Laudatio von Bundestagspräsidentin Julia Klöckner bei der Verleihung des ersten Europäischen Paulskirchenpreises an Masih Alinejad in der Frankfurter Paulskirche
[Es gilt das gesprochene Wort]
Ein Regime, das Angst vor dem Haar einer Frau hat, ist schwächer, als es wirkt.
Und doch ist es stark genug, um Frauen zu verfolgen, zu demütigen und zu töten.
Für mich ist das heute weit mehr als eine Preisverleihung. Es ist ein politisches Zeichen. Ein Zeichen für Freiheit. Ein Zeichen gegen Angst. Ein Zeichen gegen die Erniedrigung von Frauen als Herrschaftsprinzip.
Als wir im Kuratorium entschieden haben, den Europäischen Paulskirchenpreis an Masih Alinejad zu verleihen, konnte niemand von uns ahnen, wie sehr sich die Lage im Nahen Osten zuspitzen würde. Ich denke an die Menschen in Israel,
im Libanon, in der gesamten Golfregion und im Iran, die derzeit mit Bomben und Drohnen leben müssen.
Die Lage ist offen und unübersichtlich. Vieles ist in Bewegung. Aber gerade in solchen Zeiten können Räume entstehen — auch Räume der Freiheit.
Wir zeichnen heute eine Frau aus, die schon lange für Freiheit im Iran kämpft. Die gegen einen Staat kämpft, der Frauen wegen eines Kopftuchs jagt. Eine Frau, für die im Iran kein Platz vorgesehen war, die lautlos und unsichtbar bleiben sollte. Und die heute eine der lautesten iranischen Stimmen ist. Manche fügen sich in die Enge, die ihnen zugedacht ist. Andere sprengen sie.
Das Regime in Teheran exportiert Terror und Einschüchterung bis nach Europa, um freie Gesellschaften in Europa zu verunsichern und ihre demokratische Öffentlichkeit zu untergraben. Wer sich diesem Regime entgegenstellt, kämpft nicht nur für die Freiheit im Iran, sondern auch für die Demokratie in Europa.
Auch dieses Zeichen setzt heute die Verleihung des Europäischen Paulskirchenpreises für Demokratie an eine mutige Frau aus dem Iran.
Diese Paulskirche hier ist nicht nur ein Ort deutscher Demokratiegeschichte. Sie ist auch ein Ort ihrer Lücken. Das erste frei gewählte deutsche Parlament, 1848,
das war ausschließlich für Männer bestimmt. Es ging um Freiheit, Verfassung und Demokratie. Das war mutig, das war historisch – doch es waren ausschließlich Männer.
Frauen durften weder wählen noch kandidieren. Ihr Platz war auf der sogenannten Damengalerie, von dort durften sie die Sitzungen verfolgen. Damals: Immerhin! Doch darauf ließen sie sich nicht reduzieren. Die Frauen damals schrieben Zeitungsartikel, kommentierten Entscheidungen, vernetzten sich.
Sie schufen sich ihre eigene Öffentlichkeit – mit den Mitteln, die man ihnen zugestand.
1848 war ein großer Aufbruch. Aber es war auch ein unvollendeter Aufbruch.
Ein Kampf für Demokratie, der mehr versprach, als er damals einlöste. Und doch weht der Geist dieses Aufbruchs bis heute in diesem Haus, in der Paulskirche. Damals kämpften Frauen darum, sich Raum für Demokratie und für gleiche Rechte zu verschaffen. Genau diesen Kampf führt heute Masih Alinejad –
unter anderen Vorzeichen, aber im Kern um dieselbe Sache: um Recht und Freiheit, und um Würde.
Masih Alinejad wuchs im Iran auf, am Südufer des Kaspischen Meeres. Ein kleines Mädchen in einem Land, das für kleine Mädchen sehr genaue Pläne und eng gezogene Grenzen bereithielt. Ab dem siebten Lebensjahr wartet das Kopftuch. Nicht als freie religiöse Entscheidung, sondern als Zwang. Im Iran geht es beim Kopftuch nicht um Religion. Es geht um Macht.
Ihr Bruder durfte als Kind singen, tanzen oder ins Wasser springen. Als seine Schwester durfte sie das alles nicht. Für den Bruder war erlaubt, was für sie als Schwester verboten war.
In diesen Grenzen sollte Masih Alinejad ihre Kindheit und Jugend verbringen. Doch sie akzeptierte diese Grenzen nicht. Sie strebte nach Freiheit. Erst in der Familie, doch darauf beschränkte sie sich nicht.
