Rede von Bundestagspräsidentin Julia Klöckner anlässlich der Magdeburger Domlesung 2026
[Es gilt das gesprochene Wort]
Meine sehr verehrten Damen und Herren,
lieber Pastor Uhle-Wettler!
lieber Pastor Moll!
Hier heute Abend bei Ihnen zu sein, nicht in der Hauptstadt Berlin, ist weit mehr als Abwechslung für mich. Es ist eine bewusste Entscheidung gewesen, Ihre Einladung anzunehmen. Und auch Sie haben eine Entscheidung getroffen, mich als Bundestagspräsidentin, die zudem politisch kein unbeschriebenes Blatt ist, einzuladen. Herzlichen Dank dafür.
Ich komme auch als Katholikin und studierte Theologin. Und zwar in einen evangelischen Dom. In meiner katholischen Kirche sind Frauen von hier vorne üblicherweise seltener zu hören.
Und dann ist der Ort selbst ein ganz besonderer Ort. Der Magdeburger Dom ist ein Ort deutscher Glaubens-, Freiheits- und Erinnerungsgeschichte.
Zur Zeit der Reformation war Magdeburg eine Hochburg des Protestantismus, nicht zuletzt weil Erzbischof Albrecht von Brandenburg einen regen Ablasshandel betrieb und dadurch den Unmut der Bürger auf sich zog. Nach seinem Tod 1545 wurde der Dom für 20 Jahre geschlossen. 1567 wurde der Dom protestantisch, er wurde zu einem prägenden Teil protestantischer Geschichte in Deutschland.
Dieser Dom war in Zeiten äußerster Bedrängnis immer mehr als nur ein Kirchenraum, er war immer wieder auch ein Schutzraum.
- Während der Zerstörung Magdeburgs im Dreißigjährigen Krieg suchten hier Tausende Schutz.
- Während der Wende 1989 wurde dieser Dom zum Ausgangspunkt der friedlichen Revolution hier in Magdeburg.
1989 konnten sich in Magdeburg an jedem Montag nur hier die Menschen versammeln, ohne Verhaftung befürchten zu müssen. Viele, auch Nichtchristen, traten bei den Montagsgebeten an die offenen Mikrofone, teilten ihre Gedanken und erhoben ihre Stimme.
Dieser Dom wurde zu einem Raum der Freiheit, zu einem Ort, an dem Mut wachsen konnte, Besonnenheit bewahrt wurde und Öffentlichkeit überhaupt erst möglich wurde.
Schön, dass wir uns auch heute wieder an einem Montag hier versammeln können.
Ich spreche zu Ihnen jetzt als Christin. Und ich spreche zu Ihnen als Präsidentin des Deutschen Bundestages.
Beides fällt nicht einfach zusammen. Aber beides völlig voneinander zu trennen, wäre ebenfalls künstlich. Denn jeder Mensch lebt aus Voraussetzungen, die er sich nicht selbst gegeben hat.
Jeder Mensch empfängt ein Leben, er empfängt eine Sprache, er empfängt Bindungen, Hoffnungen, Maßstäbe. Und irgendwann stellt sich die Frage, aus welcher Quelle das alles eigentlich lebt.
Eine solche Frage führt uns sehr schnell zu dem Satz, der am Anfang unseres Grundgesetzes steht:
Die Würde des Menschen ist unantastbar.
Nur sechs Wörter und doch ein großer Satz. Vielleicht der größte Satz unseres politischen Gemeinwesens.
Warum aber ist die Würde des Menschen unantastbar?
Woher kommt sie?
Wer verleiht sie?
Und kann sie auch wieder entzogen werden?
Wenn Würde nur das Ergebnis einer politischen Vereinbarung wäre, dann bliebe sie letztlich verfügbar.
Dann könnte eine Mehrheit sie erweitern, begrenzen oder auch relativieren.
Dann wäre die Würde des Menschen nie wirklich unantastbar.
Unser christlicher Glaube widerspricht dem.
Denn diese Würde ist keine Erfindung des Staates, sie ist nicht das Werk des Staates. Sie ist auch nicht das Werk des Menschen.
Sie ist älter. Tiefer. Und anspruchsvoller.
Sie ist Gabe.
Sie gründet in Gott selbst.
Schon im ersten Kapitel der Heiligen Schrift, im Buch Genesis heißt es:
Gott schuf den Menschen als sein Bild, als Bild Gottes schuf er ihn.
(Kapitel 1, Vers 27)
Die Würde des Menschen speist sich also im Alten Testament aus der Ebenbildlichkeit des Menschen mit Gott.
Das ist eine ungeheure Zumutung und zugleich eine Verheißung.
