Die „Keibelstraße“ als doppelter Haftort
Auf Einladung der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen und des Lernortes Keibelstraße nahm die SED-Opferbeauftragte am 24. Juni 2025 an der Veranstaltung „Die Keibelstraße als doppelter Haftort“ teil und hielt dort ein Grußwort.

Hafttrakt in der ehemaligen Untersuchungshaftanstalt „Keibelstraße“ - heute ein Lernort (© Team Zupke)
Die Untersuchungshaftanstalt (UHA) befand sich von 1951 bis 1990 im Polizeipräsidium der Volkspolizei (VP) nahe dem Berliner Alexanderplatz. In der Bevölkerung war die UHA unter dem Namen „Keibelstraße“ bekannt und gefürchtet als erster Gewahrsamsort, in dem auch Frauen inhaftiert wurden. Untersuchungshäftlinge wurden dort für einige Stunden, Tage oder Monate festgehalten. Neben in heutigem Verständnis Kriminellen wurden auch solche Personen eingeliefert, denen politische Vergehen wie sogenannte „Republikflucht“, „staatsfeindliche Hetze“, „Asozialität“ oder „Rowdytum“ vorgeworfen wurden.
Dr. Helge Heidemeyer, Direktor der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen, begrüßte die Veranstaltungsgäste und skizzierte die Geschichte der Haftanstalt. Er plädierte dafür, dass nötige finanzielle Mittel bereitgestellt werden müssten, um die Forschung und Aufarbeitung des Lernortes Keibelstraße weiter voranzutreiben. Dr. Henrike Voigtländer, Leiterin des Lernorts Keibelstraße, betonte in ihrem Beitrag die zentrale Rolle der doppelten Geschichte der Haftanstalt für die Bildungsarbeit. Besonders für künftige Generationen seien die Schicksale, der damals nonkonformen - meist jugendlichen – Inhaftierten von unschätzbarem Wert. Frank Ebert, Berliner Beauftragter zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, bezeichnete in seiner Rede die Gedenkstätten als mittler von Diktaturerfahrung in die Gesellschaft und warb für einen konsequenten Ausbau des Lernortes.
In ihrer Rede hob die SED-Opferbeauftragte die Bedeutung des Lernortes Keibelstraße für unser Verständnis der Geschichte der DDR hervor. So mache die Keibelstraße die Auswirkungen der Machtstrukturen der SED-Diktatur auf die Bevölkerung sichtbar:
„Die Keibelstraße, sie ist Haftort und zugleich das ehemalige Präsidium der Ostberliner Volkspolizei. Direkt dem Minister für Inneres unterstellt war das Präsidium eben auch ein wichtiges Instrument zur politischen Verfolgung Andersdenkender. Ein Instrument im Repressionssystem, welches aus meiner Sicht bisher viel zu wenig Beachtung fand.“, erklärte Zupke.

Evelyn Zupke während der Veranstaltung. Auf dem Podium berichten zwei Zeitzeugen von ihren Erlebnissen in der „Keibelstraße“. (© Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen)
Die Bundesbeauftragte war besonders bewegt von den persönlichen Schicksalen der Zeitzeugen Michael Brack und Jürgen „Chaos“ Gutjahr, die mit dem Publikum ihre Hafterlebnisse auf dem Podium teilten. Sie berichteten von Schikanen bis hin zu massivsten physischen Gewalterlebnissen durch Volkspolizisten. Podiumsgast Dr. Jens Gieseke, Historiker und Leiter der Abteilung I am Leibniz-Zentrum für zeithistorische Forschung, schlussfolgerte auf Nachfrage des Publikums, dass es keine klare Abgrenzung der Zuständigkeiten bei Eingriffen durch die Stasi und die VP auf politisch missliebige Personen gebe. Letztlich setzten beide Eingriffsorgane die Staatsdoktrin gewaltsam durch, wobei der Apparat des Ministeriums für Staatssicherheit weitaus größer war – und damit einen größeren Machtradius hatte - als die VP, schloss er ab.
Im Rahmen der Veranstaltung wurden Führungen durch den Lernort Keibelstraße angeboten.