12.06.2026 | Parlament

Laudatio von Bundestagspräsidentin Julia Klöckner auf Harald Martenstein anlässlich der Verleihung des Deutschen Sprachpreises der Henning-Kaufmann-Stiftung 2026

[Es gilt das gesprochene Wort]

Liebe Kolleginnen und Kollegen aus den Parlamenten,
sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Dr. Sven Schoeller,
sehr geehrter Herr Professor Dr. Dr. h.c. Helmut Glück,
sehr geehrte Damen und Herren,
lieber Harald Martenstein!
Hätte man Ihnen selbst die Aufgabe gestellt, 

Ihre Kolumne einer Laudatio auf Harald Martenstein zu widmen, stellte ich mir das Ergebnis ungefähr so vor:

Ich halte heute eine Laudatio. 
Das ist eine Rede, bei dem man jemandem sagt, wie gut er ist, während er daneben sitzt und so tut, als wäre ihm das unangenehm. 
Es ist ihm aber nicht unangenehm. Das weiß man. 
Sonst wäre er ja nicht gekommen.

Sehr geehrte Damen und Herren, wenn man die ehrenvolle Aufgabe erhält, eine 15-minütige Laudatio auf einen Mann zu halten, der die Welt in exakt 800 Wörtern pro Woche auf den Punkt bringt, dann grenzt das fast schon an vorsätzliche Grausamkeit. Eine Viertelstunde! 

Lieber Herr Martenstein, 

in 15 Minuten schreiben Sie normalerweise zweieinhalb Kolumnen, lesen die gesammelten Werke von Karl Marx quer und bringen nebenbei noch die Republik gegen Sie auf.

Wir feiern einen Journalisten, der mit dem Deutschen Sprachpreis der Henning-Kaufmann-Stiftung ausgezeichnet wird – und das, obwohl er sich seit Jahrzehnten weigert, sich den jeweils aktuellen, amtlich verordneten Sprachbefindlichkeiten anzupassen.

Es gibt Journalisten, die schreiben, um zu informieren. Es gibt Autoren, die schreiben, um zu unterhalten. 

Und dann gibt es Harald Martenstein. Er schreibt, um unsere Sprache in ihrer reinsten, präzisesten und bisweilen schmerzhaftesten Form auf den Punkt zu bringen.

Die Henning-Kaufmann-Stiftung ehrt heute einen Mann, der nicht nur Texte verfasst, sondern Handwerk zelebriert. 

Harald Martenstein ist ein Sprachkünstler, ein Meister des geschliffenen Wortes, ein Kolumnist, der die Klaviatur der Ironie ebenso beherrscht wie die des tiefgründigen Nachdenkens.

Der heutige Preisträger zeigt, dass wahre Sprachkultur nicht von der Länge des Textes abhängt. Seine Texte sind witzig, reflektiert, oft sarkastisch, aber stets mit einem tiefen Respekt vor der Sprache. 

Sie litten unter Ängsten, als Sie jung waren, schrieben Sie vor einiger Zeit. Das Schreiben wurde für Sie zur Therapie, zu Ihrer Rettung. 

An der Schreibmaschine fühlten Sie sich sicher. 

Dieses Schreiben war mit einem ganz besonderen Platz verbunden: der großelterlichen Küche. Sie war Ihr zentraler Lebensort – dort haben Sie sich konzentriert, Ihre Hausaufgaben gemacht. 

Aus dieser Zeit ist eine Zuneigung zu Küchen geblieben. 

Wie oft liest man oder sieht auf Bildern, dass Sie für Interviews in Ihre Küche einladen! 

Und dann haben Sie sich tatsächlich in eine Wohnung mal eine Schreibküche einbauen lassen.

Es wurde also ein Zimmer in eine Küche verwandelt, obwohl Sie eine Küche hatten. 

Diese extra Schreibküche sollte Ihnen bei der Inspiration helfen. 

Mir scheint, das hat funktioniert.

Sie wurden zum „Kolumnen-König“ aus der Küche.

Für den Tagesspiegel und später auch für die ZEIT und das ZEIT-Magazin verfassten Sie Texte der Extraklasse: personalisierte Kolumnen. 

Eine hohe Kunst, die von vielen Journalisten-Kolleginnen und Kollegen zwiespältig betrachtet wird: 

Einerseits erheben sich manche Journalisten darüber, dass die nötige Recherche bei dieser Form ja nur im Inneren und im Leben des Autors stattfindet – das soll eine Leistung sein? 

Andrerseits – Hand aufs Herz – wünschten sich viele Journalisten, sie würden ihre eigene persönliche Kolumne bekommen. 

Was Harald Martenstein besonders macht:

Er beherrscht die Kunst, komplizierte Gedanken so aufzuschreiben, dass sie leicht wirken.

Viele Menschen können verständlich schreiben.

Viele können geistreich schreiben.

Viele können originell schreiben.

Aber nur wenige können all das zugleich.

Man erkennt einen Martenstein-Text oft schon nach wenigen Zeilen.

