Parlament

Johann Adam von Itzstein (1775-1855)

Porträtzeichnung eines Mannes

Hambacher Tuch, fotografiert im Archiv des Liberalismus in Gummersbach: Johann Adam von Itzstein (1775-1855). (© Archiv des Liberalismus/Olaf Kosinsky)

Herausragender Wegbereiter des deutschen Parlamentarismus

„Müde von den Jugendkämpfen deutscher Freiheit ruhet hier ein mutig Herz“ – die Inschrift auf dem Grabstein verweist auf ein bewegtes Leben: Am 28. September 1775, kommt mit Johann Adam von Itzstein einer der wirkmächtigsten Parlamentarier des 19. Jahrhunderts zur Welt. In seinem Lebensweg spiegeln sich, so die Historikerin Birgit Bublies-Godau, die komplexen Wandlungsprozesse und Richtungskämpfe der bürgerlichen Opposition im „Vormärz“.

Itzstein, das 14. Kind eines Hofrats, erlebt 1793 als Jurastudent die Turbulenzen der Mainzer Republik. Der republikanische Aufbruch radikaler Spätaufklärer macht ihn mit den politischen Ideen und sozialen Forderungen der Französischen Revolution bekannt. Sein ideologischer Antipode Graf Klemens Wenzel von Metternich studiert zur gleichen Zeit in Mainz. Die Gallionsfigur der konservativen Restauration wird später in seinem Kommilitonen den „einzi-gen gefährlichen Mann der badischen Opposition“ erkennen, und auch die Bezeichnung Itz-steins als „liberaler Metternich“ zeugt von dessen immensen Einfluss und zeitgenössischer Bedeutung.

Seine berufliche Karriere als Verwaltungsjurist beginnt Itzstein der Familientradition folgend im kurfürstlichen Mainz, später tritt er in den badischen Staatsdienst ein. Im Großherzogtum Baden, wo die Landesverfassung bereits politische Teilhabe ermöglicht, beginnt in der Zweiten Kammer des Landtages 1822 auch die parlamentarische Karriere Itzsteins. Im Streit um den Militäretat macht er sich schnell einen Namen und steigt als Verteidiger des parlamentarischen Budgetrechts zum Wortführer der liberalen Opposition auf. In der Folge erst strafversetzt, dann beurlaubt, scheidet Itzstein nach juristischen Querelen aus dem Staatsdienst aus – mit einer Pension, die fortan seine politische Arbeit mitfinanziert. Seine Pensionierung sei deshalb, so der Itzstein-Kenner Hans-Peter Becht, auch die „Geburt des ersten deutschen Berufspolitikers“ gewesen.

Zur finanziellen Unabhängigkeit trägt der Besitz eines Weinguts in Hallgarten im Rheingau bei. Von hier aus zieht Itzstein im „Vormärz“ seine Strippen, kämpft für Pressefreiheit, Ver-eins- und Versammlungsfreiheit, die Trennung von Justiz und Verwaltung, für Volkssouveränität, ein gleiches, allgemeines Wahlrecht und die parlamentarische Kontrolle der Regierung. Seine Autorität verdankt sich keinem akademischen Wirken, sondern praktischer Netzwerk-pflege: Mit geschätzt mindestens 10.000 Briefen nimmt Itzstein über die Landesgrenzen im Deutschen Bund hinweg Einfluss, rekrutiert bei Wahlen Kandidaten, die er anleitet und durchsetzt. Geraten liberale Mitstreiter in die Fänge der Obrigkeit, organisiert er Pressekampagnen und Spendenaktionen. In der „Ein-Mann-Parteizentrale“ (Hans-Peter Becht) zeigt sich eindrücklich, wie Freiheit, demokratische Teilhabe, der Parlamentarismus in Deutschland erst erkämpft werden mussten. Seine hervorragenden organisatorischen Fähigkeiten und seine integrative Kraft machen Itzstein als gewieften Taktiker zum politischen „Spin doctoravant la lettre.

