„Menschenrechte im Fokus: Politische Haft und ihre gesundheitlichen Folgen“, Austausch mit Dissidentinnen und Dissidenten
Am 13. November 2025 lud die SED-Opferbeauftragte im Rahmen der Berlin Freedom Week zusammen mit der Robert-Havemann-Gesellschaft internationale Dissidentinnen und Dissidenten zusammen mit ehemaligen DDR-Oppositionellen in den Deutschen Bundestags ein, um über politische Haft und ihre gesundheitlichen Folgen zu sprechen.
Die Berlin Freedom Week fand dieses Jahr, anlässlich des 36. Mauerfalljubiläums, erstmalig statt und bot mit rund 170 Veranstaltungen an 90 Orten vom 8. bis 15. November 2025 einem breiten Publikum Konferenz- und Dialogformate, Zeitzeugengespräche, sowie zahlreiche Kulturveranstaltungen rund um das Thema Freiheit, Demokratie und Menschenrechte.
Dass Freiheit und Demokratie keine Selbstverständlichkeit sind, erlebt die SED-Opferbeauftragte nicht nur in ihren Gesprächen mit Menschen, die in der DDR politisch verfolgt wurden, sondern auch, wenn sie sich mit heutigen Oppositionellen austauscht, die weltweit in ihren Ländern für Freiheit und Selbstbestimmung kämpfen.
Dies verdeutlichte auch die Veranstaltung am 13. November im Europasaal.
In zwei Gesprächsrunden, moderiert von Evelyn Zupke, berichteten ehemalige politische Häftlinge von ihren Erlebnissen und den gesundheitlichen Folgen, sowie Menschenrechtsaktivisten darüber, was Solidarität und Öffentlichkeit für die politischen Häftlingen damals und heute bedeutet.
Arif Yunus, der 2014 zusammen mit seiner Frau Leyla Yunus in Aserbaidschan verhaftet und zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt wurde, berichtete, dass neben der erfahrenen körperlichen Gewalt, wie den Schlägen mit Wasser gefüllten Plastikflaschen auf den Kopf oder dem Auspeitschen mit nassen Handtüchern, vor allem die Ungewissheit und Sorge um seine Angehörigen während der Isolationshaft die schlimmste Folter gewesen seien. Für Leyla Yunus war es die schlimmste Zeit ihres Lebens: „In der Diktatur, sind Sie für die Aufseher im Gefängnis kein Mensch mehr.“
Von ähnlichen Erfahrungen erzählte auch Gino Kuhn, ehemaliger politischer Häftling der SED-Diktatur, der als Fluchthelfer helfen wollte. Er verarbeitet seine DDR-Hafterfahrungen seit seinem Freikauf durch die BRD in Kunst und ist als Zeitzeuge in der Gedenkstätte-Hohenschönhausen tätig. Für das Gespräch im Bundestag stellte er drei seiner Bilder zur Verfügung.
Tolou Maslahati, psychologische Psychotherapeutin und Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Charité berichtete aus ihrer Forschung zu den gesundheitlichen Folgen politischer Haft in der SED-Diktatur. Nach ihren Ergebnissen erkranken ehemalige politische Häftlinge deutlich häufiger als die Allgemeinbevölkerung. Sowohl an psychischen Erkrankungen wie posttraumatischen Belastungsstörungen, Depressionen und Angststörungen als auch an körperlichen, wie Krebs und Herzinsuffizienz. Selbst bei der Generation der Nachkommen, unabhängig davon, ob sie zum Zeitpunkt der Repression bereits geboren waren oder nicht, sei ein signifikant erhöhtes Risiko zu erkennen, an psychischen sowie körperlichen Leiden zu erkranken. Eine Verminderung des Risikos lasse sich allerdings durch die Anerkennung des erlittenen Unrechts feststellen.
Auch Gesine Oltmanns und Ulrike Poppe, zwei wichtige DDR- Oppositionelle und entscheidende Personen der Friedlichen Revolution, beklagten die weiterhin fehlende gesellschaftliche Anerkennung der Freiheitskämpfer und Opfer von Repression. Neben einer oftmals prekären finanziellen Situation leiden Betroffene nicht nur an gesundheitlichen Folgeschäden, sondern stoßen zudem oftmals auf Unverständnis und Skepsis. Die meisten von ihnen seien vergessen worden. So sei es auch ein „Wahnsinnsdefizit“, dass das geplante Mahnmal für die Opfer der kommunistischen Diktatur nach 35 Jahren immer noch nicht existiere, so Gesine Optmanns.
Die Exilkünstlerin und Menschenrechtsaktivistin Ghazal Abdollahi kämpft gegen das Vergessen. Mit eindrucksvollen Zeichnungen präsentierte sie im Iran inhaftierte Frauen, die sie während der Besuche ihrer Mutter im Ewin-Gefängnis gezeichnet hatte und hob die Folgen für die Kinder politischer Aktivisten und deren Familienverhältnisse hervor. Sie selbst ist Tochter der mehrfach inhaftierten Menschenrechtsaktivistin und Fotojournalisitin Aliyeh Motallebzadeh. Ihr Vater steht als Künstler im Iran genauso, wie sie selbst auf der ‚Schwarzen Liste‘. Als Jugendliche empfand sie teilweise Wut und Unverständnis gegenüber ihren Eltern. Seitdem sie erwachsen ist und die Einschränkungen durch das System Teil ihres eigenen Lebens wurden, entstand Verständnis und Verbundenheit. Heutzutage fühlt sie sich privilegiert, das mitbekommen zu haben, was ihre Eltern ihr mitgaben. Mittlerweile wohnt Ghazal Abollahi in Berlin und darf endlich ihre Kunst ausstellen. Für sich selbst musste sie erstmal lernen, frei zu sein.
Die Menschenrechtlerin Caoilfhion Gallagher KC aus Irland, die weltweit Fälle, insbesondere von inhaftierten Journalisten, betreut, betonte die Wichtigkeit und Wirkung zügiger internationaler Solidarität und appellierte an die Abgeordneten, sich auch einzeln für Fälle politischer Haft stark zu machen.
Im Bereich der Aufarbeitung politischer Haft wurden in Deutschland sowohl in der Forschung als auch in der konkreten Unterstützung der Betroffenen zuletzt wesentliche Fortschritte erzielt. Vieles hat dabei aber 35 Jahre gedauert. Und auch in Deutschland erscheint Freiheit und Demokratie leider keine Selbstverständlichkeit mehr. Der SED-Opferbeauftragte ist es daher ein großes Anliegen, dass unser Parlament mit jungen Demokratien zusammenarbeitet und den heutigen Oppositionellen in totalitären Regimen immer wieder Mut macht.