Rede bei der Gedenkstunde zum 64. Jahrestages des Mauerbaus in der Gedenkstätte Berliner Mauer
Heute begehen wir hier an der Bernauer Straße den 64. Jahrestag des Baus der Berliner Mauer.
Was bedeutet es, wenn der Staat nicht die Freiheit der Menschen garantiert, sondern sie einsperrt?
Die Berliner Mauer und die innerdeutsche Grenze. Sie war mehr als nur ein Riss durch unsere Hauptstadt und das ganze Land. Sie war das zu Stein, Beton und Stacheldraht gewordene Signal eines repressiven Staates an seine Bürger: „Eure Freiheit liegt in unseren Händen!“
Wir denken heute an all die Menschen, die bei ihrem Versuch, die Diktatur für ein Leben in Freiheit zu verlassen, ihr Leben ließen.
Die Opfer. Sie sind Menschen, wie du und ich. Menschen, wie Ida Siekmann, die wenige hundert Meter von hier in der Bernauer Straße 48 lebte. Als der Mauerbau begann, ist sie in größter Sorge. Und als schließlich am 21. August die Tür ihres Hauses zugemauert wurde, weiß sie keinen Ausweg mehr. In ihrer Not springt sie aus dem Fenster ihrer Wohnung Richtung West-Berlin. Beim Aufprall zieht sie sich schwerste Verletzungen zu. Tags darauf verstirbt sie im Lazarus-Krankenhaus. Im Tagesrapport der Volkspolizei heißt es nüchtern: „Sie wurde durch die Westfeuerwehr abtransportiert. Die Blutlache wurde mit Sand abgedeckt.“ Ida Siekmann war das erste Todesopfer der Berliner Mauer.
Wir gedenken heute der Opfer und denken zugleich auch an all die Familien, Verwandte und Freunde, die geliebte Menschen an Mauer und Grenze verloren haben. Sie leben bis heute mit diesem schmerzlichen Verlust. Unser Platz als demokratische Gesellschaft ist an der Seite der Opfer und ihrer Angehörigen.
Die Berliner Mauer. Sie mahnt uns, dass Freiheit und Demokratie keine Selbstverständlichkeit sind. Es ist eine Botschaft, die gerade heute so dringlich erscheint, wie selten zuvor. Das Gedenken an die Opfer der Diktatur ist zugleich ein Auftrag an uns alle, unsere heutige Freiheit zu schützen. Es liegt an uns, dass die Erinnerung an die Opfer des Grenzregimes, an die Opfer der SED-Diktatur, nicht verblasst. Es liegt an uns, die Opfer der SED-Diktatur zu würdigen und gleichzeitig den Wert der Freiheit in die Gesellschaft zu vermitteln. Mit unserem Gedenken heute hier im ehemaligen Todesstreifen erweisen wir den Opfern unseren Respekt. Wir vergessen sie nicht.
Vielen Dank!