Der Mensch besitzt Würde, weil er von Gott gewollt ist.
Weil er Gottes Geschöpf ist. Weil in ihm etwas aufleuchtet, das über alle irdischen Maßstäbe hinausweist.
Die Bibel spricht hier mit einer Nüchternheit und zugleich mit einer Radikalität, die bis heute nicht ausgeschöpft ist.
Der Brief an die Kolosser (Kapitel 1, 15) greift genau das auf, wenn es dort heißt:
Der Mensch gewordene Christus ist das „Bild des unsichtbaren Gottes“.
Und im Jakobusbrief (3,9) ist die Rede von den „Menschen, die nach dem Bilde Gottes geschaffen sind“.
Die Gottesebenbildlichkeit ist deswegen so entscheidend, weil in ihr Gottes ewige Liebe zu uns Menschen begründet ist.
Weil der Mensch Gottes Geschöpf und Ebenbild ist, ist er nicht nur geschaffen, sondern auch angesprochen, geliebt und gehalten.
Das Liebesangebot Gottes an uns Menschen finden wir eindrucksvoll zusammengefasst im 1. Johannesbrief 4,16 b, ein Halbvers, der mich seit vielen Jahren begleitet:
Gott ist Liebe;
und wer in der Liebe bleibt,
der bleibt in Gott
und Gott in ihm.
Das Zitat ist der Höhepunkt des Abschnitts über die Liebe im 1. Johannesbrief.
Nirgendwo gibt es vielleicht eine schönere und geradezu anmutigere Beschreibung: Gott ist in uns.
Gottes Liebe ist kein Gefühl, sondern bleibende Gemeinschaft und Verbundenheit zwischen Gott und dem Menschen!
Wenn jeder Mensch Ebenbild Gottes ist,
dann ist seine Würde in der Tat nie verhandelbar.
Dann ist sie niemals relativ.
Dann ist sie auch niemals abhängig von Leistung, Herkunft oder Überzeugung.
Dann ist sie unverfügbar.
Jeder Mensch hat seinen unverfügbaren Kern.
Und genau darin liegt die tiefe Verwandtschaft zwischen biblischem Menschenbild und freiheitlichem Verfassungsstaat.
Der Staat schafft die Würde nicht. Er erkennt sie an. Er schützt sie. Er dient ihr. Aber er erzeugt sie nicht.
An dieser Stelle lohnt es sich, an Papst Benedikt XVI. zu erinnern, der vor knapp 15 Jahren im Deutschen Bundestag gesprochen hat.
Genauso wenig, wie ich heute hier eine Predigt als Politikerin halten will, ging es ihm damals nicht darum, dem Parlament eine Predigt zu halten.
Es ging um etwas sehr Grundsätzliches: um die Frage, wovon Recht lebt.
Benedikt hat im Bundestag an das „hörende Herz“ erinnert.
Er hat daran erinnert, dass Recht nicht einfach das ist, was durchgesetzt werden kann, und dass Politik mehr braucht als bloße Mehrheiten.
Ein Rechtsstaat lebt nicht nur von Verfahren. Er lebt auch von einer moralischen Sensibilität für das Gerechte.
Für ein Parlament ist das kein fremder Gedanke. Im Gegenteil.
Denn die Frage, was dem Menschen geschuldet ist, geht jeder Gesetzgebung voraus.
Nicht alles, was machbar ist, ist deshalb schon rechtens. Nicht alles, was Mehrheiten findet, ist deshalb schon gerecht.
Und nicht alles, was effizient erscheint, wird dem Menschen gerecht.
Als Präsidentin des Deutschen Bundestages beschäftigt mich das sehr. Politik ist kein Ort reiner Gesinnung. Sie muss entscheiden, abwägen, ordnen, manchmal unter hohem Druck. Aber gerade deshalb braucht sie einen inneren Maßstab.
Und niemals darf Politik vergessen, dass sie es mit Menschen und ihrer Würde zu tun hat – nicht mit Objekten politischer Gestaltungsmöglichkeiten.
Der Mensch darf nie zum bloßen Objekt werden.
Es macht einen Unterschied, ob wir den Menschen für den Staat denken
oder den Staat vom Menschen her.
Das christliche Menschenbild entscheidet hier eindeutig: Der Mensch ist nicht für die Institution da, sondern die Institution für den Menschen.
Denn nur wenn der Mensch mehr ist als seine Funktion, wird er vor dem Zugriff der Macht geschützt. Nur wenn seine Würde unverfügbar ist, bleibt Freiheit mehr als ein organisatorisches Prinzip.
