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Artikel

22. Februar 2019

Worte von Bundestagspräsident Dr. Wolfgang Schäuble vor Eintritt in die Tagesordnung zum Gedenken an Jörg Schönbohm

[Es gilt das gesprochene Wort]

Wir nehmen Abschied von Jörg Schönbohm. 
Mit ihm verliert unser Land einen Staatsdiener von preußischer Statur. Einen waschechten Brandenburger, einen Mann mit Haltung und festen Überzeugungen – einen Konservativen im besten bürgerlichen Sinne. 

„Ihr alle kennt die wilde Schwermut, die uns bei der Erinnerung an Zeiten des Glückes ergreift. Wie unwiderruflich sind sie doch dahin ...“
Ernst Jünger schrieb diese Anfangssentenz seines Romans „Auf den Marmorklippen“ 1939. Da war Jörg Schönbohm keine zwei Jahre alt – und der Krieg hatte noch nicht begonnen, der einer unbeschwerten Kindheit im märkischen Sand ein jähes Ende setzte. Der tiefe Spuren hinterließ, durch Flucht und Vertreibung. 
„Wilde Schwermut“: Sie begleitete Jörg Schönbohm; seine Autobiografie betitelte er so. Bei aller schalkhaften Heiterkeit, die unter seinen markanten Augenbrauen aufblitzte: Ihn bewegte immer auch der „existentielle Ernst des Lebens“. Aus der Erfahrung in frühester Kindheit, die prägend blieb fürs Leben.

Damals schon an seiner Seite: die Nachbarstochter, seine spätere Frau. Sie, liebe Eveline Schönbohm. Es ist eine außergewöhnliche Geschichte lebenslanger Verbundenheit. Sie spiegelt sich in den Lebenserinnerungen, die sie gemeinsam in einem Dialog verfasst haben. Wer sie liest, spürt die besondere Vertrautheit – und ahnt den Verlust.

Ein anderer Märker hat einmal vom „Zauber der Schwermut“ geschrieben – vermutlich weil darin eben immer auch die Erinnerung an die Zeiten des Glücks mitschwingt: Theodor Fontane. Jörg Schönbohm, der märkische General, schätzte den märkischen Dichter. 
Wenn wir in diesem Fontane-Jahr Abschied nehmen von Jörg Schönbohm, kommt einem eine Passage aus dem „Stechlin“ in den Sinn. Über den steten Wandel, das Bewahren des Bewährten und die Aufgeschlossenheit für das Neue: 
„Ich respektiere das Gegebene. Daneben aber freilich auch das Werdende, denn eben dies Werdende wird über kurz oder lang abermals ein Gegebenes sein. Alles Alte, soweit es Anspruch darauf hat, sollen wir lieben, aber für das Neue sollen wir recht eigentlich leben.“
Jörg Schönbohm hatte den mitreißenden Elan, die Zukunft gestalten zu wollen, und er tat es mit der Gelassenheit eines Menschen, der fest verwurzelt war, der Halt hatte: in seiner Familie, im Glauben, in der Heimat. 
Jörg Schönbohm war eben beides: ein überzeugter Konservativer und ein durchsetzungsstarker Reformer.

Seine brandenburgische Herkunft blieb für ihn zeitlebens prägend. Die Übernahme der Befehlsgewalt für das Bundeswehrkommando Ost im Zuge der Wiedervereinigung, sein Engagement in der brandenburgischen Landespolitik: Beides gründete nicht allein in seinem preußischen Pflichtbewusstsein. Es war auch Ausdruck seiner tiefen Verbundenheit zu der Region, der er entstammte. Eine echte Herzensangelegenheit.
Jörg Schönbohm war überzeugt, dass der Mensch nicht bindungslos existieren könne. Familie war ihm eine Lebensgemeinschaft. Und er mahnte: Wir müssen wissen, wofür wir frei sind. Brauchen einen Maßstab, der über das Leben hinausgeht. Hier sprach der gläubige Protestant – und die Erfahrung, wohin die Phrasen ideologischer Menschheitsbeglücker führen. Demut in der Bindung an Gott war ihm unverzichtbare Voraussetzung sittlicher Lebensführung. Und ein Bewusstsein für die Geschichte Bedingung verantwortungsvollen Handelns. 
Sein Bild der Nation war dabei nicht deutschtümelnd. Toleranz als friderizianische Tugend gehörte für ihn untrennbar zum Kanon deutscher Grundwerte. Aber er war überzeugt davon, dass auch die deutsche Nation Selbstachtung, im Wortsinne: Selbstbewusstsein braucht. Das Bekenntnis zur eigenen Kultur, zu unseren Werten, zur eigenen Geschichte. 

