„Leben nach der Haft“ Ausstellungseröffnung in der Gedenkstätte Zuchthaus Cottbus
Am 28. Mai 2026 wurde in der Gedenkstätte Zuchthaus Cottbus/Menschenrechtszentrum Cottbus die neue Sonderausstellung „Leben nach der Haft“ eröffnet. Die Ausstellung widmet sich den Frauen und Männern, die in der DDR zwischen 1949 und 1989 aus politischen Gründen inhaftiert waren. Dabei steht die Frage im Mittelpunkt, inwiefern die Hafterfahrungen bis heute nachwirken. Und sie fragt nach den Folgeschäden und Auswirkungen für die ehemaligen Inhaftierten sowie deren Familien – unabhängig davon, ob sie von der Bundesrepublik freigekauft oder in die DDR entlassen worden sind. Die Ausstellung ist in Kooperation zwischen dem Menschenrechtszentrum Cottbus und der Stiftung Gedenkstätte Lindenstraße Potsdam und mit finanzieller Unterstützung durch die Landesbeauftragte zur Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur entstanden und ist bis zum 13. September 2026 im ehemaligen Zuchthaus Cottbus zu sehen.
Viele ehemalige politische Gefangene, die in Cottbus inhaftiert waren und ihre Familien waren der Einladung zur Eröffnung der Ausstellung in die Gedenkstätte gefolgt – sie alle standen an diesem Nachmittag spürbar im Mittelpunkt der Veranstaltung. Stellvertretend für ihre Geschichten und Erlebnisse berichteten Michael Senger und Claus Kurth in einem Zeitzeugengespräch, moderiert von Dr. Eva Fuchslocher, wie es ihnen nach der Inhaftierung und dem Freikauf in die Bundesrepublik – in Freiheit – erging. Darüber, wie schwer oder leicht der Neuanfang war, wie sie ihr Leben meisterten und wie sie heute mit den Erlebnissen und Folgen leben. Besonders erschütternd waren die Schilderungen von Claus Kurth, der wegen eines Ausreiseantrages – gemeinsam mit seiner Frau - für zwei Monate in U-Haft und sechs Monate ins Gefängnis kam, nicht wissend was mit den zwei kleinen Kindern passiert. Bis heute verfolgen den Vater die Momente der Ohnmacht und Sorge um die Kinder. Michael Senger, erst 18 Jahre alt, kommt wegen eines gescheiterten Fluchtversuchs für zwei Jahre ins Gefängnis, erst nach Potsdam in die Lindenstraße, dann nach Cottbus. Auch bei ihm ließen die unmenschlichen Haftbedingungen, Demütigungen, Zwangsarbeit und der Verlust der Heimat tiefe seelische Spuren zurück, die er bis heute nicht vergessen kann.
Die Ausstellungseröffnung fand in der ehemaligen „Pentacon-Halle“ statt; hier wurden für die Stammzentrale von Pentacon in Dresden, Kameragehäuse von Häftlingen im Akkord und unter Zwang gestanzt. Kameras des VEB Pentacon wurden u.a. auch durch mehrere Versandhändler in Westdeutschland verkauft.
In seiner Eröffnungsrede berichtete der ehemalige politische Häftling und heutige Vorsitzende des Dachverbands der Opferverbände (UOKG) Dieter Dombrowski von seiner Inhaftierung im Cottbuser Gefängnis, wie es ihm nach dem Freikauf erging und dass die Erlebnisse nach der Haft nicht vergessen und verdrängt werden können. „Sie holen uns immer wieder ein!“, so Dombrowski.
In einer Podiumsdiskussion mit der Brandenburger Landesbeauftragten Dr. Maria Nooke (LAkD) und Dr. Sebastian Richter vom Stasi-Unterlagen-Archiv Frankfurt (Oder), moderiert von Heide Schinowsky (Leiterin der Gedenkstätte Zuchthaus Cottbus), hob die SED-Opferbeauftragte Evelyn Zupke die weitreichenden Verbesserungen hervor, die im vergangenen Jahr durch die Novellierung der SED-Unrechtsbereinigungsgesetze erreicht werden konnten und berichtete vom erfolgreichen Start des bundesweiten Härtefallfonds. Gleichzeitig machte sie auch auf die Opfergruppen aufmerksam, die nach wie vor nur wenig Wahrnehmung in der Öffentlichkeit erfahren, beispielsweise die jungen Frauen und Mädchen, die in den Geschlossenen Venerologischen Stationen erniedrigt und entrechtet wurden, oder die Menschen, die als „Asoziale“ diffamiert und inhaftiert wurden. Ein berührender Höhepunkt für alle war die Interpretation zweier Songs von einer Cottbuser Schülerband, die für zwei im Publikum anwesenden ehemaligen Häftlinge eine besondere Bedeutung haben.
Der Ausstellungseröffnung war die erste Sitzung des neugeschaffenen wissenschaftlichen Beirats der Gedenkstätte vorausgegangen. Aufgabe des Beirates, dem neben der Opferbeauftragten unterschiedliche Expertinnen und Experten aus dem In- und Ausland angehören, ist es die Gedenkstätte in zentralen Fragen zu beraten.