30.04.2024 | Parlament

Rede bei der Gedenkveranstaltung für Michael Gartenschläger in Büchen

Das Bild zeigt einen Wald. Im Wald stehen viele Menschen in einem Kreis und hören einer Frau beim reden zu.

Die SED-Opferbeauftragte Evelyn Zupke bei ihrer Rede anlässlich der Gedenkveranstaltung für Michael Gartenschläger in Büchen. (Team Zupke)

Lieber Hugo Diederich, 
lieber Herr Schröter, 
lieber Herr Rutkowski, 
liebe VOS-ler, 
sehr geehrte Gäste,

wir stehen hier an der ehemaligen innerdeutschen Grenze. Diese Grenze teilte die damalige Welt. Demokratie auf der einen Seite. Diktatur auf der anderen. Aber diese Grenze. Sie war mehr als das.

An Stacheldraht und Mauer trennten sich viele Wege. Paare, Familien, Freunde. Bleibe ich oder gehe ich? Diese Entscheidung traf niemand für sich allein. 

Die innerdeutsche Grenze war eben nicht nur ein Riss durch unser Land. Mauer und Grenze waren ein Riss durch die Gesellschaft und durch viele tausende Familien. 

Häufig sehen wir in Filmen nur die Geschichten der erfolgreichen Fluchten. Menschen, die mithilfe von Tunneln oder Ballons ihren Weg in die Freiheit fanden. Die Flucht über Mauer und Grenze führte jedoch eben nicht für jeden in die Freiheit. Viel zu häufig führte dieser Weg in die Gefängniszellen der Diktatur und ja, für manche auch in den Tod. 

Der Kampf gegen dieses unmenschliche Grenzregime, der Kampf gegen die Diktatur, war es, was Michael Gartenschläger antrieb. Ein Kampf, den er mit seinem Leben bezahlte. 

Doch wer Michael Gartenschläger nur auf die waghalsige Demontage der Selbstschussanlagen reduziert, der verkennt seine beeindruckende Lebensleistung. 

Als Jugendlicher demonstrierte er gegen den Bau der Mauer. Für seinen Protest bekam er die volle Härte des SED-Regimes zu spüren. Sein Weg führte über die Gefängnisse in Frankfurt, Berlin-Magdalenenstraße, Brandenburg-Görden schließlich nach Torgau. Und nach einem Ausbruchsversuch zurück nach Brandenburg-Görden. 

Zehn Jahre Haft in den Gefängnissen einer Diktatur. 

Das SED-Regime stahl Michael Gartenschläger seine Jugend und seine Freiheit. Seinen Willen aber, seinen Kampf für Freiheit und Selbstbestimmung, den konnte das System nicht brechen. 

In den Westen freigekauft, setzte er seinen Kampf fort. Mit seiner Fluchthilfe verhalf er dutzenden Menschen zur Freiheit. Mit Mauer, Stacheldraht und Grenze aber, blieb für ihn die Freiheit des Westens nur eine halbe Freiheit. 

Michael Gartenschläger war ein Mahner in einer westdeutschen Gesellschaft, die häufig die Augen verschloss, vor den Menschenrechtsverletzungen im zweiten Deutschland. Die Diktatur vor der eigenen Haustür. Viel zu viele hatten sich daran gewöhnt. 

Michael Gartenschläger aber konnte sich nie an Teilung und Grenze gewöhnen. 

Er war ein früher Kämpfer für die deutsche Einheit. 
Ein Kämpfer, der hier an der Grenze ermordet wurde. 

Es beschämt mich zutiefst, wenn ich sehe, dass im wiedervereinigten Deutschland noch immer rund 20 Straßen benannt sind nach Wilhelm Pieck, dem DDR-Präsidenten und Verantwortlichen für Todesurteile gegen Andersdenkende. Bis heute aber gibt es keine einzige Straße benannt nach Michael Gartenschläger. 

Die Helden des Kampfes gegen die SED-Diktatur. Wir werden sie nicht vergessen. 

Wenn wir in diesem Jahr „35 Jahre Friedliche Revolution und 35 Jahre Mauerfall“ bei Gedenkstunden und Festakten feiern, denke ich an Michael Gartenschläger. An einen Helden der Freiheit. An einen Menschen, der sein Leben dem Kampf für Freiheit und Selbstbestimmung gewidmet, ja geopfert hat. Und der hierfür brutal ermordet wurde.

Heute gedenken wir dem Tod Michael Gartenschlägers.

Wir verneigen uns vor seinem Lebenswerk. 

Michael Gartenschläger steht für mich für all die Menschen, die im Kampf gegen das SED-Regime ihr Leben ließen. Das, was Michael Gartenschläger geleistet hat, sollte uns eine Mahnung sein.  Eine Mahnung und ein Auftrag an unsere heutige demokratische Gesellschaft zugleich:

„Nie wieder Diktatur“

Vielen Dank!

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