04.06.2025 | Parlament

Rede von Bundestagspräsidentin Julia Klöckner bei der Vorstellung des Zeitzeugenberichtes von Jeanette Wolff

[Es gilt das gesprochene Wort]

Meine Damen und Herren,

1945 wird Jeanette Wolff von der Roten Armee befreit. 
Sie ist 57 Jahre alt, gezeichnet vom Grauen mehrerer Konzentrationslager. 
Im Holocaust hat sie ihren Mann, zwei Töchter, Schwiegermutter, Schwiegersohn und Enkelkind verloren.
Neben ihr hat nur ihre Tochter Edith überlebt.

Was tut eine Frau, die solches erlebt hat? 
Jeanette Wolff kehrt zurück nach Deutschland, in das Land der Täter. Und widmet ihr Leben dem demokratischen Neuanfang in Deutschland.

Eine beeindruckende Lebensgeschichte, die viele von uns zu lange nicht kannten.

Vermutlich geht es Ihnen wie mir: Hat man einmal von Jeanette Wolff, von ihrem Leid und ihrem Engagement gehört, lässt einen diese Lebensgeschichte nie wieder los.

Meine Damen und Herren, ich freue mich, heute Abend unter uns viele begrüßen zu dürfen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, an Jeanette Wolff erinnern.

Lieber Herr Neumärker, liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, herzlich willkommen! 
Ich danke Ihnen, dass Sie gemeinsam mit uns, dem Deutschen Bundestag, den Zeitzeugenbericht „Sadismus oder Wahnsinn“ von Jeanette Wolff neu herausgeben.

Liebe Frau Kunzendorf, 
Sie lesen gleich aus diesem beeindruckenden Bericht, den Jeanette Wolff schon 1946 geschrieben hat.

Liebe Frau Franck, 
Sie haben einen literarischen Text über Jeanette Wolff verfasst, der im Buch „Der nächste Redner ist eine Dame“ erschienen ist. Der Deutsche Bundestag hat dieses Buch im vergangenen Jahr herausgegeben, um an die Frauen im ersten Nachkriegsparlament zu erinnern. Wer es noch nicht kennt – ich lege Ihnen die Lektüre wärmstens ans Herz!

Vielen Dank, liebe Frau Franck, liebe Frau Kunzendorf, lieber Herr Neumärker, dass Sie an dieser Veranstaltung heute mitwirken!

Mein Dank gilt auch den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Bundestagsverwaltung aus dem Wissenschaftlichen Dienst, die auf Jeanette Wolff aufmerksam geworden sind und vielfältige Projekte umsetzen, um an sie zu erinnern – ganz besonders Dr. Hilmar Sack und Natalie Weis. 
Und ich danke der Bibliothek unter der Leitung von Holger Scheerer für den heutigen Abend.

Besonders begrüßen möchte ich heute Herrn Grafen. Lieber Herr Grafen, Sie kannten Edith Marx, die Tochter von Jeanette Wolff, gut. Ich danke Ihnen von Herzen für Ihre Kooperation bei der Neuauflage des Zeitzeugenberichtes!

Lassen Sie mich zur Einführung vorstellen, wer Jeanette Wolff war.

Sie kommt 1888 als Jeanette Cohen in Bocholt auf die Welt.

Aus ihrem Elternhaus stammt ihre Leidenschaft für die jüdische Sozialarbeit, für die gegenseitige Unterstützung in der Gemeinde, besonders der Armen, und ganz besonders ärmerer Frauen.

Wie ihr Vater engagiert sie sich politisch. Als 1919 endlich auch Frauen wählen und gewählt werden dürfen, wird sie Stadtverordnete für die SPD. Sie ist eine der ersten Frauen in der Kommunalpolitik Deutschlands.

Eine Frau wie Jeanette Wolff verkörpert in jeder Hinsicht das Feindbild der Nationalsozialisten: eine jüdische, deutsche Frau, die sich politisch einmischt und frühzeitig vor den Gefahren des Faschismus warnt.

Von 1933 bis 1935 sitzt Jeanette Wolff im Zuchthaus, als eine der ersten Frauen, die aus politischen Gründen inhaftiert wird.

Danach erfahren sie, ihr Mann und ihre drei Kinder die volle Härte des nationalsozialistischen Hasses auf Juden:

1938 wird Hermann Wolff, Jeanettes Mann, bei der Reichspogromnacht inhaftiert und kommt im Februar 1939 aus Sachsenhausen zurück – seelisch gebrochen und um Jahre gealtert.

1939 müssen sie in Dortmund, wo sie mittlerweile leben, in ein sogenanntes „Judenhaus“ ziehen.

Jeanette Wolffs jüngste Tochter Käthe geht ins Kino, wie eine ganz normale Jugendliche. 
Die Nationalsozialisten haben dies für jüdische Menschen bereits verboten. Käthe Wolff wird denunziert. 
1941 wird sie ins KZ Ravensbrück deportiert und kehrt nie zurück.

Im Januar 1942 wird Jeanette Wolff mit ihrem Mann und ihren zwei älteren Töchtern, Juliane und Edith, 
ins Ghetto Riga deportiert.

