die obere Reihe zeigt jeweils vier rechteckige Felder in rot, weiß und gold. In der linken Variante mit rot oben links, in der rechten gespiegelt. Die mittlere und untere Reihe ersetzen die Rechteecke durch diagonale Bänder, die rot, weiß und gold in unterschiedlicher Anordnung und Spiegelung kombinieren. BArch R 32/305.

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Hans Luther (1879-1962), Reichskanzler vom 20. Januar 1925 bis zum 18. Mai 1926. (© BArch Bild 146-2002-007-34)

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Flaggenvorschlag von Studienrat Dr. Dirks aus Delmenhorst: Die Flaggenfrage als „einfache Rechenaufgabe“. Addition der Farben von Kaiserreich, Weimarer Republik und Österreich ergibt eine „Einheitsflagge“. (© BArch R 32/304)

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Flaggenvorschlag von Nikolaus Hutz, Mannheim, 29. Juni 1926: „Neue deutsche Reichsflagge. 'Einigkeit macht stark.', zur Erledigung des Flaggenstreits.“ Der Entwurf kombiniert die Farben beider konkurrierenden Vorstellungen in einer Fahne. (© BArch R 32/305)

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Vier Flaggenvorschläge von Peter von Auberlen, Gera, 4. September 1927: National-, Wehrmacht-, Behörden- und Reichspräsidentenflagge auf Basis eines einheitlichen Kreuzmusters mit Reichsadler. (© BArch R 32/305)

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Sechs Flaggenvorschläge von Prof. Dr. Thon, Bitterfeld, 27. September 1927: Variationen eines schwarzen Oberfelds mit unterschiedlichen Anordnungen von rot, weiß und gold in Rechteck- und Diagonalteilungen. (© BArch R 32/305)

In einem exklusiven Beitrag für die Geschichtsseiten des Deutschen Bundestages erläutert Nadine Rossol die Auseinandersetzungen um die Staatsfarben in der Weimarer Republik – und den Sturz der Regierung Luther 1926. Rossol ist Historikerin an der University of Essex und Mitherausgeberin des Standard-Handbuchs zur Weimarer Republik „Aufbruch und Abgründe“:

Im Jahr 1949 vermerkte der Sozialdemokrat und ehemalige preußische Ministerpräsident Otto Braun irritiert in seinen Memoiren, dass die „Flaggenfrage“ in der Politik der Weimarer Republik eine Rolle gespielt habe, „die viele materiell wichtigere Fragen überwog.“ Braun verstand nicht, warum um Nationalsymbole, allen voran um die Farben der Flagge, so viel Wind gemacht wurde. Tatsächlich stürzte im Mai 1926 Reichskanzler Hans Luther (parteilos) über seinen eigenen nachlässigen Flaggenerlass. Was Luther und Braun nicht verstanden, war für die meisten Zeitgenossen und Zeitgenossinnen der Weimarer Republik völlig klar. Flaggenfragen wurden emotional diskutiert, weil sie das Herz der jungen Republik berührten, denn die Farbkombinationen standen mit schwarz-rot-gold für die parlamentarische Demokratie und mit schwarz-weiß-rot gegen sie. Es ging also um die wichtigste staatspolitische Frage der 1920er und 1930er Jahre: Republik – ja oder nein?

Flaggenfarben: Schwarz-Rot-Gold gegen Schwarz-Weiß-Rot

Die Verfassung der Weimarer Republik hatte 1919 Schwarz-Rot-Gold als Nationalfarben festgelegt, aber die Anwendung der Farben war angesichts der Mehrheitsverhältnisse in der Nationalversammlung eine Kompromisslösung. Rechtsgerichtete Kreise hielten an der schwarz-weiß-roten Kombination fest, die nach der Reichseinigung 1871 eingeführt worden war, demokratische Abgeordnete votierten für Schwarz-Rot-Gold und die Kommunisten und die USPD favorisierten ein rotes Flaggentuch. Der Flaggenartikel der Verfassung bestimmte zwar Schwarz-Rot-Gold zu Nationalfarben, die Handelsflagge behielt jedoch die Farben Schwarz-Weiß-Rot bei, erweitert um eine kleine schwarz-rot-goldene Gösch in der oberen Ecke. 1921 wurden zehn Reichsflaggen festgelegt: Fünf davon basierten auf der Grundlage Schwarz-Rot-Gold, fünf weitere auf Schwarz-Weiß-Rot. 

