Rede anlässlich der 28. Gedenkveranstaltung für die jugendlichen Opfer der Malchower Werwolf-Tragödie

Evelyn Zupke bei ihrer Rede vor der Villa Blanck, wo die Jugendlichen damals von der sowjetischen Administration festgehalten und gefoltert wurden. (© Team Zupke)
Sehr geehrter Herr Bürgermeister Putzar,
liebe Maybritt Krüger,
liebe Schülerinnen und Schüler der Fleesenseeschule Malchow,
sehr geehrte Angehörige,
sehr geehrte Gäste!
„Ich hatte Angst, noch in der gleichen Nacht erschossen zu werden.“
Ich vermute, all diejenigen von ihnen, die seit Jahren das Gedenken hier in Malchow besuchen, kennen diese Worte. Und doch, wenn man sie hört, gehen sie einem jedes Mal wieder nahe.
„Ich hatte Angst, noch in der gleichen Nacht erschossen zu werden.“ So beschrieb Detlev Putzar seine Gefühle kurz nach seiner Festnahme als mutmaßlicher Werwolf.
Erschossen wurde er nicht. Was jedoch folgte, war ein langer Weg des Leidens. Verurteilt zu zehn Jahren Lagerhaft. Sein Leid führte ihn über Waren, Alt Strelitz, Sachsenhausen schließlich nach Untermaßfeld. Angst, Gewalt, Hunger und Perspektivlosigkeit waren es, die sein Leben Tag für Tag prägten.
Zehn seiner Malchower Freunde überleben die Haft, den Hunger, nicht. Ihr junges Leben endete, noch bevor es – nach einer Jugend in den Kriegsjahren – wirklich beginnen konnte. Die Werwolf-Tragödie, sie ist eine tiefe Wunde im Leben der Betroffenen und ihrer Familien.
Die Werwolf-Tragödie und das Leid in den Lagern stehen zugleich aber noch für so viel mehr. Immer wieder begegne ich einem Schweigen, wenn ich über die Jahre nach dem Krieg spreche, über die SBZ, die Speziallager und die Menschen, die Leid erdulden mussten. Ein Schweigen, welches nicht unbedingt Desinteresse an den Schicksalen der Menschen ausdrückt, sondern vielmehr Unsicherheit. Ja, häufig auch Überforderung.
„Waren das denn wirklich Opfer? Frau Zupke, lassen sie sich als Opferbeauftragte nicht womöglich einspannen für Menschen, die zu Recht inhaftiert wurden?“
Diese Frage stellte mir eine junge Frau im vorletzten Jahr beim Tag der Deutschen Einheit in Schwerin. Sie bekam mit, wie ich an meinem Stand mit einem Mann darüber diskutierte, dass in den Speziallagern keinesfalls nur Täter des Nazi-Regimes inhaftiert waren, sondern eben auch Unschuldige.
Ihre Frage aber, so sehr sie uns ärgert, führt uns zu einem ganz wichtigen Punkt. Ist es uns bis heute ausreichend gelungen zu vermitteln, was diese Zeit geprägt hat?
Sind wir ehrlich: Unser Blick auf die Vergangenheit ist doch meist geprägt vom Zweiten Weltkrieg, vom Nationalsozialismus, und schließlich von der DDR. Die Zwischenzeit – nach Ende des Weltkrieges und vor Gründung der DDR –, diese Zeit bleibt meist im Dunkeln.
Doch diese Zeit, zwischen 1945 und 1949: Diese Zeit ist mehr als eine Art Nachbeben des Zweiten Weltkrieges. Diese Zeit zu verstehen, ist wichtig. Die Auseinandersetzung mit der SBZ kann wie ein Schlüssel sein. Ein Schlüssel zum Verständnis von Jahrzehnten der Diktatur im Osten Deutschlands. Die Einschüchterung einer ganzen Gesellschaft – die Angst als Kitt der Diktatur: Sie fand in dieser Zeit ihren Anfang.
Gerade in der Auseinandersetzung mit dieser Zeit können wir einem noch immer weit verbreiteten Mythos entgegentreten. Nein, der Sozialismus im östlichen Teil Deutschlands war eben nicht der Versuch einer besseren, gerechteren Gesellschaft. Ein Gesellschaftsmodell was gut begann und über die Jahre und Jahrzehnte auf die schiefe Bahn geriet.
Auch nach 1989, als die Diktatur zusammenbrach, blieben viele ehemalige Häftlinge stumm. Zu weit weg war das Erlebte von der gesellschaftlichen Realität der 1990er-Jahre. Und: Manchmal fehlten den Betroffenen einfach auch die Worte. Zu groß war die Sorge, nicht verstanden zu werden. Zu groß war der Schmerz, sich an das Leid zu erinnern.
Nach den Jahrzehnten das Schweigen brechen. Diesen Schritt zu gehen, ist nicht einfach. Aber er ist wichtig. Umso dankbarer bin ich den ehemaligen Häftlingen und ihren Familien, die ihre Geschichte mit uns teilen.
Und ich bin dankbar, dass Sie hier in Malchow jedes Jahr der Opfer gedenken. Das ist keine Selbstverständlichkeit! Sie halten die Erinnerung wach. Mit ihrer Erinnerungsarbeit geben sie den Opfern ein Stück Würde zurück. Die Würde, die den Menschen durch die Diktatur genommen wurde.
Das Gedenken an die Opfer der Diktatur. Es ist aktueller denn je. Es beunruhigt mich zutiefst, wenn Umfragen zeigen, dass mehr als die Hälfte der Befragten den Eindruck haben, dass sie keinen politischen Einfluss besitzen. Dass wir aus ihrer Sicht nur scheinbar in einer Demokratie leben, tatsächlich aber die Bürgerinnen und Bürger nichts zu sagen hätten. Ob Demokratie oder Diktatur, eigentlich ist es doch egal. Wenn wir für solche Sichtweisen nach Erklärungsmustern suchen, gibt es für mich keine einfachen Antworten.
Wichtig erscheint mir aber, dass wir uns als Gesellschaft immer wieder bewusst machen, was Diktatur wirklich bedeutet. Ich bin überzeugt davon, dass uns gerade die Auseinandersetzung mit der Werwolf-Tragödie dabei helfen kann, das Bewusstsein für den Wert der freiheitlichen Demokratie und der Menschenrechte zu stärken.
Das Gedenken an die Opfer der Diktatur, so wie heute hier in Malchow, ist für mich zugleich auch Arbeit an unserer Demokratie.
Wir gedenken der Opfer der Werwolf-Tragödie. Wir denken aber ebenso auch an all die Familien, Verwandte und Freunde, die geliebte Menschen durch die brutale Gewalt verloren haben. Sie leben bis heute mit diesem schmerzlichen Verlust.
Die Opfer der Werwolf-Tragödie und ihre Angehörigen: Wir vergessen sie nicht!
Vielen Dank.