Sein berufliches Leben widmete er der äußeren und inneren Sicherheit, als General und als Verantwortlicher für das Innenressort in Berlin und Brandenburg. Überzeugt davon, dass das staatliche Gewaltmonopol als zivilisatorische Errungenschaft verteidigt werden muss, gegen den äußeren Feind, aber auch gegen Widerstände im Innern. Dass die Demokratie wehrhaft sein muss.
Jörg Schönbohm hat in der Bundeswehr und in der Politik Spuren hinterlassen. Er bewies Führungsstärke und gab klare Orientierung. Nichts verachtete er mehr als Beliebigkeit. Er blieb bis zuletzt überzeugter Atlantiker. Unvergessen ist sein Beitrag zur inneren Einheit, als er mit Entscheidungskraft und Einfühlungsvermögen die Soldaten der Nationalen Volksarmee in die Bundeswehr überführte und mit dem Abzug der Sowjetsoldaten die größte Truppen¬verlegung in Friedenszeiten begleitete. Bleiben werden auch die Ergebnisse seiner Bezirks-, Gemeinde- und Polizeireformen in Berlin und Brandenburg. Hier bewies er Weitsicht und Standfestigkeit. 

Ein Parteisoldat ist er nie geworden, seine Unabhängigkeit war ihm wichtig. Jörg Schönbohm war direkt, geradeaus – auf „seine unkomplizierte, selbstdenkende, frisch formulierende Art“, wie das einmal treffend kommentiert wurde. Damit eckte er bisweilen an, aber gerade als Persönlichkeit mit Ecken und Kanten verdiente er sich Anerkennung – nicht zuletzt bei politischen Gegnern, die seiner Gradlinigkeit, seiner Glaubwürdigkeit als Konservativer Respekt zollten. Gefallsucht war ihm gänzlich fremd, aber Aufrichtigkeit und gegenseitige Achtung, Tugenden wie Fairness und Anstand: Darauf konnte und wollte er nicht verzichten. Und daran hat er es seinen politischen Gegnern auch nie fehlen lassen. 

Mehr noch: Mit seinem Humor konnte er Streit, den wir in der Demokratie führen müssen, auch die Schärfe nehmen. Meist trocken, oft von knorrigem Charme, immer schlagfertig. Typisch ist die Szene, als Brandenburger Polizisten gegen Umstrukturierungen protestierten. Auf den Versuch der Beamten, sich dem Gespräch mit dem Minister durch demonstratives Rückenzudrehen zu entziehen, reagierte Jörg Schönbohms kurz und knapp: „Haarschnitt in Ordnung. Sie können sich wieder umdrehen!“ Das Lachen konnten sich dann offenbar auch die Beamten nicht verkneifen. Das Gespräch miteinander wurde möglich.
Jörg Schönbohm wird vielen als ein streitbarer Geist in Erinnerung bleiben. Aber er verfügte auch über die Fähigkeit, Gräben zu überwinden. Das bewies er nicht zuletzt als Vorsitzender der märkischen CDU, die ihm viel zu verdanken hat. 

In seinen Lebenserinnerungen hat Jörg Schönbohm die Rede eines seiner Lehrer zitiert, den er sehr verehrte. Dessen Abiturrede endete mit der Aufforderung an die Schüler, sie sollten erkunden, „welch großes und lohnendes Wagnis doch ein gelebtes Menschenleben ist!“ Jörg Schönbohm ist dieses Wagnis eingegangen. Und er hat sich dabei größte Verdienste um unser Land erworben. Dafür sind wir ihm dankbar. 
 

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