Untrennbar mit ihm ist der „Hallgartenkreis“ verbunden, Treffpunkt der oppositionellen Elite, bei dem in wechselnder Besetzung so unterschiedliche liberale und demokratisch gesinnte Politiker, Dichter und Publizisten wie Heinrich von Gagern, Robert Blum, Johann Jacoby, Friedrich Hecker und Hoffmann von Fallersleben zusammenkommen. Das Weingut, auf dem es der Überlieferung nach auch feuchtfröhlich zugegangen sein soll, entwickelt sich zum Zentrum der Debatte über geeignete Strategien, um trotz Zensur und Repression die Öffentlichkeit für die liberalen Forderungen mobilisieren zu können. Dass aus Itzsteins umfänglicher Korrespondenz heute keine 400 Briefe – und das auch nur dank akribischer Recherche europaweit in Archiven und Bibliotheken – zugänglich sind, mag erklären, warum sein Nachruhm gegenüber der Prominenz anderer, die durch Amt, staatstheoretische Schriften oder ihre Märtyrerrolle in der Revolution einer breiteren Öffentlichkeit bekannt sind, begrenzt geblieben ist. Im Jahrzehnt vor der Revolution von 1848/49 ist die Itzstein-Verehrung dagegen auf ihrem Höhepunkt: „Vaterland, freue dich!/ Deine Nacht wird immer heller:/ Itzstein, unser Stern,/ leuchtet nah und fern“: Diese Zeilen Hoffmann von Fallerslebens singt die liberale Opposition deutschlandweit zu Ehren von „Vater Itzstein“, nach dem sogar ein Dreimaster benannt ist. 

Itzsteins politisches Schaffen – er saß zwei Jahrzehnte im badischen Landtag – zeigt ihn als pragmatischen Vermittler zwischen Liberalen, gemäßigten Demokraten und radikalen Kräften. So ebnet er trotz der wachsenden Zersplitterung der oppositionellen Kräfte den Weg zum ersten gesamtdeutschen Parlament. In den unmittelbar vorausgehenden Versammlungen und im „Siebener Ausschuss“, der die Wahlen 1848 vorbereitet, hat Itzstein eine tragende Rolle, dem Vorparlament steht er als Vizepräsident vor. In der Paulskirche wirkt er auf Seiten der gemäßigten Linken auch wegen seines hohen Alters dann mehr im Hintergrund, vermittelt zwischen gemäßigten Liberalen und radikaldemokratischen Kräften. Die Zeit für die Republik, zu der auch er sich bekennt, sieht er noch nicht gekommen – anders etwa als sein politischer Ziehsohn Hecker, den er wiederholt auf den parlamentarischen Weg zurückzuholen sucht. Seine Popularität blitzt noch einmal auf, als er bei der Wahl des Reichsverwesers, dem ersten demokratisch legitimierten Staatsoberhaupt, als Kandidat aufgestellt wird – wenn auch chancenlos. Die Reichsverfassung trägt seine Unterschrift, obwohl er gegen den preußischen Erbkaiser als Staatsoberhaupt stimmt. Als die Nationalversammlung damit scheitert, die Verfassung auch machtpolitisch durchzusetzen, folgt er dem „Rumpfparlament“ nach Stuttgart. Er wird kurzzeitig des Hochverrats beschuldigt und flieht zunächst ins Schweizer, dann ins elsässische Exil. Erst Jahre später kehrt er heim. 1855 stirbt Itzstein kurz vor seinem 80. Geburtstag auf seinem Weingut. 

Jede Zeit stellt ihre Fragen an die Geschichte und sucht darin nach Vorbildern. Beim Revolutionsjubiläum 2023/24 dominierte das Interesse an den Revolutionären, die als frühe Republikaner uns ideologisch zwar näherstehen mögen, zeitgenössisch aber nicht mehrheitsfähig waren – und es in der Wahl ihrer radikalen Mittel wohl auch heute kaum wären. Ein „Virtuos im Ausgleich von Gegensätzen, diplomatischer Organisator und parlamentarischer Techniker “ (Veit Valentin) wie Johann Adam von Itzstein hat es demgegenüber schwerer – dabei ist seine auf Ausgleich bedachte Politik zeitloses Vorbild. Der Deutsche Bundestag steht auch auf seinen Schultern.

Zum Weiterlesen

Becht, Hans-Peter: Adam von Itzstein: Metternichs stiller Gegenspieler. In: Steinmeier, Frank-Walter (Hg.): Wegbereiter der deutschen Demokratie. 30 mutige Frauen und Männer 1789-1918, München 2023, S. 119-130.

Bublies-Godau, Birgit: Johann Adam von Itzstein. Vom Mainzer Jakobinerklub zur Frankfurter Nationalversammlung: Vorkämpfer, Wortführer und Spitzenpolitiker der bürgerlichen Verfassungs- und Demokratiebewegung. In: Schmidt, Walter (Hg.): Akteure eines Umbruchs. Männer und Frauen der Revolution von 1848/49, Bd. 3, Berlin 2010, S. 303–358.

Roßkopf, Josef: Johann Adam von Itzstein. Ein Beitrag zur Geschichte des badischen Liberalismus, Diss. Mainz 1954.

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