Die verschiedenen Farbkombinationen standen für unterschiedliche geschichtspolitische Interpretationen der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft. Und diese Unterschiede verhärteten sich in den Jahren der Weimarer Republik. Die Republikaner verbanden ihre Farben mit den Demokratiebestrebungen des Vormärz 1848/49, der großdeutschen Idee unter Anschluss Österreichs und der Einigkeit von Sozialdemokraten, Demokraten und Zentrumsmitgliedern, die sich gemeinsam für die Farben Schwarz-Rot-Gold aussprachen. Die Befürworter von Schwarz-Weiß-Rot beriefen sich auf die deutsche Einigung 1871 und auf die Toten des Ersten Weltkrieges. Die Anfangsjahre der Republik zeigten, dass nicht alle Unterstützter vom Schwarz-Weiß-Rot nur die vermeintlich guten Zeiten des Kaiserreicht im Sinn hatten, einige mobilisierten zur Tat. Rechtsnationalistische Putschversuche, Anschläge und Attentate erschütterten die junge Weimarer Demokratie.

Aus republikanischer Sicht waren mit den Morden an dem Zentrums-Politiker Matthias Erzberger und an Außenminister Walther Rathenau neue Märtyrer der Republik entstanden. Im Mai 1926, auf dem Höhepunkt der sogenannten „Flaggenkrise“, erinnerte der ehemalige Reichsinnenminister Eduard David (SPD) in einer Reichstagsitzung daran, dass sich die Mörder mit schwarz-weiß-roten Farben geschmückt hätten: „Zu den alten Märtyrern dieser Farben [schwarz-rot-gold] im vorigen Jahrhundert sind die neuen Märtyrer getreten.“ Republikaner verbanden Schwarz-Weiß-Rot jetzt nicht mehr nur mit der ungeliebten Monarchie, sondern mit nationalistischen und republikfeindlichen Kräften, die, unterstützt von Putschisten und Mördern, die gesamte Staatsordnung in Frage stellten. Nicht ohne Grund führte die republikanische und überparteiliche Schutzorganisation der Republik, das im Jahr 1924 gegründete Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold, die Nationalfarben bereits im Namen. 

Flaggenkrise: Reichskanzler Luther verspielt parlamentarisches Vertrauen 

Mitte der 1920er Jahre wurden Wahlkämpfe, die Reichspräsidentenwahl und viele weitere politische Auseinandersetzungen mit den Farbkombinationen Schwarz-Rot-Gold gegen Schwarz-Weiß-Rot ausgetragen. Dabei war jedem klar, wofür die jeweiligen Farben standen. In diese aufgeladene Atmosphäre platzte Anfang Mai 1926 eine neue Flaggenverordnung des Reichskanzlers Hans Luther, die zum Rücktritt seiner Regierung nur eine Woche später führte. Am 5. Mai 1926 kam eine Verordnung heraus, unterstützt von Reichspräsident Paul von Hindenburg, wonach die diplomatischen Vertretungen Deutschlands im außereuropäischen Ausland und in europäischen Hafenstädten neben der Reichsflagge Schwarz-Rot-Gold auch die schwarz-weiß-rote Handelsflagge mit der schwarz-rot-goldenen Gösch zeigen sollten. Was etwas bürokratisch und technisch klingt, bedeutete einen Flaggendualismus, der im Ausland den alten Reichsfarben Schwarz-Weiß-Rot (allerdings in Grenzen) eine stärkere Verbreitung erlaubte. Der Mangel an politischem Gespür, das schlechte Timing sowie die heimliche Vorbereitung machten eine Regelung, die vermutlich 1919/1920 noch durchgegangen wäre, zu einem politischen Brandbeschleuniger. Was zu Beginn der Weimarer Republik noch als Kompromiss interpretiert worden wäre (immerhin legte die Weimarer Verfassung auch Reichsfahnen auf der Basis Schwarz-Weiß-Rot fest), wurde im Mai 1926 als Angriff auf die Republik verstanden. 

Edwin Redslob, der als Reichskunstwart die zuständige Stelle für Fragen der Staatssymbole leitete und nicht konsultiert worden war, notierte halb verärgert, halb amüsiert in sein Tagebuch: „Flaggenstreit ist das Motto dieser Tage.“ Redslob fand die Verordnung heraldisch falsch und betonte, dass entsprechende Ministerien und Experten nicht einbezogen worden waren. Er unterstellte Luther, dass der Reichskanzler in dieser Sache „am Parlament vorbei regieren wollte“, was sich der Reichstag nicht bieten lassen würde. 

