08.07.2026 | Parlament

PRESSEMITTEILUNG:
SED-Opferbeauftragte übergibt Jahresbericht 2026

Das Foto zeigt eine Frau und einen Mann, die neben einander auf einer Bühne sitzen. Die Frau spricht gestikulierend. Im Vordergrund ist ein Handy aufgestellt, das die Szenerie filmt.

Die SED-Opferbeauftragte beantwortet gemeinsam mit dem Zeitzeugen Mario Röllig die Fragen von den Journalistinnen und Journalisten. (© Team Zupke)

Zupke: „Wir sind auf dem richtigen Weg, um die Opfer zu unterstützen und zu würdigen – aber der Schatten der SED-Diktatur ist lang.“

Die SED-Opferbeauftragte hat ihren Jahresbericht 2026 „Der lange Schatten der SED-Diktatur. Die Bewältigung der Folgen des staatlichen Unrechts in der DDR als Gesellschaft gemeinsam gestalten.“ an Bundestagspräsidentin Julia Klöckner übergeben. Im Bericht zieht sie eine positive Bilanz des 2025 beschlossenen Gesetzespakets, macht aber zugleich weiteren Handlungsbedarf deutlich – insbesondere für die Opfer des DDR-Zwangsdopings.

Besuch des Bundestagspräsidiums in Hohenschönhausen

Die Übergabe war verbunden mit einem gemeinsamen Besuch des gesamten Bundestagspräsidiums in Hohenschönhausen: Neben Julia Klöckner besuchten auch die Vizepräsidentinnen und -präsidenten Andrea Lindholz, Josephine Ortleb, Omid Nouripour und Bodo Ramelow die Gedenkstätte.

Evelyn Zupke betont: „Dass die gesamte Spitze unseres Parlaments an diesen Ort kommt, der wie kein zweiter für die politische Verfolgung in der DDR steht, und gemeinsam den Jahresbericht der Opferbeauftragten entgegennimmt, ist ein wichtiges Signal an die Betroffenen. Wir sehen das Leid, das ihr erfahren musstet, und wir stehen an eurer Seite!

Unser wiedervereinigtes Land ist auf dem richtigen Weg, die Opfer der SED-Diktatur bestmöglich zu unterstützen und zu würdigen. Doch der Schatten der Diktatur ist lang: Viele Opfer leiden bis heute an den gesundheitlichen Folgen. Deshalb dürfen wir nicht nachlassen unsere Demokratie lässt die Opfer der SED-Diktatur nicht allein!“

Erfolgsgeschichte: Gesetzesänderungen 2025

Die SED-Opferbeauftragte betont die tiefe Dankbarkeit vieler Opfer der SED-Diktatur, denen die von Bundestag und Bundesrat Anfang 2025 beschlossenen Verbesserungen zugutekommen. 

SED-Opferbeauftragte Zupke: Die letzten Monate haben gezeigt, dass das Gesetzespaket, das der Bundestag 2025 für die Opfer beschlossen hat, ein voller Erfolg ist. Es hilft den Betroffenen ganz konkret im Alltag im Umgang mit den sozialen und gesundheitlichen Folgen des erlebten Unrechts.“

Härtefallfonds: Über 300 Betroffene profitieren bereits

Ein zentraler Baustein des Gesetzespaketes ist der bundesweite Härtefallfonds, der am 9. November 2025 seine Arbeit aufgenommen hat. Der Fonds unterstützt ehemalige politisch Verfolgte, die wirtschaftlich beeinträchtigt sind, und ermöglicht ihnen eine stärkere soziale Teilhabe. Beispielsweise finanziert er Reisen zu ehemaligen Haftorten, den Kauf eines E-Bikes, um die Mobilität zu verbessern, oder auch die Einrichtung eines altersgerechten Bads, damit die Betroffenen im Alter in ihrem gewohnten Umfeld wohnen bleiben können. 

Zupke: „Die ehemaligen politisch Verfolgten erhalten durch den Härtefallfonds eine Hilfe, die oft bitter nötig ist. Wir ermöglichen vielen Betroffenen, endlich stärker am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben, und schützen sie auch vor Einsamkeit im Alter.“ 

Studien zeigen, dass rund die Hälfte der Betroffenen von SED-Unrecht heute an der Grenze zur Armutsgefährdung lebt. Seit Start des Härtefallfonds haben bereits über 300 Menschen von den Leistungen profitiert. Die Antragsbearbeitung ist unbürokratisch und dauert in der Regel nur zwischen zwei bis vier Wochen. 