Da ist diese Mischung aus Neugier und Skepsis.

Aus Ernsthaftigkeit und Spieltrieb.

Aus Selbstironie und Beharrlichkeit.

Vor allem aber besitzt er eine seltene Gabe:

Er betrachtet die Welt niemals aus der Höhe.

Er betrachtet sie eben vom Küchentisch aus.

Und genau deshalb entdeckt er Dinge, die anderen entgehen.

Würde man Martensteins Texte durch eine gängige Software zur Stil- und Compliance-Prüfung jagen, würde der Server wahrscheinlich explodieren. 

Da würden rote Warnleuchten blinken: „Achtung, Ironie detektiert! Warnung: Text könnte Spuren von gesundem Menschenverstand enthalten! Gefahr von Missverständnissen bei Menschen ohne Humor!“

Harald Martensetein vertraut seinen Lesern. Er setzt voraus, dass wir den Unterschied zwischen einem ernsthaften Affront und einer humoristischen Zuspitzung verstehen. 

Er traut uns zu, dass wir beim Lesen mitdenken. In einer Medienwelt, die ihre Nutzer immer öfter wie unmündige Kinder behandelt, die man an der Hand durch die richtige Gesinnung führen muss, ist Harald Martenstein der ungezogene Onkel, der uns heimlich Süßigkeiten zusteckt und Witze erzählt, die eigentlich erst ab 18 sind.

Und manchmal entdeckt man erst beim zweiten Lesen, dass man gerade über etwas sehr Grundsätzliches nachgedacht hat.

Harald Martenstein hat im Laufe der Jahrzehnte 

über wirklich fast alles schon geschrieben.

Da sind die kulturellen Themen und politischen Schwerpunkte:

von der literarischen Welt des ICE-Bordbistros 

über die Erbschaftssteuer 

bis zu Klimarettern und Pegida-Demonstranten.

Da sind die großen Menschheitsthemen 

von Trauer, Verschwendung und Heldentum 

über Anstand und Sehnsucht nach Respekt. 

bis hin zu Güte und Sterblichkeit.

Und schließlich sind da die von Ihnen liebevoll „Schnurrpfeifereien“ genannten, banalen Themen: 

Sie reichen von Katzenbildern und Fledermäusen 

über Kronkorken und alltägliche Lügen 

bis hin zu Kinderlärm und Bratwürsten aus Gold. 

Sie schreiben dabei stets in einem besonderen Martenstein-Rhythmus:

Der erste Satz macht neugierig.

Der zweite überrascht.

Der dritte ist so, wie man es erwartet hätte.

Der vierte macht das wieder rückgängig.

Der fünfte ist dann meistens der beste.

Das reinste Hütchenspiel!

Die meisten Autoren versuchen, ihre Leser zu überzeugen.

Harald Martenstein versucht zunächst etwas anderes:

Er bringt sie dazu, weiterzulesen.

Und wenn sie weiterlesen, führt er sie oft dorthin, wo sie gar nicht hinwollten.

Er lockt seine Leser mit einer Bratwurst an

und entlässt sie mit einem Gedanken über Freiheit.

Er beginnt bei einer Katze

und endet bei einer Frage über den Zustand der Gesellschaft.

Es ist, als hörte man Ihren Gedanken für wenige Minuten beim Schweifen zu, 

während Sie aus der Gemütlichkeit Ihrer Schreibküche aus dem Fenster gucken.

Und immer geben Sie uns am Ende etwas mit, lieber Herr Martenstein:

eine gezielte Irritation, 

eine freche Pointe, 

einen bisher unbekannten Gedanken. 

In 24 Jahren sind mehr als 1200 Kolumnen entstanden. Einige Sammelbände hiervon tragen Titel, die bei Udo Jürgens ausgeliehen sind

  • Jeder lügt so gut er kann,
  • Alles im Griff auf dem sinkenden Schiff
  • Es wird Nacht, Señorita.

„Seine Kolumne ist nicht nur wegen der Texte selbst ein großes Projekt“, 

schrieb Ihr Kolumnen-Kollege Axel Hacke einmal anlässlich Ihres Geburtstages, 

„, sondern eben auch wegen der Reaktionen darauf.

Ein Gesamtkunstwerk.“

Harald-Martenstein-Fans blieben und bleiben dabei treu: 

Ob lesend oder Ihnen zuhörend, wenn Sie Ihre Texte in den Theatern dieser Republik vortragen.

Diese Verbindung mit Ihrer Leserschaft ist für Sie – man beachte die Formulierung! – „Ein Glücksgefühl (…), dass ich kaum beschreiben kann.“

Doch in den vergangenen Jahren hat sich für Sie etwas verändert. 

Nicht von heute auf morgen, sondern schleichend.

Immer häufiger gab es Rückfragen und Diskussionsbedarf zu Ihren Texten aus den Redaktionen des Tagesspiegel und des ZEIT-Magazins. 

Immer häufiger ging es nicht um Fragen des Stils oder des Verständnisses, sondern um die politische Ausrichtung.

