05.03.2026 | Parlament

Grußwort beim Fachgespräch„Scham und Angst: Zwangseinweisungen und Misshandlungen von jungen und minderjährigen Frauen in den sogenannten Tripperburgen der DDR“ im Deutschen Bundestag

Das Bild zeigt zwei Frauen und einen Mann, alle sitzen an einem Tisch. Die Frau in der Mitte spricht in eine Mikrofon.

Die SED-Opferbeauftragte bei ihrem Grußwort zu Begin des Fachgespräches „Scham und Angst: Zwangseinweisungen und Misshandlungen von jungen und minderjährigen Frauen in den sogenannten Tripperburgen der DDR“, im Deutschen Bundestag. (© Team Zupke)

Sehr geehrte Abgeordnete,
sehr geehrte Gäste,

„Ich war erst 15. Und mein Leben war von einem Tag auf den anderen nicht mehr das Gleiche.“
Dieser Satz einer Betroffenen bringt für mich in besonderer Weise das auf den Punkt, was die traumatisierenden Erlebnisse in den Geschlossenen Venerologischen Stationen für das Leben der Frauen bis heute bedeuten.

Lange Zeit wurde über diese Orte geschwiegen. Dass wir heute hier im Deutschen Bundestag über die Schicksale der Frauen und Mädchen sprechen können, die Opfer von Menschenrechtsverletzungen in besagten Stationen der DDR wurden, ist keine Selbstverständlichkeit. Das haben wir einzelnen mutigen Frauen zu verdanken, die ihr Schweigen gebrochen haben.

Und ebenso verdanken wir es Forscherinnen und Forschern, die mit ihrer jahrelangen Arbeit Licht in dieses dunkle Kapitel der Geschichte bringen. 

Hinter diesen Stationen für Geschlechtskrankheiten verbarg sich keine normale medizinische Einrichtung, sondern vielmehr ein ausgefeiltes System der Disziplinierung und Demütigung. Verachtend nannte man sie im Volksmund „Tripperburgen“. 

Doch wer in diese Stationen zwangseingewiesen wurde, war in der Regel nicht krank, hatte meistens keine Geschlechtskrankheit. Nein, eine medizinische Indikation fehlte bei mehr als zwei Drittel der Patientinnen. Die Einweisung war daher kein Akt der Heilung, sondern ein Akt der Bestrafung. Bestrafung, insbesondere durch tägliche brutale gynäkologische Untersuchungen gegen den Willen der Betroffenen. 

Bestrafung von Frauen, die nicht in das sozialistische Weltbild passten.

Diese Prozeduren dienten nicht der Diagnose –es waren sexuelle Übergriffe unter dem Deckmantel der Medizin. Sie trafen minderjährige Mädchen und junge Frauen, die „auffällig“ waren, die Probleme zuhause hatten, die westliche Musik hörten oder sich sonst der staatlichen Kontrolle entzogen. Oder die schlicht zur falschen Zeit am falschen Ort waren. 

Unter dem Vorwand der Volksgesundheit wurden sie ohne richterlichen Beschluss, über Wochen oder Monate, ihrer Freiheit beraubt.

Was bedeutet es, als junge Frau Opfer dieser staatlich organisierten Gewalt zu werden? 

Was wissen wir heute über das System der Geschlossenen Venerologischen Stationen und die bis heute andauernden Folgen für die Betroffenen?

Und was können wir in Gesellschaft und Politik dafür tun, um diesen Frauen noch besser helfen zu können?

All das sind Fragen, die nicht nur mich als Opferbeauftragte umtreiben, sondern seit vielen Jahren auch die Betroffenenvertreterinnen und insbesondere die Forschung. 

Ich freue mich daher sehr, dass Prof. Dr. Florian Steger meiner Einladung gefolgt ist. Prof. Steger ist Direktor des Instituts für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin der Universität Ulm. Er wird uns aus seiner langjährigen Forschung berichten. 

Liebe Angelika Börner, im Alter von nur 15 Jahren wurden Sie ohne medizinische Indikation für acht Wochen in der Geschlossenen Venerologischen Station der Poliklinik Mitte in Halle festgehalten. Ich weiß sehr zu schätzen, dass Sie heute Ihre Erfahrungen hier mit uns teilen werden. Es kostet unheimlich viel Mut und Kraft, über diese so einschneidenden Erlebnisse zu sprechen. Vielen Dank, dass Sie heute hier bei uns im Bundestag sind. 

Unser Blick richtet sich heute ganz bewusst nicht nur zurück auf das, was in den Stationen damals passierte. Gemeinsam wollen wir auch darüber ins Gespräch kommen, vor welchen Herausforderung die Betroffenen und auch wir als Gesellschaft heute stehen. Ich bin gespannt, darüber mit der Zeitzeugin und Initiatorin eines Erinnerungszeichens an der ehemaligen Geschlossenen Venerologischen Station Berlin-Buch Martina Blankenfeld, mit Dr. Fruzsina Müller vom Medizinhistorischen Institut der Charité Berlin und mit der Journalistin Sabine Seifert diskutieren zu dürfen. 

Eine Antwort darauf, wie wir das Thema noch stärker in die Gesellschaft tragen können, sehen Sie hier im Raum. Ich freue mich, einen Teil der Wanderausstellung „Einweisungsgrund: Herumtreiberei – Disziplinierung in Venerologischen Stationen und Spezialheimen der DDR“ des Vereins Riebeckstraße 63 und der Gedenkstätte Geschlossener Jugendwerkhof Torgau heute hier präsentieren zu dürfen. Eine Ausstellung, die Sie sehr gerne auch in Ihre Wahlkreise holen können. Dazu wenden Sie sich bitte an meine Geschäftsstelle oder den anwesenden Ausstellungskurator Hannes Schneider, dem ich herzlich für diese Ausstellung danken möchte. 

Eines der Wesensmerkmale der SED-Diktatur war die Geheimhaltung, die Verschleierung und das „Nicht offen sprechen“ dürfen. Bei der heute hier dargestellten Thematik kommt zusätzlich beinahe immer die eigene Scham hinzu. Ich bin überzeugt, dass unser heutiges Fachgespräch eine Ermutigung für viele Betroffene sein kann. 

Das Gespräch hier im Bundestag ist für mich zugleich Ausdruck dafür, wie wichtig es uns als demokratische Gesellschaft ist, dieses Unrecht klar als Unrecht zu benennen, den Betroffenen zu helfen und Aufklärung in der Gesellschaft zu leisten. Wir stehen an der Seite der Betroffenen. Und darum sprechen wir über die Schicksale der Menschen, die in den Geschlossenen Venerologischen Stationen Gewalt erfahren mussten. Nicht irgendwo, sondern ganz bewusst hier im Deutschen Bundestag, dem Herz unseres heutigen demokratischen Rechtsstaats. 

Vielen Dank!