23.01.2026 | Parlament

Rede beim Abschlusskongress des Forschungsprojektes „Aufarbeitung von Zwangsadoptionen in der SBZ/DDR in der Zeit von 1945-1989“, Evangelische Hochschule Berlin

Das Bild zeigt eine Frau die hinter eine Sprechpult steht und spricht.

Die SED-Opferbeauftragte bei ihrer Rede beim Abschlusskongress des Forschungsprojektes zur Zwangsadoption in der DDR, in der Evangelischen Hochschule Berlin. (© Team Zupke)

Sehr geehrte Frau Prof. Dreier-Horning,
sehr geehrter Herr Prof. Laudien,
liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Forschungsverbundes,
liebe Zeitzeuginnen und Zeitzeugen,
sehr geehrte Gäste,

ich bin ausgesprochen dankbar für den heutigen Kongress und für all die Beiträge, die ich heute hören durfte.

Warum tun wir uns als Gesellschaft so schwer mit dem Thema Jugendhilfe und Adoption in der DDR? Diese Frage begleitet mich eigentlich schon seit meinem Amtsantritt vor viereinhalb Jahren. 

Es ist eines der Themen, bei dem – gerade in der öffentlichen Diskussion - die Sichtweisen teils scharf aufeinanderprallen. Es ist die frühere Mitarbeiterin eines Jugendamtes, die mir beim Tag der offenen Tür des Bundestages an meinem Informationsstand entgegenhält:

„Frau Zupke, mit ihren Einlassungen in der Öffentlichkeit ziehen sie dreißig Jahre harte Arbeit für Kinder und Jugendliche in Not einfach so in den Dreck.“

Es ist zugleich der Betroffene, der mir seine Lebensgeschichte erzählt. Eine Lebensgeschichte, die geprägt ist von der Trennung von seinen Eltern und vor allem von einer Vielzahl an Fragenzeichen. 

„Frau Zupke, warum hört uns keiner zu? Warum gibt keiner zu, dass uns Unrecht widerfahren ist? Will uns denn keiner helfen?“, sind die Fragen, die er mir stellte.

Und es ist der erfahrene Ministerialbeamte, zuständig für Fragen von Rehabilitierung und Entschädigung, der zu mir sagte:

„Jetzt auch noch die Adoptierten? Am Ende könnte sich doch noch jeder frühere DDR-Bürger als Opfer fühlen und Hilfe von uns erwarten. Wir müssen da endlich den Deckel draufbekommen.“

Ich denke, all diese geschilderten Sichtweisen sind ihnen auch aus ihren Gesprächen und ihrer täglichen Arbeit bestens bekannt. Aus meiner Sicht wird in der Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen Blickwinkeln ein Spannungsfeld in unserer Gesellschaft deutlich, dem wir uns bisher zu wenig gewidmet haben. Dass es in der DDR staatlich verübtes Unrecht gegeben hat, stellen nur die wenigsten Bürgerinnen und Bürger heute infrage.

Gleichzeitig jedoch erlebe ich, dass noch weitverbreitet ein eher holzschnittartiges Bild der SED-Diktatur vorherrscht:

  • Ein Bild, bei dem die DDR aus zwei Teilen besteht.
  • Die Diktatur auf der einen Seite.
  • Mit Einheitspartei und Staatssicherheit.

Und auf der anderen Seite:

Ein ganz normales Land. Mit Institutionen, wie man sie in jedem anderen Land genauso finden würde. Aber so einfach ist es nicht.

Weder war alles, was in der Jugendhilfe der DDR passierte, gelenkt von staatlichen Interessen. Das Personal nicht mehr als der verlängerte Arm von Stasi und SED. Noch war die Jugendhilfe in der DDR frei von staatlicher Willkür. Sozusagen losgelöst von den Rahmensetzungen einer Diktatur. Diese Komplexität ist es, die uns immer wieder im Umgang mit diesem Thema vor große Herausforderungen stellt.

Gerade vor diesem Hintergrund ist ihre Forschung, liebe Frau Professorin Dreier-Horning und lieber Herr Professor Laudien und liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Forschungsverbundes, besonders wichtig. Mit ihrer Forschung haben Sie etwas geleistet, was in den letzten Jahrzehnten im Umgang mit diesem Thema in meinen Augen viel zu häufig zu kurz gekommen ist. Eine detaillierte Aufklärung über das Geschehene.

Sie setzen mit ihrer Forschung teils weitverbreiteten Mutmaßungen wissenschaftliche Erkenntnisse entgegen. Komplexität gegenüber einfachen Zuschreibungen. Ihre Forschung hilft uns dabei, die Hintergründe besser verstehen zu können. Aber die Ergebnisse ihrer Forschung fordern zugleich heraus.