IKEA: Sechs Millionen Euro für Opfer von Haftzwangsarbeit

Die Mittel des Härtefallfonds werden durch den Bund bereitgestellt und durch Spenden ergänzt. So hat IKEA im Zuge einer Vereinbarung zum Umgang mit Haftzwangsarbeit in der DDR sechs Millionen Euro in den Fonds eingezahlt.

Zupke: „Ich danke IKEA Deutschland für den wichtigen Schritt, den Fonds zu unterstützen. Es ist ein Zeichen von Stärke, sich den dunklen Kapiteln der eigenen Firmengeschichte zu stellen und ganz konkret den Menschen zu helfen. Ich werbe dafür, dass weitere Unternehmen, die Waren von DDR-Betrieben mit Produktionsstätten in Gefängnissen bezogen haben, einen Schritt auf die Opfer zugehen und die Arbeit des Fonds unterstützen.“

Handlungsbedarf: Opfer des DDR-Zwangsdopings

In ihrem Jahresbericht benennt die SED-Opferbeauftragte weiteren Handlungsbedarf, um Betroffenen von staatlichem Unrecht in der DDR zu helfen, für die die Unterstützung bislang nicht ausreicht. Hierzu gehören besonders die meist minderjährigen Opfer des DDR-Zwangsdopings.

Zupke: „Das DDR-Sportsystem hat nicht nur Medaillen und Weltmeister produziert. Das staatliche Zwangsdoping ist verantwortlich für tausende Menschen, die bis heute an körperlichen und seelischen Folgen leiden. Wir brauchen dringend geeignete Instrumente zur dauerhaften Unterstützung. In meinem Jahresbericht mache ich einen konkreten Vorschlag für ein Doping-Opfer-Unterstützungs-Gesetz. Wer anerkanntes Doping-Opfer ist, soll bei Vorliegen gesundheitlicher Schädigungen Zugang zu Leistungen der sozialen Entschädigung erhalten.“

Gerade angesichts der angestrebten Bewerbung Deutschlands um die Austragung der Olympischen Spiele sei es wichtig, international zu zeigen, was Leistungssport in einem demokratischen Land bedeutet. Dazu gehöre ganz wesentlich, die Vergangenheit aufzuarbeiten und den Opfern von Leistungssport in der SED-Diktatur zu helfen. 

Kinder von politisch Verfolgten nicht vergessen

Die Opferbeauftragte lenkt in ihrem Jahresbericht auch den Blick auf Kinder von politisch Verfolgten.

Zupke: „Viele Menschen erzählen mir, wie stark ihre Kindheit, ihre Jugend und auch ihr heutiges Leben geprägt sind von der Traumatisierung ihrer Eltern. Die politisch Verfolgten haben ungewollt ihre Ängste, ihre Sorgen, ihre Traumata an ihre Kinder weitergegeben. Für mich ist klar: Die Kinder von politisch Verfolgten dürfen nicht zu den vergessenen Opfern der SED-Diktatur werden!“

Mehr Sichtbarkeit für Freiheitshelden im Straßenbild

Zugleich wirbt die Opferbeauftragte dafür, Menschen, die in der DDR für Freiheit und Demokratie gekämpft haben, stärker im Straßenbild zu verankern. 

Zupke: „Es gibt kaum Straßen und Plätze, die nach Menschen der Friedlichen Revolution von 1989 und des langjährigen Widerstands in der DDR benannt sind. Freiheitsheldinnen und -helden haben keinen angemessenen Platz bei unseren Straßennamen – anders als manche Persönlichkeiten, die für das DDR-Unrecht stehen. Das möchte ich ändern!“ 

Die Bundesbeauftragte ermutigt daher Städte und Kommunen, die Menschen stärker durch Straßennamen zu würdigen, die in der SED-Diktatur für Freiheit kämpften – und dabei oft ihre eigene Freiheit aufs Spiel setzten.

Niels Schwiderski, 
Leitung der Geschäftsstelle der SED-Opferbeauftragten