War die Kritik nachvollziehbar, 

haben Sie Sätze gestrichen. 

Das begründen Sie sehr charmant: 

„Eitle Autoren sind dumme Autoren.“

Doch irgendwann überzeugten Sie die Argumente der Redakteure nicht mehr. 

Und schlimmer noch: 

Sie merkten, wie die Diskussionen Sie beeinflussten: 

„Beim Schreiben (…) dachte ich (…) auf einer Parallelschiene darüber nach, wie ich den Text wohl durchbekomme und wie weit ich mich von dem entfernen darf, was in den letzten Tagen zwanzig Mal als einzig mögliche Sichtweise im Blatt gestanden hatte.

Ich übte mich in vorauseilendem Gehorsam, manchmal war ich deshalb wütend auf mich.“

Und Wut ist für Sie keine gute Emotion zum Schreiben.

Sie haben Konsequenzen gezogen und das Angebot einer neuen Heimat für Ihre Texte angenommen: 

Sie sind erst vom Tagesspiegel zur WELT

und dann vom ZEIT-Magazin zur BILD gegangen. Sie schreiben regelmäßig in der WamS.

Das ZEIT-Magazin hat Ihnen zum Abschied ein ganzes Heft gewidmet. Es ist voll von fachlicher Wertschätzung der Kollegen, wenn Sie etwa als „Formulierungsmeister“ oder „Ein-Mann-Marke“ bezeichnet werden. 

Doch auch in diesem würdigenden Heft wird zwischen den Zeilen Unverständnis deutlich. 

Was viele an Harald Martenstein schätzen, ist nicht, dass man ihm immer zustimmt.

Das Gegenteil ist häufig der Fall.

Aber er erinnert uns an etwas Wichtiges: Demokratie lebt nicht davon, dass Menschen dieselbe Meinung haben.

Sie lebt davon, dass unterschiedliche Meinungen ausgesprochen werden dürfen.

Und dass wir bereit bleiben, ihnen zuzuhören.

Freiheit erschöpft sich nämlich nicht im Dürfen. 

Wenn wir einander nicht mehr zuhören, verlieren wir den Menschen hinter der Meinung. Zurück bleibt das Feindbild. 

Das ist beinahe menschlich, denn es passiert sowohl aus Abneigung als auch aus Selbstschutz. 

Wer angegriffen wird, grenzt sich oft nicht selbst ab. Er grenzt den Angreifer ab. Das ist ein Unterschied. 

Wenn wir uns aber nur noch gegen die Angreifer definieren, dann lautet die erste Frage nicht mehr: Wofür stehe ich? Sondern: Wogegen muss ich mich schützen?

So führt ein giftiges Klima zur Verhärtung von Fronten. Zu einem „Wir“ und „Die“ – und am Ende zur Verengung des Meinungskorridors. 

Dafür muss nicht einmal ein Gesetz verändert werden. 

Sie, lieber Herr Martenstein, würden jetzt vielleicht zitierten, was Sie als „ersten Satz“ Ihres „privaten Grundgesetzes“ bezeichnen:

„Die Leute dürfen sagen, was sie wollen – solange sie nicht mit Gewalt drohen,

solange sie nicht mit schwersten Beleidigungen um sich werfen. (…) In einem freien Land muss vieles möglich sein.

Das bedeutet aber auf der anderen Seite,

dass wir alle gewisse Nehmerqualitäten haben sollten.“

Nehmerqualitäten.

Darunter verstehen Sie, die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, dass Ihre Kritiker Recht haben könnten.

Dass Harald Martenstein Widerspruch hervorruft und aushält, ist ein weiterer Grund für den Deutschen Sprachpreis der Henning-Kaufmann-Stiftung heute.

Und was mich persönlich besonders freut: 

Dieser Preis hat einen Bezug zu meiner Heimat, zu meiner Geburtsstadt Bad Kreuznach, in der ich lebe. 

Die Stiftung wurde vor 50 Jahren bei uns an der Nahe gegründet, 

vom promovierten Gymnasiallehrer und Namensforscher 

Henning Kaufmann. 

Sein Ziel: die „Pflege und Reinheit der deutschen Sprache“. 

Dieser Preis würdigt heute einen Autor, der unsere Sprache nicht nur beherrscht. Er nutzt sie.

Als Spielplatz.

Als Lupe.

Und manchmal auch als Stachel.

Sie haben Millionen Leserinnen und Leser zum Lachen gebracht.

Sie haben sie geärgert. Sie haben sie überrascht.

Vor allem aber haben Sie sie zum Nachdenken gebracht.

Wir danken Ihnen für Jahrzehnte des Lesevergnügens, für jeden Pulsbeschleuniger, den Sie Ihren Lesern beschert haben, und für die unerschütterliche Erinnerung daran, dass Freiheit im Kopf immer mit der Freiheit des Wortes beginnt.

Herzlichen Glückwunsch zum Deutschen Sprachpreis 2026, lieber Harald Martenstein!