Dort beginnt ihre grausame Lagerodyssee. Sie erlebt den unerträglichen Sadismus der SS. Sie wird vom Ghetto Riga ins KZ Kaiserwald, dann ins KZ Stutthof, dann in Außenlager, dann auf einen Todesmarsch geschickt.

Nach ihrer Befreiung bleiben Jeanette und ihre Tochter Edith zunächst in Polen, sie haben keine Papiere. Anfang 1946 können sie zurück nach Deutschland kehren und kommen nach Berlin.

Jeanette Wolff beginnt unmittelbar damit, einen Bericht niederzuschreiben – über ihre „Erlebnisse in den deutschen Konzentrationslagern im Osten“, so der nüchterne Untertitel.

„Sadismus oder Wahnsinn“ ist einer der ersten Berichte über die Konzentrationslager. 
Der Text ist schonungslos, klar, detailreich, brutal – aber weitgehend frei von dem persönlichen Leid, der Trauer, die Jeanette Wolff erlebt hat.

Wir können nur erahnen, warum das so ist. 
Sei es, weil Jeanette Wolff sich das Erlebte quasi „von der Seele“ schreiben wollte – ohne zu tief in ihren Schmerz einzutauchen. 
Sei es, weil sie ihre Aufzeichnungen auch als politischen Appell verstand: „Ein Deutschland der wahren Demokratie, der Freiheit und des Friedens soll erwachen.“
Das schreibt Jeanette Wolff, nur etwa ein Jahr nach ihrer Befreiung, als sie zurück ist im Land der Täter.

Und Jeanette Wolff stürzt sich ins Engagement:

Sie engagiert sich für den Wiederaufbau der jüdischen Gemeinde Berlin und für einen Zentralrat der Juden, für die SPD und die Gewerkschaften, für die Opfer des Nationalsozialismus. 
Sie kämpft für Entschädigung und Entnazifizierung, für die Rechte von Frauen, gegen die Zwangsvereinigung von SPD und KPD zur SED.

Schon Ende 1946 wird sie in die Berliner Stadtverordnetenversammlung gewählt, das heutige Abgeordnetenhaus.

1952 wird Jeanette Wolff Abgeordnete im ersten Deutschen Bundestag – auf einem besonderen Weg. 
Aufgrund der Sonderstellung Berlins wurden die West-Berliner Abgeordneten nicht gewählt, sondern aus dem Berliner Parlament entsandt.

Bis 1961 setzt sie sich im Bundestag mit klaren Worten und viel Empathie für Verfolgte des Nationalsozialismus ein, für das Ahnden der NS-Verbrechen, für die Demokratie und die Meinungsfreiheit. 
Sie bearbeitet unzählige Petitionen und ist unermüdlich im Einsatz für ihre Mitmenschen.

Nicht immer hat sie den Eindruck, genügend Gehör zu finden. Als zu schleppend und zu zögernd empfindet sie das Vorgehen der Gerichte gegen die NS-Verbrecher.

Immer wieder ist sie enttäuscht darüber, dass viele in der Nachkriegsgesellschaft doch allzu gern den Mantel des Schweigens über die NS-Zeit legen.

1976 stirbt Jeanette Wolff. Auf ihrem Grabstein steht: „Eine Frau ausstrahlender Anmut durch ihre Taten.“

Ihr Wirken für unser Land ist beeindruckend. Es wäre schon für sich genommen beeindruckend – und es wird noch beeindruckender, weil Jeanette Wolff nach dem, was die NS-Täter ihr und ihrer Familie angetan hatten, dennoch Deutschland ihre Kraft schenkte.

Meine Damen und Herren, vor knapp einem Monat ist die wunderbare Margot Friedländer von uns gegangen. 
Auch sie hat ihre gesamte Familie im Holocaust verloren und hat unserem Land so unglaublich viel geschenkt. Unermüdlich und stets hellwach hat Margot Friedländer gegen das Vergessen, für die Erinnerung gewirkt.

Jede Person, die Margot Friedländer einmal persönlich erlebt hat, war tief beeindruckt: sei es in einem politischen Gespräch, sei es bei einem ihrer unzähligen Besuche an Schulen und Universitäten, sei es auf dem Fernsehbildschirm.

Es schmerzt, dies auszusprechen, aber eines Tages werden wir keine Zeitzeugen mehr haben, die von den deutschen Verbrechen und vom Grauen der nationalsozialistischen Konzentrationslager berichten können.

Jeanette Wolff lebt in dem Zeitzeugenbericht weiter, den wir hier heute Abend vorstellen. Die Lektüre berührt ungemein, macht traurig und fassungslos, macht wütend und spornt gleichzeitig an.

Lassen Sie uns nicht in der Erinnerung verharren, sondern vor allem durch unser Tun wirken – durch Engagement für unsere Demokratie, für die Menschenwürde, gegen Diskriminierung.

Meine Damen und Herren, 
Nina Kunzendorf wird nun aus Jeanette Wolffs Zeitzeugenbericht lesen.

Ich wünsche uns allen einen nachdenklichen und zugleich inspirierenden Abend. 
Vielen Dank.