Schwarzweiße Karikatur aus der Zeitung Tübinger Tageblatt, Nr. 128, 4. Juli 1926. Zu sehen ist eine Figur mit runder Brille, die als „Reichskunstwart Redslob betitelt wird, die konzentriert an einer Staffelei steht und einen Flaggenentwurf mit Reichsadler und Kreuz malt. Auf einem Beistelltisch liegen Palette und ein Glas. Die Bildunterschrift lautet: „Reichskunstwart Redslob beim neuesten Flaggenentwurf. BArch R 32/305.

„Reichskunstwart Redslob beim neuesten Flaggenentwurf.“ Karikatur aus dem Tübinger Tageblatt, Nr. 128, 4. Juli 1926 (© BArch R 32/305)

Genauso kam es: Ohne Not und in Verkennung der politischen Stimmung hatte der Reichskanzler die eigene Regierung in eine Situation gebracht, in der eine Reichstagsmehrheit, darunter Teile des Zentrums und die DDP, die beide die Regierung stützten, den Flaggenerlass ablehnte. Reichspräsident Hindenburg verlangte jedoch die Beibehaltung. Proteste kamen nicht nur von den republikanischen Parteien (SPD, Zentrum, DDP) im Reichstag, auch die republikfreundliche Presse kritisierte den neuen Flaggenerlass. Das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold und die Gewerkschaften organisierten Massenproteste und Kundgebungen gegen Luthers Verordnung. Die Emotionen, die Luther, vermutlich unbeabsichtigt, auf republikanischer Seite provoziert hatte, speisten sich nicht nur aus der Sorge, dass die Flagge der Republikgegner größeren Raum gewinnen könnte. Durch die Involvierung und Positionierung Hindenburgs in dieser Frage erinnerten sich die Republikaner an einen gemeinsamen Gegner und eine gemeinsame Überzeugung: die leidenschaftliche Ablehnung der Hohenzollernmonarchie und ihrer Vertreter. In der republikanischen Mobilisierungsstrategie gegen Luthers Flaggenerlass verband sich die Wut auf alte und neue Gegner der Republik. 

Einheitsflagge? Ein Kompromissvorschlag zur falschen Zeit

Reichskunstwart Redslob war wenig beeindruckt von Luthers Vorgehen, nutzte allerdings die Gelegenheit für einen eigenen Vorstoß, den er sich schon qua Amtes zutraute. Er schlug seinerseits ein schwarzes Eisernes Kreuz vor, welche die Flagge in vier Felder teilte, die abwechselnd Rot bzw. Gold gefärbt sein sollten. Damit blieben die Nationalfarben der Republik erhalten und Redslob versuchte darüber hinaus zwei geschichtspolitische Erzählungen miteinander zu verbinden: die Erinnerungen an den Ersten Weltkrieg (Eisernes Kreuz) und an die Revolution von 1848 (Schwarz-Rot-Gold). 

Bevor Redslobs Entwurf öffentlich diskutiert wurde, betrieb der Reichskunstwart Lobbyarbeit in eigener Sache und warb bei prominenten Republikanern, darunter der Chefredakteur des „Berliner Tageblatts“, Theodor Wolff, der ehemalige Reichsinnenminister Erich Koch-Weser und der Vizepräsident der Berliner Polizei, Ferdinand Friedensburg, um Unterstützung. Politisch war jedoch wenig Raum für einen Konsens, eine Tatsache auf die Ferdinand Friedensburg seinen Freund Redslob hinwies und schrieb: „Persönlich glaube ich, dass Kompromisse aussichtslos sind. Die Flaggenfrage kann nicht heraldisch, künstlerisch oder gar technisch gelöst werden. Es ist der Kampf zwischen zwei fundamental verschiedenen Staatsformen, dafür stehen die Flaggen.“ Tatsächlich war Redslobs Flaggenentwurf weder für die Republikaner noch für die Republikgegner eine Alternative. In seltener Einigkeit kritisierte die Weimarer Presse den Entwurf. 