Sie zeigen uns, dass es im Umgang mit dem staatlichen Eingriff in die Familie in der DDR keine einfachen Antworten gibt. Vielmehr zeigen sie uns, dass der Eingriff in die Familie viele Facetten hatte. Es ist, so ihre Ergebnisse, nicht das häufig vermutete systematische, planvolle und explizit politische Vorgehen des Staates. Vielmehr haben wir es mit Strukturen zu tun, bei denen in vielen Fällen die Verhältnismäßigkeit von Eingriffen in das Erziehungsrecht nicht im Ansatz gewahrt wurde. Es sind Eingriffe, gegen die sich die Betroffenen nicht erfolgreich mit rechtlichen Mitteln zur Wehr setzen konnten.

Gerade dieser Aspekt ist mir besonders wichtig, da er uns eins der Wesensmerkmale der Diktatur vor Augen führt. Das gänzliche Fehlen von rechtsstaatlichen Strukturen hat weitreichende Folgen.

In vielen Gesprächen mit Betroffenen, die Eingriffe in die Familien erlebt haben, erfahre ich, dass dieser Punkt besonders schwer wiegt. Es ist wie ein bleierner Nebel, von dem sich viele Betroffene umgeben fühlen. Nicht zu wissen, wer warum und wie über das Leben der eigenen Familie entschieden hat, belastet die Betroffenen bis heute.

Gerade vor diesem Hintergrund sind die Ergebnisse ihrer Forschung besonders wertvoll.

Die Leiderfahrungen, die sie in ihrem Abschlussbericht darstellen, sind für mich mehr als bedrückend. Gerade in ihrer Vielschichtigkeit:

Unter Zwang erfolgte Einwilligung in Adoption, unrechtmäßige Erziehungsentzüge, systematische Entfremdung von Eltern und Kindern durch die Jugendhilfe und die erzwungene Auflösung ursprünglicher Verwandtschaftsverhältnisse durch Adoption.

Sie beschreiben Strukturen, in denen erzwungene Adoption zwar nicht als systematisch geplantes Mittel zur Disziplinierung und Sanktionierung politisch Andersdenkender eingesetzt wurde, aber Strukturen geherrscht haben, in denen umfassend, tiefgreifend und vor allem unverhältnismäßig in Familien eingegriffen wurde.

Den von ihnen gewählten Begriff des „Systemunrechts“ finde ich daher besonders geeignet. Ein Unrecht, das erst durch diese Strukturen und durch die Rahmensetzung der SED-Diktatur möglich wurde.

Zugleich sehe ich durch ihre Forschungsergebnisse eine Reihe von Ansatzpunkten, von denen es mir wichtig ist, dass wir sie gemeinsam weiterverfolgen.

Erstens: Die Betroffenen von Eingriffen in das Erziehungsrecht in der DDR, seien es Eltern, Kinder oder Geschwister, brauchen Begleitung.

Ich wünsche mir, dass die Beratungsarbeit weiter gestärkt wird. Dass den Betroffenen Unterstützung zuteilwird, die ihnen hilft, mit dem Erlebten besser umzugehen.

Zweitens: Aus meiner Sicht besteht, und das wurde im Laufe der Tagung deutlich, weiterer Forschungsbedarf.

Diesen Forschungsbedarf sehe ich insbesondere auch bezogen auf die psychischen Spätfolgen der erlebten Traumatisierungen. Das Gefühl des Ausgeliefertseins gegenüber einem übermächtigen Staat ist etwas, was bei den Betroffenen – wie beschrieben - tiefe Spuren hinterlässt.

Spuren, die in vielen Fällen in ein Misstrauen gegenüber jedwedem staatlichen Handeln, auch in unserer heutigen Demokratie, mündet. Ein Misstrauen, mitunter auch gegenüber Wissenschaft und Medien.

Drittens: Wir brauchen die Vermittlung eines komplexeren Bildes der DDR-Jugendhilfe in der Öffentlichkeit.

Auch wenn diese komplexere Betrachtung sich häufig nicht für Schlagzeilen eignet, ist sie jedoch Grundlage dafür, den Menschen die Leid erfahren haben, wirklich mit Blick auf ihr individuelles Schicksal gerecht zu werden. Zugleich hilft die Auseinandersetzung mit den Hintergründen dabei, um besser zu verstehen zu können, wie Diktaturen funktionieren.

Und viertens sehe ich als Opferbeauftragte des Bundestages zugleich die Notwendigkeit, gewissenhaft zu prüfen, inwieweit und für welche Betroffene die Instrumente unseres bestehenden Systems der Rehabilitierung und Unterstützung der SED-Opfer auch hier einen Beitrag leisten können.

Für mich ist diese Tagung heute daher zwar der Abschluss eines wichtigen Forschungsprojektes, aber zugleich vielmehr ein Zwischenschritt auf unserem gemeinsamen Weg.

Eines Weges der Aufklärung über die Hintergründe und Folgen des Eingriffs in Familien durch die staatlichen Behörden der DDR. Und eines Weges der bestmöglichen Unterstützung, der Menschen, die Leid erfahren mussten.

Vielen Dank!