26.09.2025 | Parlament

Grußwort beim 3. Bundeskongress politisch verfolgter Frauen in der SBZ/DDR, Dessau-Roßlau

Das Foto zeigt eine Frau von hinten, die in einem Saal an einem Rednerpult zu einem sitzenden Publikum spricht. Jeder Stuhl des Publikums ist besetzt.

Die SED-Opferbeauftragte hält ein Grußwort beim 3. Bundeskongress politisch
verfolgter Frauen in der SBZ/DDR, der sich dem „Dialog der Generationen“ widmete. (© Team Zupke)

Sehr geehrter Herr Bürgermeister Reck,
lieber Dieter Dombrowski, liebe Konstanze Helber,
liebe Anna Kaminsky, liebe Nancy Aris, lieber Johannes Beleites,
liebe Mitglieder des Frauenforums,
liebe ehemals politisch verfolgte Frauen,
liebe Angehörige,
sehr geehrte Gäste,

als wir uns beim letzten Bundesfrauenkongress vor zwei Jahren in Halle trafen, war die Lage noch eine andere. In meiner damaligen Rede berichtete ich Ihnen und Euch von den schwierigen Verhandlungen in Berlin. Von einem leergefegten Bundeshaushalt und einer Koalition, der es schwerfiel, noch zu gemeinsamen Entscheidungen zu finden. Aber ich berichtete auch von unserem klaren Ziel, mit guten Argumenten und dem Werben um Empathie für die Opfer, die Bundespolitik von der Notwendigkeit grundlegender Verbesserungen für die Betroffenen zu überzeugen. 

Das Foto zeigt frontal eine Frau, die in einem Saal an einem Rednerpult steht und in einem Mikrofon spricht. Hinter hier ist eine Bühne aufgebaut, auf der sechs leere Stühle stehen. Im Hintergrund ist eine Leinwand, auf der steht Grußworte, Evelyn Zupke, Bundesbeauftragte für die Opfer der SED-Diktatur. Im Vordergrund sitzen links im Publikum eine Frau und rechts im Publikum ein Mann; beide schauen zu der Rednerin.

Konstanze Helber, Vorsitzende des Forums für politisch verfolgte und inhaftierte Frauen der SBZ/SED-Diktatur e. V., Evelyn Zupke, SED-Opferbeauftragte beim Deutschen Bundestag, Dieter Dombrowski, Bundesvorsitzender der Union der Opferverbände Kommunistischer Gewaltherrschaft e. V. (UOKG), v. l. n. r. (© Team Zupke)

Damals, nach meiner Rede, nahm mich eine Frau zur Seite und fragte mich mit Blick auf all das was damals vor uns lag: „Evelyn, wird man an uns Frauen und wird man an unsere Kinder denken?“ Heute kann ich sagen: Ja! Die Politik sieht die politisch Verfolgten. Sie würdigt ihre Lebensleistung und sie hat das Ziel, dort zu helfen, wo Hilfe nötig ist. Ich bin dankbar, dass es gemeinsam gelungen ist, mit einer so umfassenden Gesetzesnovelle grundsätzliche und weitreichende Verbesserungen für die Betroffenen auf den Weg zu bringen. Ich denke dabei an die Hoheneckerin, die mir berichtet hat, dass sie mit der deutlichen Erhöhung der Opferrente endlich mit ihren Enkeln eine kleine Reise machen kann. Ich denke dabei an die heute über 90-jährige Zwangsausgesiedelte, die als junge Frau aus ihrer Heimat vertrieben wurde. Erst jetzt, nach dem Gesetzesbeschluss, hat sie zum ersten Mal ihr damaliges Dorf wieder besucht. Sie sagte: „Jetzt wissen es alle: Wir waren keine Verbrecher.“ Ich denke dabei, an die vielen Frauen, die in Hoheneck, in Hohenleuben, als Jugendliche in Torgau, im Roten Ochsen und anderswo inhaftiert waren. Und die heute an Gesundheitsschäden leiden. Gerade für sie haben wir nun endlich einen einfacheren Weg zur Unterstützung geschaffen. Und ich denke dabei an den bundesweiten Härtefallfonds, mit dem wir nun erstmals ein Instrument zur Unterstützung haben, bei dem auch die Kinder von politisch Verfolgten jetzt Hilfe erhalten können und nicht erst nach dem Tod der Eltern. Was für ein gemeinsamer Erfolg! Und was für ein Signal zu 35 Jahre Deutsche Einheit. Der Platz unserer demokratischen Gesellschaft ist an der Seite der Opfer!

Aber wir haben gemeinsam noch viel zu tun! Sei es für Gruppen, wie die Doping-Opfer, die Anti-D-Geschädigten und die Frauen, die in venerologische Stationen eingewiesen wurden. Ich denke aber auch an die Erinnerungskultur, an die Forschung und an die Aufarbeitung der Haftzwangsarbeit.

Ich verspreche Euch und Ihnen. Gemeinsam bleiben wir dran! Ich bin daher dankbar, dass ihr den Dialog der Generationen zum zentralen Thema des Bundesfrauenkongress gemacht habt. Ein Thema, dass auch mir ganz besonders am Herzen liegt.

Es stimmt mich mehr als nachdenklich, wenn ich erlebe, dass – wie in der vorletzten Woche – die Vorsitzende der Linken im Bundestag Heidi Reichinnek in einem Interview sagt: „Das in der DDR. Das war kein Sozialismus“. Dann merke ich, wie notwendig es ist, dass wir die Auseinandersetzung mit der SED-Diktatur, die Auseinandersetzung mit den Schicksalen der Opfer, in unsere Gesellschaft tragen. Ich habe daher Heidi Reichinnek zu einem Besuch nach Hoheneck eingeladen. Ich möchte, dass sie sich im Angesicht des Leids der Frauen, die im Namen des Sozialismus entrechtet und erniedrigt wurden, bewusst macht, wofür der Sozialismus eigentlich steht. 

Wir brauchen den Dialog der Generationen nicht nur in jeder Familie. Wir brauchen den Dialog der Generationen ebenso auch in unserer gesamten Gesellschaft.

Vielen Dank!