23.06.2026 | Parlament

Eröffnungsrede von Bundestagspräsidentin Julia Klöckner beim Automotive Software Campus Berlin

[Es gilt das gesprochene Wort]

Lieber Herr Blume!
Lieber Herr Bosch!
Liebe Frau Steinmüller,
Liebe Hildegard Müller!
Lieber Herr [Ralf] Dr. Wintergerst!
Meine Damen und Herren!

September 1968: Eine Carrera-Bahn in der Lüneburger Heide – mit einem Mercedes 250 in Originalgröße. So ungefähr können wir uns das erste Auto ohne Fahrer vorstellen. Es fuhr auf dem Testgelände des Reifenherstellers Continental. Ferngesteuert. Einem Draht folgend, der in die Fahrbahn eingelassen war. 

Was damals für Aufsehen sorgte, war eigentlich ein technisches Abfallprodukt. Die Forschungsabteilung sollte möglichst gleichbleibende Bedingungen für die Reifentests schaffen. 

Herausgekommen ist ein „Zauberauto“ – so nannte man es damals –, das allerdings ein Tempolimit hatte. Es fuhr maximal 120 km/h. 

Heute bleibt die Carrera-Bahn im Kinderzimmer. Die Technik hinter der künftigen Mobilität ist viel komplexer. 

Der Zauber der technischen Innovation ist geblieben. Sie werden – auch an diesem Campus – daran arbeiten, dass moderne Technik für möglichst viele Menschen erreichbar ist.

Ohne Zugang zu den Menschen ist eine Erfindung wertlos. Nur wenn sie einen Fortschritt für den Alltag bringt, verändert sie die Gesellschaft. Und das geschieht immer schneller. 

Beim Buchdruck hat es Jahrhunderte gedauert. Beim Auto Jahrzehnte. Beim Smartphone wenige Jahre. Und von der KI ganz zu schweigen…

Die Intervalle werden kürzer. Das Prinzip bleibt gleich: Jede gute Idee wird nur wirksam, wenn sie Menschen berührt, begeistert oder beflügelt. 

Technischen Fortschritt können wir deshalb nie bloß auf die Technik reduzieren. Er ist die gesellschaftliche Reaktion auf die Technik. Um überhaupt Veränderungen anstoßen zu können, brauchen wir eine offene und innovationsfreudige Gesellschaft. 

So, wie Sie über die Zukunft diskutieren – mit Optimismus, mit Veränderungswillen, mit Verantwortung – wünsche ich es mir auch für die Gesellschaft. 

Was wir nicht brauchen, sind mehr Untergangsszenarien. 

Die Angst vor einem wirtschaftlichen Abstieg hat in Deutschland gute Tradition. 1966 berichtete der „Spiegel“, nach dem Wirtschaftswunder sei der „Tag X“ nahe. 

Zu geringe Investitionen in Zukunftsindustrien, ein zu großer Abstand zu den USA in Forschung und Entwicklung, die Abwanderung qualifizierter Kräfte – und einiges mehr. 

Kommt Ihnen das bekannt vor?

Die Automobilwirtschaft in Deutschland hat Wohlstand generiert – und demokratisches Vertrauen gestiftet. Einige Historiker sind überzeugt: Die gelungene Demokratisierung nach dem Krieg und die Stabilität unseres politischen Systems haben mindestens so viel mit dem Wirtschaftswunder wie mit dem Grundgesetz zu tun.  

Auch das Grundgesetz war eine Art gesellschaftlicher Innovation. Es hat sich bewährt und wurde zum Erfolgsmodell. 

Gesellschaften, in denen der Wandel Perspektiven eröffnet, sind stabiler als solche, in denen Fortschritt als Bedrohung erlebt wird. Das sagt das ifo-Institut. 

Zukunftsangst lähmt also nicht nur den Fortschritt, sie schwächt auch unser Gemeinwesen. 

Die Innovationskraft eines Landes hat deshalb nie nur eine wirtschaftspolitische Dimension. Sie hat offenbar auch eine demokratische Funktion

Vertrauen wir dem Wandel, vertrauen wir auch der Demokratie. Anders herum gesagt: Löst Wandel Ängste aus, werden politisch extreme Kräfte stärker. 

Das Vertrauen in die Demokratie lässt sich nicht verordnen. Wir müssen es wieder erarbeiten. Nur wie?

Politik hat derzeit keinen guten Ruf. Ich habe schon öfter eine Zahl aus einer Untersuchung der Körber-Stiftung genannt, die Stiftung hatte im 1. Halbjahr 2025 eine Erhebung vorgenommen: Nur 21 Prozent schenkten damals dem Deutschen Bundestag ihr Vertrauen. 2020 waren es noch 49 Prozent.

Einiges ist hausgemacht. Wird der Ton im Plenarsaal rauer, hat das Folgen. Und die häufig komplexen Aushandlungsprozesse der Demokratie haben es in digitalen Medien eher schwer. Dort zählt die einfache Botschaft. 

Ich lasse aber nicht gelten, dass der Kompromiss – als das Ergebnis einer parlamentarischen Debatte – schlechtgeredet wird. Der Kompromiss ist vielleicht nicht immer die beste Lösung. 

Aber er ist Ausdruck der Einsicht, dass in einer Demokratie unterschiedliche Interessen, Überzeugungen und Lebenswirklichkeiten berücksichtigt werden müssen.   

Wer möchte, dass „einfach mal durchregiert“ wird, der kann in den rund 90 autokratischen Staaten weltweit schauen, wohin das führt. 

Wir sollten uns nicht kleiner machen, als wir sind.

Das heißt für uns Abgeordnete: Auch wir prägen den Zukunftsoptimismus unseres Landes. Ich werbe dafür, dass wir im Parlament wieder mehr darüber streiten, wo wir als Land, als Gesellschaft, als Demokratie hinwollen. 

Sie planen für die Zukunft, um Menschen von einem Produkt begeistern zu können. Sie arbeiten dafür, dass Menschen Ihnen künftig vertrauen. Dieses Vertrauen ist – auch für die Wirtschaft selbst – ein hohes Gut, das man nicht verspielen darf. 

Unser „Produkt“ als Deutscher Bundestag sind politische Entscheidungen, die auf der Grundlage von demokratischen Abläufen und Verfahren gefällt werden. Diese Entscheidungen stärken oder schwächen das Vertrauen in die Demokratie. Wir müssen dafür sorgen, dass dieses Vertrauen künftig wieder stärker wird. 

Meine Damen und Herren!

Erfindungsreich zu sein und Innovationskraft zu haben, ist nicht dasselbe. Erfindungen entstehen in Köpfen. Innovationen entstehen in einem Umfeld

Wir brauchen beides: Kluge Köpfe, die Neues wagen und kreativ denken. Und ein innovationsfreundliches Klima. Nicht nur in den Universitäten und Forschungseinrichtungen, sondern auch in den Betrieben, Schulen und in der Politik. 

Die Automobilindustrie und die Politik stehen vor der Aufgabe, künftiges Vertrauen zu bilden. Sie machen es durch überzeugende Innovationen. Wir machen es durch Entscheidungen, die Stabilität geben und Aufbruch ermöglichen. 

Unser beider Ziel muss es sein, überall Innovationsorte für das nächste „Zauberauto“ entstehen zu lassen. Hier auf dem Campus, im Kinderzimmer, im Betrieb und auch im Deutschen Bundestag. 

Vielen Dank.