17.12.2025 | Parlament

Worte von Bundestagspräsidentin Julia Klöckner vor Eintritt in Tagesordnung anlässlich des Gedenkens an den antisemitischen Anschlag in Sydney am 14. Dezember 2025

[Stenografischer Dienst]

Präsidentin Julia Klöckner: 

Guten Tag! Ich grüße Sie alle und eröffne hiermit die Sitzung. 

Liebe Kolleginnen und Kollegen, nach den Bildern aus Sydney vom vergangenen Wochenende fällt es mir schwer, uns allen schwer, heute einfach so in die Tagesordnung einzusteigen. Deshalb gestatten Sie mir bitte, unserer Sitzung etwas voranzustellen. 

Zunächst begrüße ich sehr herzlich den Geschäftsträger der Australischen Botschaft, Herrn Matt Alexander

(Beifall)

und den Vertreter der Israelischen Botschaft, Herrn Nizar Amer, auf unserer Tribüne. Schön, dass Sie heute bei uns sind.

(Beifall)

Liebe Kolleginnen und Kollegen, unser Deutscher Bundestag trägt als Parlament eine sehr besondere Verantwortung gegenüber Jüdinnen und Juden. Aus unserer Geschichte, aus unserer Erfahrung folgt eben nicht nur Erinnerung. Es folgt ein Auftrag: Unser Auftrag ist es, die Stimme zu erheben, wenn Juden bedroht, wenn sie beleidigt und wenn sie angegriffen werden. Aber wie viel mehr müssen wir dies tun, wenn Juden gar ermordet werden, weil sie ihren Glauben leben.

Am Bondi Beach in Sydney wollten Familien fröhlich das jüdische Lichterfest feiern. Was als Fest begann, das endete in blankem Entsetzen. Zwei Attentäter töteten 15 Menschen, und sie verletzten viele weitere. Die Menschen starben, weil sie frei und sichtbar ihr Judentum lebten. Wir trauern um die Toten, denken an ihre Familien und an alle, die noch um ihre Liebsten bangen in dieser Stunde.

In Sydney wurde auch Alex Kleytman ermordet. Er entkam der Shoah, dem Menschheitsverbrechen, das Deutschland begangen hat. Nun wurde er wieder Opfer. Tausende Kilometer entfernt von Deutschland. Er wurde Opfer des Judenhasses und am Bondi Beach getötet - offenbar während er seine Frau mit seinem Körper vor den Kugeln schützte.

Australien liegt geografisch weit entfernt, doch kann ich heute nicht mit dem Finger auf die andere Seite der Erdkugel zeigen. Ich zeige auch auf uns hier in Deutschland. Der Hass auf Jüdinnen und Juden wird ständig offener und lauter. Der Hass wird tödlich. 

Die Wahrheit ist: Sydney hätte auch in Deutschland liegen können. Zur bitteren Wahrheit gehört auch, dass selbst auf das Massaker am Bondi Beach teils mit offener oder stiller Genugtuung und Häme reagiert wurde. Die Opfer von Sydney traf keine Schuld. Der Hass traf sie ausschließlich, weil sie Juden waren. 

Als der Parlamentarische Rat, liebe Kolleginnen und Kollegen, unser Grundgesetz erarbeitete, stand eine Erkenntnis vor allem: Was im deutschen Namen geschehen war, das durfte nie wieder geschehen. Die erste Antwort auf die damalige millionenfache Entmenschlichung lautete: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ 

Wer heute jüdisches Leben bedroht, der greift diese Antwort an. Wer die Ermordung von Juden relativiert, verlässt den Boden des zentralsten Grundwertes unserer Verfassung. Das wird dieser Deutsche Bundestag niemals tolerieren.

(Beifall)

Ich danke Ihnen.