1994 wurde Masih Alinejad als Teenager verhaftet, weil sie regimekritische Flugblätter erstellt hatte. 2009 ging sie schließlich ins Exil, weil sie von dort lauter sein konnte. Im Exil leben bedeutet Schutz, aber es ist Sicherheit ohne Heimat.
In den vergangenen Jahren versuchte das Mullah-Regime immer stärker, ihre Stimme zum Schweigen zu bringen. Sie ist nicht deshalb gefährlich für das Regime, weil sie etwa Gewalt predigt — sondern weil sie Frauen zeigt, dass Gehorsam nicht naturgegeben ist.
2021 vereitelte das US-Justizministerium einen Entführungsversuch des iranischen Geheimdienstes. Zwei mutmaßliche Auftragsmörder wurden im Oktober 2025 in den USA zu je 25 Jahren Haft verurteilt. Umzüge aus Sicherheitsgründen wurden in den vergangenen Jahren zigmal nötig. Erst vor einigen Tagen gab es wieder einen Tötungsversuch. Masih Alinejad wurde von den amerikanischen Sicherheitsbehörden geraten, ihr sicheres Zuhause nicht zu verlassen, nicht nach Frankfurt zu reisen.
Liebe Masih, herzlich willkommen in der Frankfurter Paulskirche. Es ist schön, Sie bei uns zu haben!
Manche Menschen würden bei dieser Biografie sagen: Das ist zu viel. Ich ziehe mich zurück. Ich schweige. Liebe Masih Alinejad, in einem Interview haben Sie sehr menschliche Einblicke gegeben und gesagt, dass Sie natürlich Angst kennen: Angst um Ihr Leben, Angst um das Leben Ihrer Familie.
Als Ihr Bruder und Sie als Kinder Furcht vor der Dunkelheit hatten, sagte Ihre Mutter: Die Dunkelheit sei ein Monster, das sich von der Angst ernähre. Wenn man der Angst freien Lauf lasse, verschlinge das Monster einen. Wenn man aber die Angst überwinde, dann schrumpfe das Monster.
Masih Alinejad hat das Monster geschrumpft. Es ist heute nicht sie, die Angst vor dem Regime in Teheran hat, sondern es ist umgekehrt. Deswegen wollen die Mullahs sie zum Schweigen bringen.
Aber Masih Alinejad schweigt nicht. Heute erreicht sie mit ihrer Stimme Millionen Menschen in den sozialen Medien. Heute spricht sie vor dem Sicherheitsrat der Vereinten Nationen. Und heute trägt sogar ein amerikanisches Gesetz ihren Namen: der Masih Alinejad HUNT Act – ein Gesetz, das Akteure bestraft, die Oppositionelle im Exil verfolgen.
Es ist kein Zufall, dass Frauen im Mittelpunkt der iranischen Protestwellen stehen. Iranische Frauen sind oft gut ausgebildet – viele sind Hochschulabsolventinnen. Sehr viele sind klug, kompetent, weltgewandt – und dennoch wird ihnen die Perspektive auf ein freies Leben genommen. Keine freie Berufswahl, kein Reisepass ohne Erlaubnis des Ehemannes, kein Recht auf körperliche Selbstbestimmung.
Masih Alinejad schreibt: „Eine Frau lebt im Iran in einer Hölle. Sie existiert gar nicht.“
Das Regime hat den Frauen im Iran so viel genommen, dass viele von ihnen selbst die Angst nicht mehr als Grenze akzeptieren.
Ich denke zum Beispiel an Reyhaneh Jabbari. Eine junge Frau, die im Iran hingerichtet wurde, weil sie sich gegen einen Vergewaltiger gewehrt hatte. Der Film „Sieben Winter in Teheran“ hat dieses Schicksal dokumentiert.
Ich denke aber auch an eine junge Frau hier in Deutschland – eine aufgeklärte Muslima, die ich in einem Berliner Frauenhaus getroffen habe. Sie hatte ihren Gesichtsschleier abgelegt und suchte Schutz vor ihrer eigenen Familie. Sie sagte zu mir: „Fallen Sie uns aufgeklärten Muslimas nicht in den Rücken.“
Da gibt es für mich keine Kompromisse: Keiner Frau darf heute vorgeschrieben werden, wie sie sich zu kleiden, zu verhalten, zu leben hat.
Im Iran sehen wir in aller Härte, wie freiheitsliebende Frauen verfolgt werden, weil sie ihren Platz einfordern. Frauen, die tanzen, werden festgenommen.
Frauen, die protestieren, werden misshandelt, verfolgt, getötet. Ebenso Frauen, die ihren Schleier ablegen.
Das Regime im Iran hat bei den jüngsten Protesten mit Schrot in die Gesichter der Menschen schießen lassen. Das Mullah-Regime hat für mich keinerlei politische Legitimität.