Farbige Karikatur aus dem Satiremagazin Kladderadatsch, Berlin, Nr. 27, 4. Juli 1926, signiert von Garvens. Überschrift: „Modesalon Redslob & Co. Die Zeichnung zeigt eine Modeschau-Szene: Drei Frauen tragen Kleider in den Farben der jeweils konkurrierenden Flaggentraditionen: schwarz-weiß-rot und schwarz-rot-gold. Im Vordergrund beugt sich ein älterer Person mit Brille vor, während eine weitere Person schlafend daneben sitzt. Die Bildunterschrift zitiert Redslob, der in der Karrikatur moderiert: „…Und hier, meine Herrschaften, die letzte Neuheit, eigenes Fabrikat! BArch R 32/305.

„Modesalon Redslob & Co.“: Das Satiremagazin Kladderadatsch, Nr. 27, 4. Juli 1926, karikiert den Reichskunstwart als Modeschöpfer. (© Zeichnung: Oskar Garvens (BArch R 32/305))

Genugtuung dürfte der Reichskunstwart in dem vertraulichen Brief des Vizepräsidenten des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold, Karl Höltermann, gefunden haben. Höltermann gratulierte Redslob zu seinem Flaggenentwurf, den er, hätte es ihn schon zur Gründung des Reichsbanners 1924 gegeben, gerne als Flagge des republikanischen Veteranenverbandes gesehen hätte. Jetzt, so Höltermann im Mai 1926, war es allerdings zu spät.

Nicht nur der Reichskunstwart machte sich Gedanken über eine neue Flagge. Bis Oktober 1926 waren rund tausend Flaggenentwürfe aus der Bevölkerung in seinem Amt eingegangen, weitere folgten bis 1929. Einige schickten einen farblich gestalteten Entwurf, andere erklärten ihre Vorschläge in langen Briefen. Die meisten Ideen nutzten die Farbkombinationen Schwarz-Rot-Gold und Schwarz-Weiß-Rot, manche Entwürfe wirken wie Collagen aus durchgeschnittenen, neu zusammengesetzten Flaggen. Darüber hinaus gab es auch andere Farbvorschläge. So sollten die Farben Preußens und Österreichs zu einer schwarz-weiß-goldenen Flagge vereint werden oder zur Kombination Schwarz-Weiß-Grün. Auch eine Kreuz-Flagge wurde von vielen favorisiert. 

„Flagge zeigen“ im Alltag der Republik

Postkarte von 1930. Sie zeigt das Strandbad Binz auf Rügen mit verschiedenen Flaggen.

Flaggenstreit am Strand: „Binz auf Rügen. Strandleben“ - Postkarte 1930 (© Privatbesitz)

Es kam weder zu einer Einheitsflagge im Sinne des Reichkunstwarts noch zu einer Revision der Lutherischen Flaggenverordnung. Und auch wenn die großen Reichstagsdebatten über Flaggenfragen Mitte der 1920er Jahre beendet waren, verschwanden Flaggenkonflikte nicht von der Tagesordnung. Im Gegenteil: Denn „Flagge zeigen“ für oder gegen die Republik geschah auch im Alltag. So flaggten Republikaner an Festtagen und dekorierte ihre Balkone, Gartenlauben oder Fahrräder mit Schwarz-Rot-Gold, während ihre Gegner eigenen Farben aufzogen und republikanischen Flaggen stahlen oder beschädigten. Lokale Polizeibehörden sowie Gerichte beschäftigten sich mit verschwundenen schwarz-rot-goldenen Fahnen von Rathäusern, Schulgebäuden, Fensterbänken und auch von Sandburgen oder Strandkörben an Badestränden. Die parlamentarischen Auseinandersetzungen wurden auf lokaler Ebene fortgesetzt. Republikaner und ihre Gegner wussten, dass Flaggenkonflikte, waren sie noch so alltäglich, für das große Ganze standen. Flaggen waren keine Nebensache, die von wichtigeren Themen ablenkten, wie Otto Braun vermutete. Sie ermöglichten politische Teilhabe, Mobilisierung, Zustimmung und Ablehnung und standen genau deshalb im Mittelpunkt politischer Diskussionen und Aktionen in der gesamten Zeit der Weimarer Republik.

Zum Weiterlesen 

Bernd Buchner, Um nationale und republikanische Identität. Die deutsche Sozialdemokratie und der Kampf um die politischen Symbole in der Weimarer Republik (Bonn, 2001)

Nadine Rossol, Flaggenkrieg am Badestrand. Lokale Möglichkeiten repräsentativer Mitgestaltung in der Weimarer Republik, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, 56 (2008), S. 617-637

Christian Welzbacher (Hg.), Der Reichskunstwart. Kulturpolitik und Staatsinszenierung in der Weimarer Republik (Weimar, 2010)