16.06.2026 | Parlament

Rede bei der Gedenkveranstaltung am Gedenkort im Rosengarten Berlin-Friedrichshain auf Einladung der Vereinigung 17. Juni 1953 e. V.

Das Bild zeigt einen Mann und eine Frau, die draußen auf dem Gehweg neben einander stehen. Sie hält eine Rede und er hält ihr das Mikrofon.
Das Bild zeigt einen Mann und eine Frau, die draußen auf dem Gehweg neben einander stehen. Sie hält eine Rede und er hält ihr das Mikrofon.

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Die SED-Opferbeauftragte während ihrer Rede. Neben ihr steht Mike Mutterlose, Vorsitzender der Vereinigung 17. Juni 1953 e. V. (© Team Zupke)

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Die Veranstaltung fand anlässlich des 73. Jahrestags des Aufstands vom 17. Juni 1953 am Gedenkstein im Rosengarten in Berlin Friedrichshain-Kreuzberg statt. (© Team Zupke)

Sehr geehrte Gäste,
lieber Mike Mutterlose,

ich bin Ihnen dankbar, dass Sie diesen Ort für unser gemeinsames Gedenken an den DDR-Volksaufstand, den 17. Juni 1953, gewählt haben.

Hier am Rosengarten, genau hier, nahm der Volksaufstand seinen Anfang. Es war dieser Ort, an dem die Bauarbeiter sich versammelten, um gemeinsam zu demonstrieren. 

Wer aber waren diese Menschen, die sich am 16. und 17. Juni gegen das System auflehnten? Es waren ganz normale Menschen. 

Menschen wie Heinz Grünhagen. 1953 ist Heinz Grünhagen ein junger Bauarbeiter in Strausberg. Er ist fleißig und bei seinen Kollegen beliebt. Mit Anfang 20 hat er es bereits zum Vorarbeiter geschafft. Er ist verheiratet, seine Frau erwartet das erste Kind. 

Am Abend des 16. Juni hört er im RIAS, dass Berliner Bauarbeiter zum Sitz der DDR-Regierung ziehen. Dort verlangen sie die Rücknahme der staatlichen Normerhöhung und fordern freie Wahlen. Er ist begeistert von der Aktion. Am nächsten Morgen versammelt er seine Kollegen auf der Baustelle und organisiert einen Streik. Derweil rollen sowjetische Panzer in Berlin über die Straßen. 

Als die Strausberger Bauarbeiter nach Ost-Berlin fahren wollen, scheitern sie an den Straßensperren. Sie kehren um und gehen nach Hause. Doch für Heinz Grünhagen ist der 17. Juni damit nicht vorbei. Noch in der Nacht wird er verhaftet, tagelang verhört. Unter Druck und in Todesangst gesteht er, dass er von westlichen Geheimdiensten den Auftrag zur Streikunterstützung erhalten habe. 

In einem Schauprozess wird er zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt. In der Haft wird er isoliert. Er muss im Steinbruch arbeiten. Nach dreieinhalb Jahren kommt er endlich frei. Seine Tochter ist mittlerweile drei Jahre alt. Heinz Grünhagen sieht seine Tochter zum ersten Mal. Sie rennt vor ihrem Vater weg. Diese Erinnerung begleitet ihn sein ganzes Leben und seine Familie bis heute.

Der 17. Juni ist über die Jahrzehnte zu einem Symbol geworden. Zu einem Symbol für die Brutalität der SED-Diktatur. Gleichzeitig ist er aber, und dieser Punkt ist mir ganz besonders wichtig, ein Symbol für den Mut und den Widerstand der Menschen in der DDR.

Einen Widerstand, für den Hunderttausende mit unermesslichem Leid und, ja, viele auch mit dem Tod bezahlen mussten. 

Als ich vor mehreren Monaten in einem Interview kritisierte, dass noch heute Straßen nach dem ehemaligen DDR-Präsidenten Wilhelm Pieck benannt sind – nach dem Präsidenten, der Todesurteile gegen Andersdenkende unterzeichnete – waren die Reaktionen, die mich erreichten, teilweise sehr heftig.
„Frau Zupke, machen Sie unsere DDR nicht schlechter als sie war. Wir waren anständige Menschen.“

Noch heute erlebe ich, dass es vielen Menschen schwerfällt anzuerkennen, dass das Land, in dem sie lebten, eine Diktatur gewesen ist. 

Unser Respekt gegenüber dem Ringen von Millionen von Bürgerinnen und Bürgern um ein anständiges Leben in einem System ohne Anstand darf uns jedoch nicht davor zurückweichen lassen, die DDR klar als das zu benennen, was sie war: Ein Unrechtsstaat, der seine Bürger überwachte, der sie schikanierte, der sie einsperrte. Ein Staat, in dem fundamentale Menschenrechte tagtäglich verletzt wurden.

Für all das steht der 17. Juni 1953. Und umso wichtiger ist es, dass wir die Erinnerung an den 17. Juni hochhalten. Dass wir das Unrecht klar als Unrecht benennen. Dass wir die Helden des 17. Juni 1953 würdigen. Den Opfern des Kommunismus gedenken. Und die Menschen nach Kräften unterstützen, die noch heute unter den Folgen der Diktatur leiden. 

Unser Platz als demokratische Gesellschaft ist an der Seite der Opfer.

Vielen Dank!