Das Gamaan-Institut aus den Niederlanden versucht unter widrigen und gefährlichen Bedingungen, Meinungsforschung im Iran zu betreiben. Das Ergebnis: 89 Prozent der Iranerinnen und Iraner wünschen sich Demokratie. Und eine durchgesickerte Umfrage des iranischen Staatsapparats zeigt: 92 Prozent sind unzufrieden mit der Lage im Land.
Der Freiheitskampf im Iran ist kein westlicher Export. Er kommt aus der Mitte der iranischen Gesellschaft. Er ist Ausdruck des Willens eines Volkes, nach Recht und Freiheit, nach politischer Teilhabe. Und dieser Wille wird nicht dadurch ausgelöscht, dass alte Machtgesichter durch neue ersetzt werden. Das wird nicht das Ende der iranischen Hoffnung auf Freiheit sein.
Meine Damen und Herren,
Bomben, Marschflugkörper und Raketen können eine Diktatur schwächen, aber nicht zum Einsturz bringen. Dafür ist nötig, was das iranische Regime an Masih Alinejad so fürchtet: Öffentlichkeit.
Ihre Kampagnen schreiben Geschichte:
„My Stealthy Freedom“ – Frauen, die ihren Schleier heimlich ablegen und sich dabei fotografieren.
„White Wednesdays“ – Frauen, die weiße Tücher tragen, um ihren Protest gegen den Hijab sichtbar zu zeigen.
Jede dieser Kampagnen ist eine Form des Widerstands, die keine Waffen braucht. Aber viel Mut. Und eine Kamera. Meine Kamera, meine Waffe – das ist das Credo der Kampagnen.
Daraus erwächst eine Frage für uns: Können wir etwas tun, um die Menschen im Iran vor Gewalt zu schützen, ganz besonders die Frauen? Können wir etwas unternehmen, um das Terror-Regime in Teheran zu überwinden?
Masih Alinejad fragt dies häufig: Wo ist die internationale Gemeinschaft? Wo ist die Solidarität der Menschenrechtsbewegung? Wo ist die Solidarität derer, die sich weltweit auf Frauenrechte berufen? Sie hat auch westliche Regierungen immer wieder scharf kritisiert: „Enough condemnations.“ Genug der bloßen Verurteilungen. Auch ich bin überzeugt: Wer nur verurteilt, hat noch nicht gehandelt.
Wir müssen sehr klar sein — in der Politik und in unserer Gesellschaft. Und nicht immer hat man das Gefühl, dass dem schon so ist. Viel zu lange fehlten die klaren Worte gegenüber Teheran.
Das Mullah-Regime ist eine Terrorherrschaft. Es ist verantwortlich für die jahrzehntewährende Unterdrückung des iranischen Volkes und ganz besonders seiner Frauen. Es ist verantwortlich für den Terror der Hamas und Hisbollah und Antisemitismus in widerlichster Form. Verantwortlich für Irans Unterstützung des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine.
Wir brauchen Optionen jenseits von Zuschauen und militärischer Invasion. Dazu gehört Öffentlichkeit für den Freiheitskampf der Menschen im Iran und im Exil. Dazu gehört ansprechbar zu sein, für alle, die sich nach Freiheit im Iran sehnen. Genau deshalb war es mir wichtig, Masih Alinejad vor einigen Monaten auch im Deutschen Bundestag zu empfangen und ihrer Stimme dort Raum und Sichtbarkeit zu geben.
Liebe Masih Alinejad, seit vielen Jahren träumen Sie davon, in Ihre Heimat zurückzukehren, Ihre Mutter zu umarmen und mit ihr spazieren zu gehen. Ihre Mutter mit ihrem Hijab, sie selbst mit wehendem Haar. Sie wollten zurück, wenn der Wandel da ist, wenn der Iran frei ist.
Jetzt sagen Sie: „Mein Traum hat sich verändert. Er ist dringlicher und schmerzhafter geworden. Ich möchte jetzt sofort im Iran sein.“ Sie wissen, dass dies nicht geht. Aber ich kann es menschlich verstehen. Sie wollen jetzt dort sein, wo die Menschen im Iran so viel auf sich nehmen, um den Wandel herbeizuführen.
Masih Alinejad: Sie erinnern die Welt daran, dass Freiheit kein Schlagwort ist, sondern ein menschlicher Anspruch.
Möge Ihre Freiheit vor der Verfolgung der Mullahs bald kommen.
Und möge Ihr stolzes Volk bald in Recht und Freiheit leben dürfen.
Herzlichen Glückwunsch zum Europäischen Paulskirchenpreis für Demokratie!