17.06.2026 | Parlament

Rede bei der Festveranstaltung „30 Jahre Bürgerbüro e. V.“ im Besucherzentrum der Gedenkstätte Berliner Mauer

Das Foto zeigt eine Frau, die in einem Raum an einem Rednerpult steht und in ein Mikrofon spricht.

Die SED-Opferbeauftragte während Ihrer Rede. (© Team Zupke)

Liebe Hildigund Neubert,
liebe Mitglieder des Vorstandes des Bürgerbüros,
liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter,
liebe Wegbegleiterinnen und Wegbegleiter des Bürgerbüros,
liebe Zeitzeuginnen und Zeitzeugen,
sehr geehrte Gäste,

„Die Spitzel sind enttarnt. Die Täter sind verurteilt. Und die Opfer sind entschädigt. Gerechtigkeit ist wieder hergestellt.“ so schrieb es eine große deutsche Tageszeitung zum 5. Jahrestag der Deutschen Einheit zum 3. Oktober 1995.

„Gerechtigkeit ist wieder hergestellt.“ So einfach erschien es allzu vielen Menschen Mitte der 1990er-Jahre. 

Ja, die Diktatur endete im Herbst 1989. Die Folgen aber blieben. Und die Folgen der Diktatur waren es, die die Gründerinnen und Gründer des Bürgerbüros antrieben. 

Das Bürgerbüro, gegründet insbesondere von den Menschen, die die Härte der Diktatur am eigenen Leib erfahren haben. Die als letzte Generation des Widerstands aber erleben durften, wie der Widerspruch und der Widerstand schließlich im Herbst 1989 in die Freiheit führten. 

Was bedeutet es Opfer einer Diktatur zu werden? Haft, Zersetzung, Zwangsaussiedlung, Unterbringung in Spezialkinderheimen, Jugendwerkhöfen, Venerologischen Stationen, berufliche Benachteiligung, massive Eingriffe in die Familie oder auch Eigentumsentzug. Diese Liste ließe sich leider fast endlos fortsetzen. All das – die Repression und das Leid –  sind eben keine Episoden im Leben eines Menschen. Kein kurzer Umweg, nach dem dann alles in gewohnten Bahnen weiter verläuft. Diese Erfahrungen. Sie begleiten die Betroffenen durch ihr gesamtes Leben. Es ist wie ein Schatten, den man nicht einfach abschütteln kann. Oder wie es eine Frau, die im geschlossenen Jugendwerkhof Torgau untergebracht war, mir gegenüber ausdrückte:
„Der erste Gedanke, wenn ich morgens aufwache, ist Torgau. Und der letzte, bevor ich abends einschlafe, ebenso.“

In meiner Arbeit als Ombudsfrau für die SED-Opfer erlebe ich tagtäglich, wie weit der Schatten der Diktatur reicht. Wie sehr die erlebte Repression das Leben der Betroffenen über Jahrzehnte und bis zum heutigen Tag prägt. 

Gleichzeitig erlebe ich aber auch, was es für Betroffene bedeutet, wenn sie Beratung und Unterstützung finden. Wenn helfende und schützende Hände sie begleiten und Menschen sich auf ihre Seite stellen. Und genau das ist es, was das Bürgerbüro seit nunmehr 30 Jahren leistet.

Das Bürgerbüro hat tausende Opfer auf ihrem Weg der Anerkennung begleitet. Aus den Gesprächen mit vielen Betroffenen weiß ich, wie wichtig es ist, Unterstützung zu erhalten von Menschen, die sich auskennen. Dieses „Auskennen“ ist weit mehr als juristischer Sachverstand, der das Bürgerbüro seit Jahrzehnten auszeichnet. Es ist die intensive Begleitung und Beratung und zugleich das Grundverständnis dafür, was es bedeutet, solche Belastungen durch das Leben tragen zu müssen.

Das Bürgerbüro hat aber nicht nur ganz konkret einzelnen Betroffenen geholfen. Nein, das Bürgerbüro hat zugleich ganz wesentlich dazu beigetragen, dass der Blick auf die SED-Diktatur sich verändert hat. Es ist gerade auch dem Bürgerbüro zu verdanken, dass das Verständnis dafür gewachsen ist, wie komplex und wie weitreichend die Folgen der SED-Diktatur sind. Und dass schließlich, wenn auch nach teils jahrelangem Ringen, Gesetze gefasst, erweitert und verändert wurden. 

Für all das, was Sie für die Menschen geleistet haben, möchte ich Ihnen danken. Den Gründerinnen und Gründern des Bürgerbüros. Den Menschen, die über Jahrzehnte als Ehrenamtliche und Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter die Arbeit getragen haben. Und all denjenigen, die heute für das Bürgerbüro stehen.

Für mich ist das Bürgerbüro seit seiner Gründung ein Stück gelebte deutsche Einheit. Damals die DDR-Oppositionelle aus Ost-Berlin und der rheinland-pfälzische Bundeskanzler. Und heute der in Westdeutschland geborene Jurist gemeinsam mit dem früheren Bausoldaten.

Das Bürgerbüro steht dafür, dass die Auseinandersetzung mit der SED-Diktatur und ihren Folgen eben nicht eine Aufgabe von Ostdeutschen für Ostdeutsche ist. Sich für die Opfer einzusetzen ist in meinen Augen keine Frage der Herkunft oder gar des Alters. Es ist eine Frage der Haltung. Dafür braucht es Empathie für die Opfer und ein Verständnis dafür, dass unsere heutige Demokratie alles andere als selbstverständlich ist. Und auch dafür stand und steht das Bürgerbüro. Für ein Engagement aus der Mitte unserer Gesellschaft. Ein Engagement für die Opfer der SED-Diktatur und für den Erhalt unserer Demokratie.
Und dafür möchte ich Ihnen ganz persönlich, aber auch im Namen der vielen Betroffenen, denen sie geholfen haben und auch im Namen des Deutschen Bundestages, für den ich als Beauftragte wirken darf, danken.

Vielen Dank!