26.10.2026 | Parlament

Grußwort zur Enthüllung einer „Berliner Gedenktafel“ für den Philosophen und Dissidenten Rudolf Bahro

Das Foto zeigt eine Frau, die draußen vor einem Haus an einem Rednerpult steht und in ein Mikrofon spricht. Im Hintergrund stehen zwei Männer. Einer von ihnen filmt mit der Kamera. Im Vordergrund stehen Menschen.
Das Foto zeigt eine Gedenktafel, die an einer Hauswand angebracht ist. Zu erkennen ist der Name Rudolf Bahro. Es steht noch weiterer Text geschrieben, der nicht lesbar ist.

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Die SED-Opferbeauftragte beim Deutschen Bundestag, Evelyn Zupke, während ihrer Rede. (© Team Zupke)

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Die Gedenktafel ist an dem ehemaligen Wohnhaus von Rudolf Bahro in der Streustraße 53 in Berlin-Weißensee angebracht. (© Team Zupke)

Zwei Männer. Ein Auto. Ein kleines Dorf mit sieben Häusern in Mukran auf Rügen. 

Die beiden Männer heben die Fußmatten des Autos an, montieren die Innenverkleidung ab, heben das Ersatzrad an. Ein 15-jähriges Mädchen schaut verwundert zu. 

Überall ziehen die Männer kleine Packen Papier hervor. Sie ordnen die Seiten, setzen sie zu einem Buch zusammen. Heraus kommt Rudolf Bahros „Die Alternative“. 

Das war 1977 vor dem Haus meiner Großmutter. Die zwei Männer waren meine Onkel. Die 15-Jährige war ich. 

Meine Onkel waren freischaffende Zirkusartisten und durften manchmal in den Westen reisen. Sie kamen gerade von Auftritten aus Skandinavien zurück und hatten den Bahro versteckt im Gepäck. 

Das Buch wurde dann in unserer Familie herumgereicht und kam irgendwann auch bei mir an. Ganz schön schwere Kost für eine 15-Jährige. Und ziemlich sicher habe ich nicht alles verstanden, und manches erschien mir seltsam.

Aber Bahros Gedanken hatten für mich damals eine sehr deutliche Botschaft: Man muss nicht alles hinnehmen, wie es ist. Mir machte das Buch Mut, selbst zu denken und kritisch nachzufragen.

Zur Rezeption und zum Leben von Rudolf Bahro werden wir gleich noch einiges hören aus berufener Quelle. Lieber Guntolf Herzberg, Wolfgang Templin hat Dich einmal als „den weltbesten Bahro-Biographen“ bezeichnet.

Daher will ich hier gar nicht mehr zu Rudolf Bahro sagen, sondern möchte den Blick etwas weiten: auf die Bedeutung von Erinnerungsorten und Gedenktafeln.

Der öffentliche Raum ist eine Art kollektives Gedächtnis. Bei Gedenktafeln und Straßennamen zeigt sich, an wen unsere Gesellschaft erinnern möchte. Dass Rudolf Bahro nun dazu gehört, finde ich außerordentlich wichtig.

Aber auch an Wilhelm Pieck erinnern Straßennamen, übrigens auch eine historische „Berliner Gedenktafel“ an der Torstraße, am ehemaligen Sitz des ZK der SED. Pieck hat als Staatspräsident der DDR Gnadengesuche politisch Verfolgter abgelehnt und damit darin Hinrichtungen besiegelt.  

Solche Beispiele zeigen, wie wichtig es ist, immer wieder zu fragen: Welche Geschichten erzählen unsere Straßenamen und Gedenktafeln? Und welche Gedenktafeln sollten wir in einen kritischen Kontext setzen, um eine reflektierte Erinnerung sicherzustellen? 

Als SED-Opferbeauftragte beim Deutschen Bundestag ist es mir ein Anliegen, dass wir im öffentlichen Raum stärker an die mutigen Persönlichkeiten der DDR-Opposition erinnern.

Wir sollten viel mehr sichtbar machen, wie viele Menschen sich in der DDR kritisch geäußert haben, wie viele Menschen sich jahrzehntelang der SED-Diktatur entgegengestellt haben – aus ganz unterschiedlichen Gründen, mit ganz unterschiedlichen Argumenten, mit ganz unterschiedlichen Zielen und Ideen.

Denn wir verdanken unsere heutige Freiheit doch nicht Wilhelm Pieck. Sondern mutigen Menschen, die in der SED-Diktatur Widerspruch und Widerstand geleistet haben. 

Der Verein Aktives Museum Faschismus und Widerstand, der die Berliner Gedenktafeln betreut, und der Arbeitskreis Berliner Regionalmuseen haben wichtige Grundlagen für die Diskussion um Straßennamen geschaffen. Mit den Ausstellungen „umbenennen?“ und weiteren Aktionen. 

Die Debatten sind vielschichtig. Es geht um Straßennamen mit Bezug zur Gewalt im Kolonialismus, um Benennungen mit Bezug zum Nationalsozialismus, und eben auch um Straßennamen, die bis heute das Unrecht der SED-Diktatur abbilden. 

Ich danke allen, die diese Diskussionen führen, und die sich um die „Berliner Gedenktafeln“ verdient machen: ganz besonders dem Aktiven Museum, der Stiftung Gedenkstätte Deutscher Widerstand, dem Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, dem Land Berlin und der GASAG. 

Aktuell gibt es 31 Berliner Gedenktafeln zum Widerstand in der DDR. Ab heute sind es 32. Ich hoffe, es werden immer mehr. 

Vielen Dank für Ihr Engagement!