Und genau an diesem Punkt führt der biblische Gedanke aus der Genesis weiter, den ich jetzt einen Satz länger vortrage:
Gott schuf den Menschen als sein Bild, als Bild Gottes schuf er ihn.
Als Mann und Frau schuf er sie.
Das ist keine nachträgliche Ergänzung. Es ist ein Teil des theologischen Kerns.
Die Gottebenbildlichkeit des Menschen wird von Anfang an konkret ausgesprochen in der Erschaffung des Menschen als Mann und Frau.
Die Würde der Frau ist nicht abgeleitet.
Sie ist nicht sekundär.
Sie ist nicht zugestanden.
Sie ist ebenso ursprünglich.
Wer das biblisch ernst nimmt, kann die Frau nicht als Randfigur der Heilsgeschichte lesen. Und er kann auch nicht so tun, als sei ihre gleiche Würde eine spätere Errungenschaft, die gegen die Bibel erst mühsam erstritten werden musste.
Der Schöpfungsbericht setzt einen klaren Akzent: gleiche Herkunft aus Gott, gleiche Würde vor Gott, gleicher Anteil an Gottes Bild.
Das christliche Menschenbild sagt nicht: Die Frau ist auch ein Mensch.
Es sagt: Als Mann und Frau schuf Gott den Menschen zu seinem Bild.
Im Neuen Testament wird sichtbar, dass Jesus dem eine konkrete Gestalt gibt. Er begegnet Frauen anders, als es viele seiner Zeitgenossen getan hätten. Er spricht mit ihnen. Er nimmt sie ernst. Er lässt sie nicht in die zweite Reihe treten. Und er traut ihnen etwas zu.
Gerade die Ostererzählung ist hier von großer Bedeutung.
Die ersten Zeuginnen des leeren Grabes sind Frauen.
Das hören wir oft, fast nebenbei.
Aber in Wahrheit ist es ein starkes Zeichen.
Es ist ein starkes Zeichen der neuen Wirklichkeit von Ostern, dass der Auferstandene zuerst Frauen begegnet und ihnen die Botschaft anvertraut!
Ich darf kurz aus dem Matthäus-Evangelium vortragen (Matthäus 28, Vers 5 - 8):
5 Der Engel aber sagte zu den Frauen: Fürchtet euch nicht! Ich weiß, ihr sucht Jesus, den Gekreuzigten.
6 Er ist nicht hier; denn er ist auferstanden, wie er gesagt hat. Kommt her und seht euch den Ort an, wo er lag!
7 Dann geht schnell zu seinen Jüngern und sagt ihnen: Er ist von den Toten auferstanden und siehe, er geht euch voraus nach Galiläa, dort werdet ihr ihn sehen. Siehe, ich habe es euch gesagt.
8 Sogleich verließen sie das Grab voll Furcht und großer Freude und sie eilten zu seinen Jüngern, um ihnen die Botschaft zu verkünden.
Die Frauen erhielten also als erste nicht nur die Botschaft vom leeren Grab. Sie sollten diese Botschaft nicht nur als Erste hören, prüfen und glauben. Nein, der Engel gab den Frauen auch diesen Auftrag mit:
Geht schnell zu seinen Jüngern und sagt ihnen: Er ist von den Toten auferstanden.
Es waren die Frauen, die von Christus als Erstes den Auftrag erhalten, in den Verkündigungsdienst einzutreten.
Papst Benedikt XVI. schreibt dazu im zweiten Band seiner Jesus Biografie (S. 288):
Wie schon am Kreuz – abgesehen von Johannes – nur Frauen gestanden hatten, so war ihnen auch die erste Begegnung mit dem Auferstandenen zugedacht. Die Kirche ist in ihrer rechtlichen Struktur auf Petrus und die elf gegründet, aber in der konkreten Gestalt des kirchlichen Lebens sind es immer wieder die Frauen, die dem Herrn die Tür öffnen, die bis zum Kreuz mitgehen und so auch den Auferstandenen erfahren dürfen.
Wer Frauen das Wort nicht zutraut, muss sich deshalb an Ostern belehren lassen.
Genau darin liegt eine bleibende Anfrage an Kirche, Gesellschaft und Politik gleichermaßen.
Nicht: ob Frauen vorkommen dürfen. Sondern ob wir wirklich verstanden haben, was es heißt, dass Gott den Menschen als Mann und Frau nach seinem Bild geschaffen hat.
Wir leben in einer Zeit, in der einerseits viel von Gleichberechtigung gesprochen wird, andererseits aber die Würde von Frauen auf neue Weise bedrängt ist.
Die Verletzung der Würde der Frau ist keine abstrakte Frage. Sie ist bittere Wirklichkeit. Und sie gewinnt heute sogar neue Schärfe.
Frauen erleben heute wieder vermehrt Herabsetzung, Gewalt, Verachtung, Entwürdigung – offen oder subtil, körperlich oder digital, gesellschaftlich oder kulturell codiert.
Jede dritte Frau in Deutschland erlebt im Laufe ihres Lebens körperliche oder sexualisierte Gewalt, und diese Gewalt hat viele Gesichter: Das ist der Schlag ins Gesicht, die digitale Hetzkampagne bis hin zum Mord, weil eine Frau sich trennt oder angeblich die Ehre der Familie verletzt. Alle drei Minuten erlebt eine Frau oder ein Mädchen in Deutschland häusliche Gewalt; während wir hier zusammenkommen, sind es statistisch 20 Frauen oder Mädchen.
Minderjährige Mädchen werden verheiratet, an ihren Genitalien verstümmelt. Männer glauben heute immer noch, Frauen als Prostituierte kaufen und deshalb benutzen zu können, als wären sie nur ein Ding und nicht ein Mensch.
Und da wäre noch der Alltag ohne Gewalt. Wie häufig begegnet Frauen dort eine alte Versuchung wieder: dass man sie nicht einfach in ihrer Würde achtet, sondern sie einordnet, funktionalisiert, auf Zuschreibungen festlegt.
Das christliche Menschenbild widerspricht all dem.
Es sagt: Die Frau ist Ebenbild Gottes.
Vielleicht ist dies der Punkt, an dem sich theologische Tiefe und gesellschaftliche Gegenwart sehr konkret berühren.
Denn wo diese Wahrheit verdunkelt wird, verliert nicht nur die Frau. Dort verliert das Ganze des Menschlichen.
Viele Debatten unserer Zeit leiden darunter, dass nur noch gefragt wird, was möglich, nützlich oder mehrheitsfähig ist.
Seltener wird gefragt, was wahr ist. Noch seltener: was dem Menschen in seinem Wesen entspricht.
Und vielleicht ist das auch der tiefste Grund, warum der Dialog zwischen Glaube und Politik nicht erledigt ist.
Nicht, weil die Kirche politische Programme schreiben müsste. Und nicht, weil das Parlament religiöse Wahrheiten beschließen könnte.
Ganz genau wie der Mensch selbst aus Voraussetzungen lebt, die er sich nicht selbst gegeben hat, ist eine freie Ordnung auf Voraussetzungen angewiesen, die sie selbst nicht herstellen kann.
Sie lebt von Menschen, die wissen, dass nicht alles verfügbar ist.
Sie lebt von Gewissen.
Von Maß.
Von Verantwortung.
Von der Bereitschaft, das Recht nicht nur technisch, sondern moralisch zu verstehen.
Darum war Benedikts Rede im Bundestag so klug.
Sie war kein Versuch der Vereinnahmung der Politik durch die Kirche.
Sie war eine Erinnerung an Grenzen – und an Grundlagen.
Und diese Grundlagen sind am Ende nicht zuerst institutionell, sondern anthropologisch: Wer ist der Mensch?
Die christliche Antwort lautet:
ein Geschöpf Gottes,
berufen zur Freiheit,
fähig zur Verantwortung,
bedürftig der Liebe,
und mit einer Würde ausgestattet, die ihm niemand verleihen und niemand nehmen kann.
Von hier aus gewinnt auch Demokratie ihre Tiefe.
Denn Demokratie ist mehr als ein Verfahren zur Mehrheitsbildung.
Demokratie lebt davon, dass sie den Menschen achtet, auch dort, wo er schwach, unbequem, fremd oder schutzbedürftig ist.
Wo dies verlorengeht, verroht auch die Sprache. Und wo die Sprache verroht, ist die Verletzung der Würde meist nicht weit.
Darum bleibt die Aufgabe, die Würde des Menschen zu schützen, nie erledigt. Sie beginnt nicht erst in Extremsituationen. Sie beginnt im Blick aufeinander, in der Sprache übereinander, in der Bereitschaft, den anderen nicht herabzusetzen.
Politisch gesprochen: im Respekt vor dem Menschen.
Christlich gesprochen: in der Ehrfurcht vor Gottes Geschöpf.
Die Würde des Menschen ist unantastbar.
Wenn wir das vergessen, verlieren wir mehr als die Grundlage unserer Verfassung. Dann verlieren wir einen Maßstab unserer Zivilisation.
Wenn wir über Würde sprechen,
über Glauben, über Hoffnung,
dann geht es niemals um Theorie.
Es geht um unser Handeln.
Im Parlament.
In der Gesellschaft.
In der Kirche
Und im persönlichen Leben.
So sei es. - Amen.